Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(tg) Im November letzten Jahres sind der Schriftsteller Ken Saro-Wiwa und acht weitere Bürgerrechtler der MOSOP (Bewegung für das Überleben der Ogoni) nach einem äußerst fadenscheinigen Prozeß von einem Militärgericht verurteilt und ermordet worden. Sie mußten offenbar aus dem Weg geräumt werden, weil sie gegen die Unterdrückung des Ogoni-Volkes und gegen die durch die Ölförderung hervorgerufene Zerstörung ihres Lebensraumes friedlich protestiert hatten. Aus der ganzen Welt kamen nun Reaktionen, die die Hinrichtungen scharf verurteilten.
Viele Worte, wenig konkrete Schritte: Nigerias Mitgliedsschaft im Commonwealth wurde zwar an die Bedingung geknüpft, daß Nigeria die Situation der Menschenrechte bis zum Ablauf einer bestimmten Frist verbessern müsse. Ausgeschlossen wurde das Land aber nicht. Einige Staaten beschlossen Abschiebestops für nigerianische Asylbewerber oder riefen ihre Botschafter zurück. Aber auf ein umfassendes Öl-Embargo, vielleicht die einzige Möglichkeit, die Militärjunta des westafrikanischen Landes wirklich zu bedrängen, wollte sich keiner festlegen. Ein entscheidender Punkt, denn 90 % der Deviseneinkünfte Nigerias kommen aus dem Ölexport. Auch der britisch-niederländische Konzern Shell äußerte tiefes Bedauern über den Vorfall. Dabei ist Shell jedoch der Hauptschuldige an der Zerstörung des Niger-Deltas, gegen die die neun hingerichteten Bürgerrechtler protestierten. Shell ist auch derjenige, der am meisten von der Ausbeutung der nigerianischen Resourcen profitiert. Seit 1958 hat der Öl-Multi in enger Zusammenarbeit mit dem staatlichen nigerianischen Unternehmen NNPC und den Konzernen (Agip und Elf) bereits Werte von 30 Milliarden US-$ aus dem Land weggeschafft.
Ohne Petroleumexport wäre Nigerias Wirtschaft überhaupt nicht lebensfähig. Konsequenz daraus ist eine extrem enge Verbindung zwischen Regierung und der ölfördernden Industrie. Das jüngste Beispiel: Als zahlreiche Protestaktionen der Ogoni drohten, die Förderung des Schwarzen Goldes lahmzulegen, war das nigerianische Regime unter General Sani Abacha bereit, militärisch zu zu schlagen, nachdem Shell darum bat. Der Konzern versprach, 20 Millionen Dollar in die Infrastruktur zu investieren.
Den großen Einfluß, den das Unternehmen durch diese enge Verknüpfung auf die Militärjunta Nigerias hat, hat es allerdings nie ausgenutzt, um einen mäßigenden Einfluß auszuüben. So auch nicht im Falle Saro-Wiwas. Im Gegenteil, das Unternehmen gab drei Tage nach den Hinrichtungen zu, eine weitere Investition in eine neue Flüssiggasanlage zu planen.
Shell behauptet sogar, alles zu versuchen, um der Bevölkerung Vorteile zu verschaffen und die Umwelt zu schützen. In der Realität ist davon wenig zu spüren. Das sensible Ökosystem im Niger-Delta mit seinen Sumpf- und Mangrowenwäldern wird durch immer wieder auftretende Lecke an den oft maroden Öl-Pipelines nach und nach zerstört. Nach Shell-eigenen Angaben gibt es jedes Jahr etwa 200 dieser Brüche. Dies ist nicht nur eine ökologische Katastrophe. Für die traditionell von Fischerei und Landwirtschaft lebenden Ogoni bedeutet es auch den Verlust ihrer Lebensgrundlage. Verseuchter Fisch (wenn er überhaupt noch lebt) oder veröltes Gemüse läßt sich nun mal schlecht essen oder gar verkaufen. Wirtschaftlich gesehen bedeutet die Ölförderung also eher einen Nachteil für die Bewohner, wenn sie nicht bei Shell oder bei dem nigerianischen Ölunternehmen angestellt sind.
Auch in anderen Bereichen sucht man vergebens nach den Vorteilen, die die Ogoni angeblich aus den Aktivitäten von Shell in ihrem Gebiet ziehen sollen: Den Menschen geht es miserabel, von irgendwelchen Investitionen ist in ihren Dörfern nichts zu merken. Es wird sichtbar, daß die Mißstände, gegen die Saro-Wiwa protestiert und gekämpft hatte, nicht zuletzt durch Shell verursacht worden sind, und das mit einer erstaunlichen Skrupellosigkeit.
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