Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(ti/be) Die Watten vor der holländisch-deutsch-dänischen Nordseeküste sind einzigartig. In dem 450 Kilometer langen, rund 15 Kilometer breiten Schwemmlandgürtel leben auf jedem Quadratmeter mehr Lebewesen als irgendwo sonst. Für Millionen von Fischen und Vögeln der gesamten nördlichen Halbkugel sind die Gebiete Nahrungsquelle, Kinderstube, Brut- und Rastplatz. Und ausgerechnet um dieses einzigartige und sensible Meer gruppieren sich einige hochindustrialisierte Länder. Mehr als jedes andere Meer wird es ausgebeutet und als anscheinend kostenlose Müllkippe mißbraucht.
Das pflanzliche Leben auf unserer Erde ist, von einigen azonalen Ausnahmen abgesehen, vom Äquator zu den Polen hin zoniert. Für diese Zonierung spielt das Klima die Hauptrolle. Kleinräumig finden wir Zonierungen auch überall im Wattenmeer. In den Salzwiesen oder -marschen wird der Einfluß des Salzwassers bzw. des Meersalzes vom Landesinneren zur Grenze des Watts hin immer stärker. Demgemäß wechselt die Vegetation.
Das eigentliche Watt ist auch der Lebensraum mit den am stärksten wechselnden Bedingungen. Die Wattoberfläche kann in strengen Wintern tief gefrieren, sie erreicht bei Sommersonne Temperaturen von über 30°C. Selbst innerhalb eines Tages können die Temperaturschwankungen erheblich sein. Die Beleuchtung, der Salzgehalt des Wassers, der Wassergehalt des Sedimentes, alle diese Faktoren unterliegen enormen Schwankungen, mit denen die dort lebenden Organismen fertig werden müssen. Somit birgt das Wattenmeer eine große Vielfalt an Organismen, die auf wunderbare Weise in ihren Lebensraum eingepaßt sind.
Da wären z.B. die Seeschwalben, für die ihre Reise nach Norden im Wattenmeer endet. Hier sind die Nahrungsbedingungen so gut, daß die Weltenbummler im Frühjahr gern ruhige Strände der Nordseeküste zur Aufzucht der Jungvögel nutzen. Als Meeressäuger wäre als Beispiel der Seehund, die häufigste Robbenart im Wattenmeer, zu nennen. Bei Niedrigwasser rasten sie meist in Rudeln auf ausgewählten, freifallenden Sandbänken in unmittelbarer Nähe tiefer Priele. Bei Flut jagen sie nach Fischen und Garnelen. Nicht selten tauchen sie dabei in der Nähe von Stränden auf, von wo aus sie mit etwas Glück beobachtet werden können. In der sommerlichen Hauptsaison (Juni/Juli) bringen die Seehunde ihre Nachkommen auf abgelegenen Sandbänken zur Welt.
Aber natürlich gibt es noch ganz andere Tiere und Kleinstlebewesen im Watt, die man nicht sofort sehen kann. So lebt im Sand- und Mischwatt auf größeren Flächen der Wattwurm. Er frißt, in seiner U-förmigen Röhre sitzend, den Wattboden und gibt den unverdaulichen Sand als Kothäufchen wieder ab. Zu jedem Kothäufchen gehört ein Trichter, durch den der Wurm Atemwasser leitet. Zwar sieht man im Watt viele Häufchen, dennoch muß man sehr geduldig sein, um zu beobachten, wie ein Wattwurm seinen Kot in Sekundenschnelle nach außen befördert.
Hat man anfänglich vielleicht den Eindruck, daß es außer zahlreichen Vögeln nicht viel Lebendiges gibt, so hat man jetzt einen sehr kleinen Überblick gewonnen, wie reich das Watt in Wirklichkeit besiedelt ist, und daß den Entdeckungs- und Erlebnismöglichkeiten kaum Grenzen gesetzt sind. Diese liegen allerdings dort, wo ausgewiesene Wege enden und die Kernzone des Nationalparks beginnt. Diese Einschränkungen müssen wir akzeptieren, denn die Flut eines unkontrollierten Besucherstroms bringt Beeinträchtigungen für Tiere und Pflanzen und Schäden für das gesamte Ökosystem mit sich. Der Massentourismus ist aber nur eines unter vielen Problemen. Dazu kommen Schädigungen durch Giftstoffe, Überdüngung, Industrieansiedlungen sowie manche Auswüchse von Schiffahrt und Fischerei. Ebenso werden Teile des Watts durch Eindeichungen entwertet.
