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Leck im Atomkraftwerk

Japan probt den Ernstfall: Still verharren

(la) Jetzt wird’s ernst – eine Atomanlage fällt fast auseinander, aber die Betreiber sehen es nicht für notwendig, die Bevölkerung zu informieren. Mitte Dezember passierte es – Japans erster Atomreaktor vom Typ „Schneller Brüter“ schlug Leck. Kein schwerer Unfall, soließ man Bevölkerung und Weltöffentlichkeit wissen. Allerdings erst mehrere Tage später. Warum was genau passierte blieb lange unklar und ist auch bis heute eher ein Tabu-Thema. Und das, obwohl es weitere Projekte dieser Art, z.B. in Frankreich gibt und weitere Unfälle nicht auszuschließen sind.

Bei dem Störfall war aus dem zweiten Kühlsystem flüssiges Natrium ausgetreten. Nach Meldungen der örtlichen Presse führte die Reaktion vom Natrium mit der Feuchtigkeit aus der Luft zu Temperaturen von etwa eintausend Grad Celsius. Temperaturen, bei denen durchaus auch Metalle wegschmelzen. Und so ein Reaktor besteht zu einem großen Teil aus Metallen.

Der Reaktor, der zu Forschungszwecken betrieben wird, lief bei ca. vierzigprozentiger Kapazität, als aus dem sekundären Kühlkreislauf flüssiges Natrium auslief. Die Betreiber gaben an, daß dies zwei bis drei Tonnen waren. Schnelle Brüter, die aus Uran zuerst Plutonium machen und dann aus dem radioaktiven (und außerdem extrem giftigen) Stoff weitere Energie gewinnen, können nicht wie andere Atomkraftwerke, mit Wasser gekühlt werden. Sie gewinnen zwar sechzig Prozent mehr Energie als „konventionelle“ Atomkratwerke, müssen aber wegen den großen Energien Natrium verwendet, das als Metall gut Wärme leitet. Bei Kontakt mit Wasser brennt das Leichtmetall aber spontan, wobei es auch explodieren kann. Warum das Natrium ausgelaufen ist, wurde nicht verlautbart.

Neben all diesen, aus der Struktur herrührenden Gefahren, kam noch einiges anderes hinzu: der Reaktor wurde erst neunzig Minuten später von Hand abgeschaltet. Außerdem hatten die Behörden darauf verzichtet, die rund 70.000 EinwohnerInnen der nahegelegenen Stadt Tsuruga zu informieren. Und das, obwohl 23.000 Haushalte an ein Warnsystem angeschlossen sind, daß bei einem Unfall im Reaktor Alarm auslöst. Die Gefahr einer weiteren Zerstörung – über den sekundären Kühlkreislauf hinaus – war durchaus gegeben.

Aber die Tatsache, daß ersteinmal keine Radioaktivität ausgetreten war, hatte zu diesen Schritten veranlaßt. Ein großer Brand oder eine Explosion im Kühlsystem könnte allerdings zu Freisetzung von Radioaktivität in der Größenordnung von Tschernobyl führen. Vielleicht dachten die Behörden ja, daß dann auch nichts mehr zu retten sei. Ein japanische Universitätsprofessor meinte lapidar, daß solche Havarien zum normalen Programm gehören und nicht zu vermeiden wären.

Trotz allem will die Tokioter Regierung an den umstrittenen Projekt festhalten. Der Reaktor habe eine Struktur, die das Entweichen von Stoffen verhindere, wie RegierungsvertreterInnen erklärten. Der Prototyp ist eines der 50 in Japan betriebenen Atomkraftwerke, mit denen sich Japan von seiner extremen Ölabhängigkeit befreien möchte. Politisch-wirtschaftliches Kalkül also – wie auch in so vielen anderen Bereichen, wo es um Atom geht.

Trotzdem wächst in Japan, welches ohnehin durch Erdbebengefahr nicht von Katastrohen bewahrt bleibt, die Anti-Atom-Bewegung. Der Reaktor ist auch umstritten, weil er mehr Plutonium produziert als er verbraucht. Das anfallende Plutonium könnte für Waffen verwendet werden.


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