Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(gr/be) Wirtschaft und Ethik-das scheinen uns heute zwei Dinge, die nicht zusammenpassen. Und doch folgte die Wirtschaft über Jahrtausende hinweg immer einem Leitbild, einer sogenannten Wirtschaftsethik. Im 18. Jahrhundert erfuhr dieses Leitbild einen grundlegenden Wandel, der unsere Gesellschaft entscheidend prägte. Aktuelle wirtschaftliche und soziale Probleme lassen sich aus dieser Sicht besser verstehen. Ist unsere Wirtschaftsethik ethisch, d.h. kann Wirtschaft ihr Handeln vor der Gesellschaft weiter rechtfertigen?
"Alles hängt mit allem zusammen", das ist schön gesagt, aber in solchen Dimensionen denkt Wirtschaft nicht. "Alles hängt mit allem zusammen" - auch die Ökonomie mit der Gesellschaft, deren Teil sie ist. Bis ins 18. Jh. hinein waren denn auch wirtschaftliche und soziale Sphäre nicht strikt voneinander getrennt, wie wir es von heute kennen. Handwerker arbeiteten und verkauften im selben Haus, in dem sie mit ihrer Familie wohnten. Nach traditioneller Wirtschaftsethik war Ökonomie Mittel zum Zweck. Sie war gesellschaftlichen Zielen untergeordnet, sie sollte der Gesellschaft dienen und nicht umgekehrt.
Und heute? Die Ökonomie scheint sich verselbstständigt zu haben. Zwischen Wirtschaft und Sozialem liegen Welten, fast schon denken wir sie als Gegensätze, obwohl wir gleichzeitig auch wissen, daß beide viel miteinander zu tun haben. Die Ökonomie hat sich nicht nur vom Sozialen losgekoppelt, sie hat sich übergeordnet. Wirtschaftliche Ziele müssen sich nicht mehr an gesellschaftlichen Zielen orientieren, sie können ihnen sogar zuwider laufen. Zum Normalfall wird, daß sich soziale Ziele nach ökonomischen Interessen zu richten haben.
Wie kam es zu diesen Veränderungen? Darüber gibt es verschiedene Theorien. Fakt ist, daß sich im 18. Jahrhundert ein Wandel in der "Wirtschaftsethik" vollzog. Eine Wirtschaftsethik dient dazu, wirtschaftliches Handeln zu legitimieren. Nach traditioneller Auffassung fand die Ökonomie dadurch ihre Berechtigung, daß sie gesellschaftlichen Zielen diente. Da die Wirtschaft im modernen Zeitalter dies aber nicht mehr tat, mußte sie sich anders legitimieren.
Nach der neuen Auffassung existierte eine unsichtbare Hand des Marktes, die alle Güter verteilt. Funktionieren sollte das Ganze so zuverlässig wie ein Naturgesetz, und - so wurde argumentiert - deswegen war es auch gerecht. Die Moral wurde ausgelagert und die Ökonomie so wertfrei wie eine Naturwissenschaft.
Auf diese Weise losgekoppelt von der sozialen Sphäre, erkannte die moderne Wirtschaftsethik Gesellschaft nicht mehr als Ganzes. Oder besser gesagt: sie sah selbst das Ganze nicht mehr ganzheitlich. Sie behauptete: die Summe aller Einzelnutzen ergibt den Gesamtnutzen der Gesellschaft, oder anders: "wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht". Das bedeutete: Wenn jeder egoistisch strebt, seinen privaten Nutzen zu erhöhen, so erhöht sich automatisch auch das Allgemeinwohl.
Doch das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Gerade auch die Art der Bindungen zwischen den Teilen machen das Ganze aus. Die Kluft zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zielen, wie sie heute besteht, wird deutlich, wenn wir uns einmal den Begriff "externe Kosten" ansehen, der in den letzten Jahren oft auftauchte im Zusammenhang mit dem Thema Wirtschaft und Umweltbelastung. Externe Kosten entstehen z.B. wenn ein Betrieb giftige Abwässer in einen Fluß leitet und dort die Fische vergiftet. Für den Schaden, der dabei entsteht, kommt nicht der Verursacher auf, sondern die Allgemeinheit: sie muß den Schaden entweder beseitigen, was Zeit und Geld kostet, oder sie muß die verschlechterte Lebensqualität auf Kosten der Gesundheit einfach ertragen. Externe Kosten heißen sie deshalb, weil sie angeblich "außen" sind. Außerhalb der Wirtschaft also - aber trotzdem innerhalb der Gesellschaft.
Ähnlich den externen Kosten, war nun auch die Ethik, im Sinne von gesellschaftlicher Moral, zu etwas geworden, was nur außerhalb der Wirtschaft existierte und von dort aus an sie herangetragen werden mußte. Die Wirtschaft war ihrer Verantwortung gegenüber sozialen Belangen enthoben. Jederzeit konnte sie die vom Markt geschaffenen "Sachzwängen" als Entschuldigung dafür anführen, gesellschaftlichen Zielen zuwider zu handeln. Der Markt ließ angeblich keine Handlungsspielräume zu, nahm der Wirtschaft somit die Verantwortung ab und schob sie dem Staat zu.
Die Wirtschaft hat gesellschaftliche Verpflichtungen. Sie darf sich dieser nicht durch bedauernden Verweis auf die Sachzwänge des Marktes entziehen können. Wirtschaft muß wieder gesellschaftliche Verantwortung tragen und verantwortlich gemacht werden können.
Dazu ist nötig, daß die Trennung von wirtschaftlicher und sozialer Sphäre zurückgenommen wird. Übersetzt heißt das aber nicht "Soziale Marktwirtschaft", wie wir sie heute kennen, denn da sind beide Dinge ebenfalls getrennt, der Staat für das Soziale und die Wirtschaft für die Wirtschaft zuständig.
Es soll auch nicht heißen, daß wir wieder in die am Anfang beschriebene "gute alte Zeit" zurückkehren sollen.
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