Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sp) Pille im Brunnen, schreibt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, Zeugungskraft durch Trinkwasser gefährdet?, fragt die Nachrichtenagentur dpa, Trinkwasser auf Rezept gibt es bei bild der wissenschaft, Kein ungetrübter Genuß, konstatiert Udo Pollmer, Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in der Monatszitschrift natur. Trinkwasser einfüllen auf den Knopf drücken Kohlensäure zischt in das Wasser und fertig ist Ihr aus Trinkwasser hergestelltes Mineralwasser, wirbt dagegen der Sprudelbereiter-Hersteller SodaStream. Was also ist dran und drin im Trinkwasser?
Der Pressesprecher der Berliner Wasserwerke ist sauer. Einige Wasserversorger, wie die Berliner Wasserbetriebe, halten brisante Meßwerte gänzlich unter Verschluß, hatte sich Der Spiegel im Zusammenhang mit Arzneimittelfunden im Trinkwasser beschwert. Die Berliner Wasser Betriebe können diese Behauptung überhaupt nicht nachvollziehen, wehrt er sich gegen die Vorwürfe. Im Gegenteil, mensch sei schon 1994 mit den Zahlen an die Öffentlichkeit gegangen.
Damals hatten WissenschaftlerInnen der Technischen Universität Berlin bei Routinekontrollen auf Pestizide aus der Landwirtschaft zufällig Clofibrinsäure, Abbauprodukt von Clofibrat, einem Wirkstoff, der in Medikamenten zur Senkung der Blutfettwerte verwendet wird, in Berliner Trinkwasserproben gefunden. Daraufhin wurden umfangreiche Untersuchungen vorgenommen. Resultat: Bis zu 180 Nanogramm (180 Milliardstel Gramm) Clofibrinsäure pro Liter Trinkwasser wurden in Berlin nachgewiesen, andernorts in Deutschland sogar bis zu 270 Nanogramm. In Bayern wurde ein verwandter Wirkstoff gefunden, in Hessen wurden in Gewässern und Trinkwasserreservoirs Rückstände von Rheumamitteln, Beta-Blockern sowie Antibiotika und Östrogene aus Antibabypillen gefunden.
Die Mengen sind zwar im Vergleich zu den in der Therapie eingesetzten Dosen außerordentlich gering so werden PatientInnen mit bis zu zwei Gramm Clofibrat täglich gefüttert , aber in einem sind sich von den Wasserwerken über das Umweltbundesamt bis zu den KritikerInnen aus der Presse alle einig: Das Zeug hat nichts, gar nichts, im Trinkwasser zu suchen. Kritische Stimmen weisen aber darauf hin, daß eine begrenzte Anwendung unter ärztlicher Aufsicht nicht mit einer Dauerberieselung über das Lebensmittel Nummer Eins zu vergleichen sei.
Dieses Problem sieht Dr. Kohring von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit nicht so: Das Trinkwasser uneingeschränkt trinkbar ohne keine akute Gesundheitsgefahr.
Das Trinkwasser ist gesundheitlich uneingeschränkt verwendbar. Es ist aber in seiner Qualität unter umwelthygienischen Gesichtspunkten durch die gefundenen Arzneimittelspuren beeinträchtigt, stimmt auch das zwischenzeitlich aufgelöste Bundesgesundheitsamt zu. Prof. Dr. Dieter, Trinkwassertoxikologe vom Umweltbundesamt, befürchtet zwar unerwünschte Effekte, wenn mehrere Wirkstoffe zusammenkommen, hält die derzeitigen Arzneimittelkonzentrationen aber unbedenklich für die Gesundheit der Menschen. Allerdings fordert er Maßnahmen, um die Arzneimittelfracht des Abwassers zu verringern. So solle der Urin von Krankenhauspatienten, denen Röntgenkontrastmittel gespritzt wurden, gesondert gesammelt und entsorgt werden. Bisher rauschen jährlich 14 Tonnen der jodhaltigen Stoffe durch die Berliner Klärwerke. Speziell auf die als erstes gefundene Clofibrinsäure bezogen hat das Bundesgesundheitsamt einen weiteren Lösungsvorschlag: Die Menschen sollten sich doch einfach gesünder zu ernähren dann werden überhaupt keine Blutfettsenker gebraucht. Und alle gemeinsam fordern sie nur aus Vorsorgegründen einen Grenzwert für Arzneimittelreste im Trinkwasser.
Doch die Erinnerung an viele vorangegangene Beschwichtigungen bleibt. Nicht zuletzt sei daran erinnert, daß die Rinderseuche BSE über Jahre offiziell nicht auf den Menschen übertragbar war...
In diesem Zusammenhang wird dann auch die oben zitierte Werbung interessant: Tun wir gut daran, unser Mineralwasser selbst herzustellen? Abgesehen davon, daß nach der Mineral- und Tafelwasserverordnung nur die Natur Mineralwasser herstellen kann, ist Mineralwasser garantiert nicht durch irgendwelche menschlichen Einflüsse belastet: Mineralwasser muß im Unterschied zu Tafelwasser von natürlicher Reinheit sein, es dürfen keine Stoffe zugesetzt werden.
Mit Mineralwasser ist mensch also auf der sicheren Seite, egal, ob die Medikamentenreste nun gefährlich sind oder nicht. Und wer Pfandflaschen aus der Region kauft, hat auch eine weiße Öko-Weste.
Aber ist das alles? Wäre es nicht wünschenswert, Trinkwasser zu haben, das so unbedenklich ist wie Mineralwasser? Sicher ein Traum, aber damit das Trinkwasser auch in Zukunft halbwegs trinkbar bleibt, muß verantwortungsvoller damit umgegangen werden. Ein Wasserverbrauch von (in Berlin) 130 Litern pro Tag und Person ist zu hoch. Der größte Teil davon geht für Waschen und Klospülung drauf mit großem Sparpotential. Und außerdem muß die Schadstoffmenge, die das Abwasser mit sich führt, dringend verringert werden. Nur der kleinste Teil der Medikamentenwirkstoffe wird wirklich vom Körper aufgenommen, der größte Teil kommt direkt wieder raus. Wer also den Medikamentenverbrauch einschränkt tut nicht nur den Krankenkassen und in vielen Fällen der eigenen Gesundheit etwas gutes, sondern auch sehr deutlich der Umwelt. Vielleicht wird das ja der größte Erfolg der Gesundheitsreform?
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