Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(es) Bei der Betrachtung der Struktur einer Stadt gibt es verschiedene Dinge, die fast überall anzutreffen sind. So ist es auch ein Merkmal, daß eine Stadt ein fest definiertes Zentrum hat, welches den Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kommerziellen Lebens darstellt. Drum herum gibt es dann große Flächen, die zum Wohnen dienen oder für industrielle Zwecke genutzt werden. In Berlin finden wir dieses Bild einer normalen deutschen Stadt allerdings nicht an. Aufgrund historischer Gegebenheiten, aber auch alleine wegen seiner Größe gibt es in fast jedem Stadtteil zusätzliche Zentren, die das besondere Bild dieser Weltstadt prägen.
Neben den beiden Brennpunkten, Mitte und Kurfürstendamm heißen sie Spandau, Warschauer Straße, Steglitz und Wilmersdorfer Straße und verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet. So muß der Städter bei seinen Besorgungen und Vergnügungen nicht erstmal durch halb Berlin fahren, um diese Bedürfnisse befriedigen zu können. Diese Struktur hat verschiedene Gründe, aber auch ihre Auswirkungen auf das Leben in der Stadt.
Der Grund für die vielen Zentren liegt hierbei fast auf der Hand. Zum einen ist Berlin aus ehemals vielen kleinen Siedlungen zusammengewachsen. Spandau beispielsweise war früher ein eigenständiges Städtchen mit seiner eigenen Festungsanlage. Zum anderen hat die 40jährige Teilung der Stadt ihre Spuren hinterlassen. Für jeden Teil der Stadt bildete sich ein eigener Mittelpunkt heraus und im Westteil der Stadt mußte sich wegen der durch die Mauer fest begrenzten Fläche soundso alles zusammendrängen. Das führte sogar dazu, daß sich neben den großen Zentren zusätzlich viele Unterzentren entwickelten, die für den täglichen Lebensbedarf von der Glühlampe bis zum Gartenstuhl fast alles zu bieten haben.
Solch eine polyzentrale Struktur hat eine große Auswirkung auf den Mobilitätsbedarf der Leute. Wenn alle Konsumgüter in direkter Nähe zu erwerben sind, ist der weite Weg ins Zentrum nicht mehr notwendig. Das Verkehrsaufkommen sinkt, wodurch sich zusätzlich die Lebensqualität erhöht. Auch können die einzelnen Stadtteile ihr eigenes Leben entwickeln. Die Stadt wird dadurch auch viel durchmischter und kleinere Industrieansiedelungen gliedern sich in das normale Stadtbild ein, was sich vielerorts auch auf den alltäglichen Arbeitsweg auswirkt.
Leider droht nach der Wiedervereinigung diese einmalige Struktur sich langsam aufzulösen. Eine sogenannte Stadt der kurzen Wege kann sich nur entwickeln, wenn sie sich nicht grenzenlos ausdehnen kann. Da viele, die in der Stadt arbeiten, zunehmend ins Umland ziehen, fallen weite Wege an und das Verkehrsaufkommen erhöht sich nicht unbedeutend. Es wäre zum Beispiel sinnvoll die zukünftigen Regierungsbediensteten nicht etwa vor den Toren Berlins, sondern in Moabit anzusiedeln.
Somit würden sie nicht weit von ihrem Arbeitsplatz entfernt wohnen und die starke Ausbreitung der Stadt ins Umlandwürde gebremst werden.
Wir Berliner sollten uns in jedem Fall bewußt werden, welche positiven Seiten diese polyzentrische Struktur in sich birgt. Durch das großflächig angelegte Nahverkehrsnetz ist es auch selten unbedingt nötig, über einen der zentralen Knotenpunkt zu fahren, wenn man von einer Ecke der Stadt zu einer anderen will. Abkürzungen gibt es fast überall.
Auch hat sich durch diese Struktur ein gut durchmischtes Stadtbild herausgebildet. Ghetto-Verhältnisse am Rande der Stadt, wie sie beispielsweise in Paris und London existieren, findet man hier noch nicht.
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