Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(es) Der sogenannte und vielgepriesene schlanke Staat, in dem möglichst viele Dienstleistungen von der staatlichen in die private Hand gelegt werden, hat auch seine Tücken. Hatten wir schon in naher Vergangenheit bei der Privatisierung von Post und Telekom unsere schmerzlichen Erfahrungen gemacht, so bekommen wir sie wohl auch bald bei der Bahn zu spüren. Die Telekom geht an die Börse die Bahn machts nach! könnte der Slogan heißen. Um die Deutsche Bahn AG hoffähig zu machen, sollen nun 30% des Gesamtnetzes stillgelegt werden.
Tatsache ist, daß die Deutsche Bahn AG in letzter Zeit alle ihre Strecken in Ruhe unter die Lupe genommen hat, um sie auf ihre Rentabilität zu prüfen. Dabei wurden insgesamt 11.646 Kilometer Strecke als nicht unbedingt lohnenswert eingestuft. Dabei werden in dem Papier noch in zwei Kategorien unterschieden: Kategorie A mit 4.897 (12,3% des Schienennetzes) ist von der sofortigen Stillegung bedroht. Wenn hier innerhalb von drei Monaten kein Käufer gefunden wird, was bei diesen Strecken eher wahrscheinlich ist, fährt bald kein Zug mehr. Bei der zweiten Kategorie B mit insgesamt 6.749 Kilometern wird die Strecke nocheinmal auf ein eventuell besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis geprüft. Bei negativem Ergebnis droht ihnen das gleiche Schicksal wie denen der Kategorie A.
Die betroffenen Strecken sind keinesfalls nur wenig befahrene Nebenstrecken. Auch einigen zweigleisigen Hauptstrecken mit bis zu 130 Zügen am Tag droht die Stillegung. In Berlin und Brandenburg ist das zum Beispiel die 23 Kilometer lange Strecke von Basdorf nach Groß Schönebeck (Schorfheide), die unter Kategorie A fällt und auf der immerhin 23 Züge am Tag fahren. Eine zusätzliche Untersuchung wird bei Strecken, wie Cottbus Guben (38 km mit 111 Zügen/Tag), Cottbus Forst/Lausitz (22 km, 65 Züge) oder Berlin-Karow Basdorf (13 km, 58 Züge) stattfinden.
Natürlich war es klar, daß gerade in den neuen Bundesländern nicht alle Strecken weiterhin betrieben werden können. Doch kommen gerade dort die Pläne oft einem Kahlschlag gleich. Beispielsweise tauchen in den Listen zwei Drittel der thüringischen Schienenwege auf. Eine Katastrophe für Verkehr und Umwelt, wenn hunderte Städte und Dörfer vom Netz abgekoppelt würden. Der Freizeit- und Berufsverkehr würde sich weiter einschränken, und der Zwang, ein Auto zu benutzen, würde besonders für Jugendliche noch weiter zunehmen.
Als Alternative schlagen die Umweltverbände und die Parteien Bündnis 90/Grüne und PDS vor, das gesamte Schienennetz wieder in die öffentliche Hand zurückzuführen ähnlich wie es beim Bundes- und Landesstraßennetz gemacht wird. Dafür müßte ein fünfjähriger Stillegungsaufschub über alle Strecken verhängt werden. Um den Nahverkehr so auszubauen, daß er wieder attraktiver wird, könnten Mittel aus dem Straßenbau genutzt werden. Laut vieler Wirtschaftsexperten würde dies auch wieder zu einem Streckennetz führen, das eine Dienstleistung für die gesamte Bevölkerung darstellt. Leider hat hier immer noch eine kleine Bevölkerungsminderheit das Sagen, die die Bahn gern schrumpfen sieht und das Auto heiligt.
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