Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(nh) Der Staat muß sparen. Berlin muß sparen. Aber wo? Und wieviel? Diese Fragen beschäftigen unsere PolitikerInnen, und sie erarbeiten immer neue Sparvorschläge. Durch immer verschärftere Lernbedingungen wird es wohl bald nur noch Kindern reicher Eltern möglich sein, eine gute Schulbildung zu bekommen. Auf der anderen Seite schießen immer mehr Edelgeschäfte und Nobelwohnungen aus dem Boden. Und das, wo doch kein Geld da ist.
Im Grunde hat es schon vor vielen Jahren mit Einsparungen begonnen, doch dieses Jahr geht es nun an die Substanz: Von den vom Senat geplanten 114 DM pro SchülerIn kommen an vielen Schulen nur 35 DM an. Dieses Geld soll für Kreide, Kopien, Versuchsmaterialien verwendet werden. Seit diesem Jahr müssen von dem Schuletat auch noch Reparaturen und Mobiliar bezahlt werden. Das so wenig Geld ankommt, liegt daran, daß in Bezirken mit hoher Anzahl von SozialhilfeempfängerInnen die Bezirksämter das Geld, das sie vom Senat erhalten, für viel mehr Projekte einsetzen müssen, als eigentlich möglich. Dadurch erhalten die Schulen vom Bezirksamt weniger Geld. Die Folgen sind klar absehbar: In Chemie und Physik fallen viele Versuche weg, der Unterricht wird allgemein immer theoretischer und damit so richtig langweilig. An manchen Schulen ist die Lage inzwischen so schlimm, daß die SchülerInnen schon das Klopapier selbst mitbringen müssen. Auch der Sportunterricht muß leiden: an die Mittelstufe werden keine Bälle mehr ausgegeben, kaputte Geräte können nicht mehr repariert werden. So wird der Unterricht sogar gefährlich. Zudem gibt es durch den Einstellungsstop kaum noch junge LehrerInnen: Zur Zeit beträgt das Durchschnittsalter der Lehrenden 51 Jahre.
Wo ist da noch Platz für neue Ideen und Projekte? SchülerInnen müssen sich zunehmend die Bücher selber kaufen. Finanziell schwächere Familien können es sich nicht mehr leisten, ihre Kinder 13 Jahre lang zur Schule gehen zu lassen. Auch der Förderunterricht für ausländische und schwächere Kinder und Jugendliche mußte vielerorts weichen. Teilungsunterricht für Jungen und Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern wird nun undenkbar.
Doch nicht nur die SchülerInnen sind von der Sparpolitik betroffen: Auch Arbeitslose, Behinderte, SozialhilfeempfängerInnen, MigrantInnen und viele StudentInnen werden immer stärker in ihren Möglichkeiten beschnitten. So fällt zum Beispiel der Telebus, für viele Behinderte die einzige Möglichkeit, etwas zu unternehmen, ganz weg.
Auf der anderen Seite sind für milliardenschwere Projekte wie Tiergartentunnel, Reichstagsumbau oder Kanzler-U-Bahn genügend Mittel vorhanden. Außerdem finden die PolitikerInnen auch immer neue Geldquellen, um ihre ohnehin sehr hohen Gehälter weiter zu erhöhen. Die soziale Ungerechtigkeit wird wieder einmal mehr belegt.
Doch daß sie sich diese nicht ohne weiteres gefallen lassen, haben über 12.000 SchülerInnen mit einer Demonstration im Oktober bewiesen. Unter dem Motto Spart Euch Eure Lügen wir werden uns nicht fügen zogen sie durch Berlin. Außerdem gibt es ein Plenum, bei dem neue Aktionen geplant und inhaltliche Fragen geklärt werden. Es findet immer montags um 16:00 Uhr in der Paul-Natorp-Schule statt. Denkt dran: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.
Paul-Natorp-Schule, Goßlerstraße 13-15, U9, Friedrich-Wilhelm-Platz
Zurück zum Inhalt von Juckreiz 16