Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(ap) Wir befinden uns in der Rezession, das weiß wohl jeder. Der Staat spart, wo er nur kann, und auch da, wo er eigentlich nicht kann. Anscheinend treffen die Kürzungen diesmal auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Wie sonst ist die für Oktober geplante Umstrukturierung in der Verkehrsgemeinschaft Berlin-Brandenburg (VBB) zu erklären. Besonders stark betroffen sind die, für die bisher noch der Ost-Tarif galt. Auch durch die geplante Zoneneinteilung wird es teurer. Im Extremfall erwartet uns eine Preissteigerung von 60 Prozent.
Ab Oktober 1996 soll der Geltungsbereich der Umweltkarte in Tarifgebiete eingeteilt werden. Je mehr Zonen benötigt werden, um so teurer wird die Fahrt.
Die BVG hat sich aber noch einen anderen Trick ausgedacht. Wie zum Bespiel durch die sogenannte Plus-Karte. Hier bleiben Vergünstigungen wie die kostenlose Mitnahme von Rädern und Hunden oder von vier weiteren Personen am Wochenende und nach 20 Uhr nicht nur erhalten, sondern werden auch durch sehr zweifelhafte Angebote ergänzt, wie Ermäßigungen im Planetarium, im Botanischen Garten, in Museen oder bei Dampferfahrten sowie im BVG-Souvenirshop. Außerdem soll die Umweltkarte mit Vergünstigungen bei Mietwagen gekoppelt werden. Damit wird der Fahrgast regelrecht zum Autofahren verführt, anstatt eine Verbindung mit der Bahn zu nutzen. Beim Einkauf in Kaufhäusern soll es einen Ticketzuschuß geben. Daraus ergibt sich eine noch stärkere Schädigung des Einzelhandels Die Mehrheit der Fahrgäste wird diese neuen Angebote auf Dauer nur sporadisch nutzen. Fraglich bleibt , ob die geringen Rabatte den Aufpreis für die Plus-Karte wettmachen können.
Verteuern werden sich ferner die Schüler- und Studenten-Tickets. Die Senioren-Karte ist inzwischen nur noch in Ausnahmefällen erhältlich. Für Sozialhilfeempfänger sollen die Fahrten reduziert werden. Damit werden Randgruppen langsam aber sicher aus dem Stadtbild verdrängt.
Gravierende Folgen wird auch die Angleichung des Ost-Tarifes an das westliche Preisniveau haben. Auch sechs Jahre nach der Einigung besteht immer noch ein starkes finanzielles Ost-West-Gefälle.
Die meisten dieser Informationen wurden Mitte April im Tagesspiegel veröffentlicht. Inzwischen bestreitet die BVG jedoch die vollständige Richtigkeit dieser Angaben. Es handle sich hierbei lediglich um Denkanstöße, die dem Verbraucher die verschiedenen Möglichkeiten verdeutlichen. Offen bleibt dabei allerdings, warum die BVG sich nicht um eine Gegendarstellung bemüht hat. Eine Fehlinformation wird also bewußt in Kauf genommen.
Zudem rechtfertigt die BVG ihre Fahrpreiserhöhung unter anderem damit, daß andere Städte wesentlich höhere Tarife hätten. Aber gerade die Hauptstadt sollte doch eher als gutes Vorbild vorangehen, anstatt sich an schlechten Beispielen zu orientieren. Dieses Konzept ist für eine Weltstadt wie Berlin nicht tragbar, da es ebenso rückschrittlich wie umweltfeindlich ist. Es bleibt zu hoffen, daß sich der Berliner Senat klar gegen die Pläne des VBB ausspricht.
Protestbriefe an folgende Adresse: BVG, Lorenzweg 6, 12099 Berlin.
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