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Köpfe und Tücher

Wenn Kulturen sich treffen

(gr) „Wenn ich in der U-Bahn sitze“, sagt Fatma, „gucken mich die Leute so an. Als wär' ich irgendwie anders. Ich glaub', es ist wegen dem Kopftuch.“ Fatma ist Türkin und 15 Jahre alt. Seit ihrer Geburt lebt sie in Deutschland. Nach der Schule will sie eine Lehre als Verkäuferin beginnen. Daß es wegen ihrem Kopftuch Probleme geben wird, weiß sie schon: „Einmal wollte ich ein Praktikum machen in einem Kaufhaus am Ku'damm. Die Frau dort verlangte, daß ich beim Arbeiten das Kopftuch absetze. Das wollte ich aber nicht.“

Fatma ist ein stilles Mädchen. Die Frage jedoch, ob die Eltern ihr verbieten, das Kopftuch abzusetzen, verneint sie energisch. „Ich selber will es so. Aus religiösen Gründen“, setzt sie schnell hinzu. „Fremde Männer dürfen das Haar nicht sehen. Nur Frauen.“ Gegen die islamischen Gebote zu verstoßen, und sich, wie manch eine ihrer Landsfrauen, der „freien westlichen Kleiderordnung“ anzupassen, ist für Fatma undenkbar: „Diese Mädchen sind schlechte Moslems.“ Daß die Hauptsache für einen Gläubigen sicher nicht das Kopftuch, sondern das „reine Herz“ ist, gibt Fatma zwar zu, „...aber das äußere Bild muß eben stimmen.“

Karin Lenz sitzt in der Personalabteilung im 5. Stock des erwähnten Kaufhauses am Kurfürstendamm. Schon bei der Begrüßung, betont sie ausdrücklich und mit etwas Nervosität in der Stimme, daß ihr Haus keineswegs etwas gegen Ausländer habe. „Aber es ist schon ein Unterschied, ob sie einem Mädchen mit Kopftuch in der U-Bahn begegnen, ob es sie in einer Boutique bedient“, meint sie und rückt an ihrer Brille. „Unsere Kunden haben eine bestimmte Erwartungshaltung gegenüber dem Verkaufspersonal. Sie erwarten, daß sich die Arbeitskleidung der Verkäuferinnen an der westlichen Mode orientiert. Danach richten wir uns. Auch unsere ausländischen Mitarbeiter müssen sich da anpassen. Ich verlange ja nicht, daß sie ihre Religion ablegen, nur das Kopftuch eben.“

„Es wäre oberflächlich zu behaupten, Kaufhäuser, die türkische Mädchen mit Kopftuch nicht einstellen, seien intolerant“, meint Karsten Schmitt, Deutschlehrer an Fatmas Schule. Er bemühte sich damals besonders darum, ein Praktikumsplatz für Fatma zu finden, und begegnete dabei festgefahrenen Vorurteilen auf beiden Seiten. „Kinder, die in streng islamischen Elternhäusern aufwachsen, übernehmen natürlich von klein auf die Normen ihrer Eltern und sind überzeugt davon, selbst wenn sie dadurch in Deutschland Schwierigkeiten bekommen. Nicht anders ist es bei der westlichen Art von Erziehung. Auch wir haben unsere Vorstellung darüber, wie zum Beispiel eine Verkäuferin auszusehen hat, bloß von den Eltern übernommen.“ Die eigentliche Ursache für das „Kopftuch-Problem“ sieht Schmitt in der Angst beider Seiten, einen Teil ihrer kulturellen Identität zu verlieren. „Die Mehrheit verlangt von der Minderheit, sich anzupassen. Die Minderheit wiederum wehrt sich dagegen, von einer fremden Kultur aufgesogen zu werden.“

Das Kopftuch ist eigentlich nur eine Äußerlichkeit, die beide Seite sehr hoch bewerten. Was würde es uns ausmachen, im Kaufhaus von einer Verkäuferin mit Kopftuch bedient zu werden? Und: Wieviel an kultreller Identität verliert ein türkisches Mädchen, wenn es sein Kopftuch acht Stunden am Tag absetzt? Für Fatma jedenfalls steht fest, daß sie das Kopftuch auch dann tragen wird, wenn sie nächstes Jahr wegen einer Lehrstelle zum Bewerbungsgespräch geht. „Wenn es mit einer Stelle als Verkäuferin nicht klappt, gehe ich eben in die Elektronikindustrie, am Fließband Geräte zusammensetzen.“ Dort tragen alle eine Kopfbedeckung. Aus Arbeitsschutzgründen.


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