Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(es) Tschernobyl eine Vokabel, die heute jedes Schulkind beherrscht. Das, was am 26. April 1986 in der kleinen ukrainischen Stadt passierte, war eine Katastrophe unüberschaubaren Ausmaßes. Selbst ein Jahrzehnt nach dem Inferno können kaum konkreten Aussagen darüber gemacht werden, welche der Spuren auf dieses Ereignis zurückzuführen sind. Die Verantwortlichen streiten möglichst viel ab, um ja nicht für irgendwelche Schadensersatzforderungen haftbar gemacht zu werden. Doch gelernt hat man aus Tschernobyl anscheinend kaum etwas: Fast überall wird immer noch ein Großteil der Energie aus Kernkraftwerken gewonnen.
Die dreijährige Sweta aus einem Waisenhaus in der Ukraine hört zwar auf ihren Mädchennamen, ist den Ärzten jedoch ein medizinisches Rätsel: Bei ihr wurden weder männliche noch weibliche Geschlechtsorgane festgestellt. Dafür wächst ihre Harnblase als Wulst über dem Schambein.
Solche Fälle sind dort, wo die radioaktive Verseuchung am größten ist, keine Seltenheit mehr. Die Einwirkung der Strahlung habe die Schuld daran, daß solche kaum lebensfähigen Kreaturen das Licht der Welt erblicken, berichten die Zeitungen. Doch nicht nur die Kinder haben ihr Leid davon getragen: Über 125.000 Menschen sollen bis heute an den Folgen der Reaktorkatastrophe gestorben sein, davon mehr als 84 Prozent in den letzten vier Jahren. Bei den Leukämieerkrankungen ist in den betroffenen Gebieten eine klare Zunahme verzeichnen.
Aber noch etwas ganz anderes zeigt sich: Nicht nur ein GAU (der Größte Anzunehmende Unfall) von Tschernobyl hat seine Folgen, sondern auch andere Kernkraftwerke beeinflussen das Leben in ihrem Bannkreis: Statistische Erhebungen ergaben so eine nicht zu übersehende Häufung von Leukämiefällen in deren Nähe. Der direkte Zusammenhang zwischen offensichtlichem Erreger und Opfer kann leider selten bewiesen werden. Es fällt aber schwer, andere Gründe zu finden...
Tschernobyl war damals das Restrisiko, welches nicht passieren dürfte. Aber obwohl der Unfall zum größten Teil auf menschliches Versagen zurückzuführen ist, weisen die Anlagen in der ehemaligen Sowjetunion viele Mängel auf. Dies hat sich nach dem Fall des Eisernen Vorhanges nicht verbessert, sondern die Zustände sind nur noch katastrophaler geworden. So wandert zum Beispiel in der Ukraine Fachpersonal nach Rußland ab, weil der Lohn unregelmäßig oder gar nicht gezahlt wird.
Der sogenannte Sarkophag, der den Unglücksreaktor in Tschernobyl ummantelt, zeigt mittlerweile erhebliche Schäden auf. Keiner kann genau sagen, was passiert, wenn er eines Tages einstürzt. An dieser Stelle ist man sich nicht einmal einig darüber, wieviel von dem radioaktiven Material überhaupt noch im Reaktor ist.
Bei solch einer Bilanz nach zehn Jahren scheint es nur noch eine Frage der Zeit, wann der nächste GAU passiert und wieviele Menschen unter den Auswirkungen dieser fragwürdigen Technik noch zu leiden haben werden. Viele Organisationen rufen anläßlich des Jubiläums wieder verstärkt zu einem Ausstieg aus der Kernenergie auf (siehe Seite 7). Denn Tschernobyl wird sich nie verjähren; besonders nicht, wenn die Kernenergie weiterhin eine so große Rolle in der Welt spielt.
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