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In Gedenken an Tschernobyl

Sonnige Zeiten, wenn Kernkraftwerke in die Luft gehen

(es) Es ist Freitag, der 26. April 1996 – irgendein Radiosender in Berlin: „... Hallo, hier ist Radio ‘Gute Laune Berlin’ mit den aktuellen Nachrichten! In der Berliner Innenstadt ist heute um 11.30 Uhr ein Atomkraftwerk in die Luft gegangen. Zehn Jahre nach Tschernobyl ...“ Wieder so ein schlechter Scherz, bei dem man mit Herzschlag aus dem Sessel fällt. Natürlich handelte es sich hierbei nicht um einen echten GAU. Auch ist die obige Meldung – bis auf ihren Inhalt – völlig erdacht und sämtliche Namen sind der Phantasie entsprungen. Allerdings war es nur das Modell eines Atomkraftwerkes, welches am Brandenburger Tor herumflog und somit eine der vielen Aktionen an diesem Tag, die an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnern sollten. Was um diesen ‘GAU’ herum alles stattgefunden hat, soll im Folgenden dargestellt werden, um zu zeigen, mit welchen kreativen Mitteln man etwas zu diesem Thema machen kann.

Alles fing damit an, daß es eines Tages darum ging, eine kleine Aktion am Brandenburger Tor anzumelden. So etwas ist normalerweise kein besonderes Problem, schließlich ging es – soviel war zu erfahren – um den zehnten Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl, der sich 1996 am 24. April ereignen sollte. Einige Tage später kam dann so langsam heraus, was überhaupt passieren sollte: Die BundesBUNDjugend, der bundesweite Jugendverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland plante, ein Atomkraftwerk-Modell in die Luft „gehen“ zu lassen. Daß solch eine Aktion nicht nur die Anmeldung bei der Polizei erfordert, sondern hierbei auch die Luftfahrtbehörde und das Tiefbauamt gefragt werden wollen, kam natürlich erst nach und nach heraus. Auch der Arbeitsaufwand, den dieses Spektakel mit sich brachte, war zu Beginn in keiner Weise abzusehen. Wir machen eben mal ‘ne kleine Aktion.

Außerdem kam zu genau diesem Anlaß eine ukrainisch-polnisch-deutsche Gruppe per Rad aus der Tschernobyl. Sie fuhren unter dem Motto „Auf dem Weg zur Energiewende“. Ihre Begrüßung und Beherbergung kam zu den anderen Aufgaben wie Organisation der Atomkraftwerk-Aktion am Brandenburger Tor und der Demonstration der Kampagne „Sonnige Zeiten“ und viel, viel Pressearbeit hinzu. Noch viele andere anfallende Aufgaben und Probleme füllten die letzten zwei Wochen vor dem 26. April. So war man entweder damit beschäftigt, jemanden von der Presse die geplanten Aktionen zu erklären oder man versuchte, dem Tiefbauamt klar zu machen, daß man auch wirklich keine Haken zu Füßen des Brandenburger Tores in den Boden schlagen wolle. Zusätzlich mußte in vielen abendlichen Telefonaten Kontakt mit denen, die sich um das „Atomkraftwerk“ kümmerten, aufgenommen und deren Anreise vorbereitet werden.

Das, was am Tag selber dann stattfand, kann nur durch den Tagesablauf eines der Organisatoren beschrieben werden: Solch ein Tag beginnt schon um 0 Uhr in der Nacht. Um diese Zeit muß noch eine Pressemitteilung für die Pressekonferenz geschrieben werden und der eigene Tagesablauf wird noch einmal durchgegangen. Hat man auch alle Pressetermine mit entsprechenden Interviewpartnern abgedeckt? Wer kümmert sich um das pünktliche herausfaxen der Pressemitteilung? Und wer holt die Stühle und Tische für die Pressekonferenz? So bleibt nur eine knappe Stunde Schlaf in dieser Nacht...

Die erste Station am Morgen ist ein Pressetermin bei SAT 1. Hierbei soll die oben schon erwähnte Fahrradtour von Tschernobyl nach Berlin durch zwei Teilnehmer im Frühstücksfernsehen vorgestellt werden. Schminken, kurze Vorbesprechung, dann gleich auf Sendung.

Wenig später zurück im Jugendumweltladen der BUNDjugend sind noch die letzten Vorbereitungen für die um elf Uhr stattfindende Pressekonferenz zu tätigen: Ich lege die Pressemitteilungen zusammen, dann ruft jemand vom Brandenburger Tor aus an. Sie bräuchten Hilfe für den Aufbau des Atomkraftwerk-Modells. Natürlich sofort!

Während dem Arbeiten wuseln ständig Teilnehmer der Fahrradtour um mich herum, in einem anderen Raum wird ein Telefon-Interview gegeben. Die Unruhe wächst ständig. Dann wird es langsam Zeit, aufzubrechen. Als wir am Brandenburger Tor ankommen, wartet ein riesiges Presseaufgebot auf uns. Das schon fast fertige Atomkraftwerk-Modell, ein Fesselballon, bildet den zentralen Punkt auf dem Platz. Wenig später beginnt die Pressekonferenz. Am Ende werden durch einen Mechanismus noch Luftballons mit einem Radioaktivitäts-Symbol aus dem Schornstein des AKWs gelassen. Das Motto kommt dabei klar herüber: „Wir wollen keine Atomkraftwerke mehr!“ Weitere Interviews folgen, bevor nach einer guten Stunde der Spuk vorbei ist. Zumindest für die Öffentlichkeit. Für den Rest folgt nun die Aufräumarbeit. Schließlich muß alles wieder zusammengeräumt und zurück an verschiedene Stellen in der Stadt gebracht werden. Zu diesem Zeitpunkt ist mein größter Wunsch, sich still in eine Ecke zu setzen und vor allem zu schlafen. Aber es geht weiter.

Am Nachmittag findet noch die Eröffnungsveranstaltung der bundesweiten Kampagne „Sonnige Zeiten – Gemeinsam zur Ökologischen Energiewende“ statt, eine Demonstration vom Kottbusser Tor zum Pariser Platz. Diese Demo, der Solarwalk, war etwas besonderes: einzelne Läuferinnen konnten sich „sponsoren“ lassen. Für jeden zurückgelegten Kilometer, Meter und ähnliches, spendet der Sponsor für ein Solarprojekt. In diesem Falle war das Geld für eine Solaranlage für das Zukunftshäuschen gedacht. Daß hier mehrere der Aktiven bei beiden Projekten ihre Finger im Spiel haben, macht den Streß nicht gerade geringer. Der Jugendumweltladen – die zentrale Koordinationsstelle – ist ständig überfüllt, alle Telefone sind blockiert und an diesem Abend ist so unaufgeräumt, wie er es lange nicht mehr war.

Zurückblickend kann man sagen, daß die Aktionen, die zu diesen Tag abgelaufen sind, sei es die Fahrradtour von Tschernobyl nach Berlin, die AKW-Aktion am Brandenburger Tor oder die Demonstration, die im Rahmen der Kampagne „Sonnige Zeiten“ gemacht wurde, alle ein großer Erfolg waren. Das ist besonders wichtig, weil die Demonstration „nur“ ein Auftakt zu vielen weiteren Aktionen im Rahmen der „Sonnigen Zeiten“ war. So manch einer wird bei den Aktionen seine Nerven verloren haben, aber sicher auch wiedergefunden haben. Und zumindest beim Transparente-Malen konnte man aber immer wieder einen kühlen Kopf bekommen, auch, wenn die Sonne schien. Und auf jeden Fall hat es jede Menge Spaß gemacht.


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