Die Verschmutzung der Nordsee ist das gemeinschaftliche Werk aller Anrainerstaaten. Dort, wo Flüsse ins Meer münden, ergießt sich eine große Schadstoffmenge und landet vielfach durch die spezifischen Strömungsverhältnisse auch im Watt. Der Beitrag der BRD ist groß und beträgt je nach Substanz bis zu 65%. Nicht unerwähnt bleiben dürfen radioaktive Elemente aus den Wiederaufbereitungsanlagen im britischen Sellafield und im französischen La Hague.
Die Überfrachtung des Nordseewassers mit Chemie- und Haushaltsabwässern, Nitraten und Phosphaten hat furchtbare Folgen. Erinnert sei nur an die allsommerlichen Algenblüten. Bei vielen Pestiziden handelt es sich um Chlorkohlenwasserstoffe, die nur sehr schwer abgebaut werden und sich deshalb im Verlauf der Nahrungskette stark anreichern. Pflanzen und Tiere im Meer leben in einer Freßgemeinschaft: Vom Plankton leben Würmer, Krebse, Jungfische, von ihnen wiederum größere und Raubfische. Am Ende der Pyramide steht der Seehund, der bis zu sieben Kilo Fisch pro Tag frißt.
Wenn nun ein Liter Nordseewasser zwei Millionstel Milligramm eines Pestizids enthält, ist die Konzentration in Planktonalgen bereits 20.000 Mal so hoch, in kleinen Fischen 20 Millionen Mal, in Raubfischen 80 Millionen Mal und bis zu 140 Millionen Mal in Robben. Diese starke Anreicherung der Pestizide im Verlauf von Nahrungsketten kann besonders bei deren Endgliedern zu starken Schädigungen führen. Raubfische, Seehunde und große Seevögel, aber auch die Menschen sind somit die Hauptleidtragenden.
Aber auch die Überfischung der Meere stellt ein großes Problem dar. So ist z.B. die Muschelfischerei ein seit Jahren heiß umkämpftes Thema im Watt. Die Insel- und Halligbewohner fürchten um die Stabilität ihrer Wattsockel, von denen die schützenden Muschelbänke samt Schlickschichten abgehobelt werden. Naturschützer sorgen sich um die Nahrungsgrundlage der Seevögel in Eiswintern. Auch mancher Wattführer vermißt seine Muschelbank, in deren Pfützen er bei Ebbe noch vor 5 Jahren Seesterne und Krebsefand.
Doch kleine Erfolge im Streit um die Überfischung sind schon erreicht, in der Krabbenfischerei beispielsweise. Da das Wattenmeer ein streng geschützter Naturraum (Nationalpark) ist oder zumindest sein soll, soll auf insgesamt 13% der Nationalparkfläche keinerlei Nutzung mehr stattfinden, auch keine Krabbenfischerei. Im Gegensatz zu anderen Nutzergruppen hatte die Krabbenfischerei im Nationalpark bisher praktisch uneingeschränkte Rechte. Jeder Fischer dürfte fahren und fangen, wann, wo und wie er wollte, egal ob Zone 1, Robbenbank oder Mausergebiet der Entenschwärme. Eine Schutzzone für Krebse, Plattfische und andere Meerestiere gab es in diesem Meeres-Nationalpark bisher nicht, soll nun aber eingerichtet werden.
Das sieht z.B. in Dänemark anders aus: Dort sind etwa 50% der Wattenflächen für die Fischerei gesperrt. Auch in Hamburg wurden 1991 Teilflächen der Nationalparks für die Krabbenfischerei geschlossen. So ist zwar eine sofortige Lösung zum Schutz des Wattenmeers nicht in Sicht, aber der richtige Weg ist, wenn auch mit bis jetzt zu kleinen Schritten, eingeschlagen.
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