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Was für ein herrlicher Tag!

Der Zoo – Tier- oder Menschenparadies?

(nh) Die Sonne strahlt vom blitzblauen Himmel herunter. Ein leichter Wind weht, und es ist schon angenehm warm. Der Frühling liegt in der Luft. Es ist Sonntagmorgen, der perfekte Tag also, um in den Zoo zu gehen. – Der Zoo, das Tierparadies. Laut einigen Faltblättern, die ich am Eingang in die Hand gedrückt bekam, muß es den Tieren wirklich blendend gehen. Doch nachdem ich die Tiere gesehen und die Informationstafeln an ihren Käfigen gelesen habe, da gerate ich schon ins Zweifeln. Aber alles schön der Reihe nach.

Die Giraffen zum Beispiel, wie sie mit großen, schwermütigen Augen vor sich hinstarren und mit hängenden Hälsen dastehen, sehen wirklich nicht besonders glücklich aus. Die wenigen Bäume, die in ihrem Gehege stehen, sind mit Drahtgittern umspannt, und die Baumkronen sind soweit oben, daß selbst die längsten sie nicht erreichen können. Ihr eigentlicher Lebensraum sind Busch und Savanne, wo sie in Rudeln, die aus mehreren Mutterfamilien bestehen, leben. Hier im Zoo zähle ich vier Tiere.

Artgerechte Lebensweise?

Da es noch relativ früh am Morgen ist, sind noch nicht so viele Besucher da. Denen, die schon da sind, scheint die Beengung der Tiere nicht aufzufallen, aber das ist auch nicht weiter verwunderlich, da sie vor jedem Käfig oder Gehege nur kurz verweilen. Der Zoo ist groß, und schließlich hat man nicht den ganzen Tag Zeit.

Die Mendesantilope lebt normalerweise in kleinen Herden, bei ihren periodischen Wanderungen durch Wüstengebiete leben sie auch in Großherden. Doch auch bei diesen Zoobewohnern ist die Freiheit und artgerechte Lebensweise stark eingeschränkt.

Der Steppenadler, der in Südosteuropa und Südwestasien zu Hause ist, sitzt wie die anderen Greifvögel einsam in seinem Käfig. Doch um gar nicht erst Mitleid aufkommen zu lassen, heißt es in den Sammelblättern „Vögel“ des Zoologischen Garten Berlin: „Gelegentlich bedauern Tierfreunde auch so „stolze“ und „freiheitsdurstige“ Vögel auf engem Raum eingesperrt zu sehen. Gewiß: es gibt ansprechendere und zweckmäßigere Unterkünfte für Greifvögel als unsere. Andererseits beweisen die Haltungs- und gelegentlichen Zuchterfolge, daß sie besser sind, als es den Anschein hat.“ Na wenn das kein Grund zum Aufatmen ist...

Im Vogelhaus 1 sind die Papageien besonders untergebracht, damit geräuschempfindliche Vogelfreunde auch ihre Freude haben können, da sie die durchdringenden Stimmen der Papageien als unangenehm empfinden. Wie gut, daß in diesem Tierparadies auch soviel Rücksicht auf uns Menschen genommen wird. Glücklicherweise weisen die Sammelblätter daraufhin, daß Papageien sehr schnell unter Langeweile leiden können und dann stereotypische Verhaltensweisen annehmen. Und um dies zu verhindern, muß ihnen besondere Pflege zukommen. Doch daß sich nicht nur Papageien stereotypisch verhalten können, ist allgemein bekannt.

Gehen wir mal weiter zu den Raubtieren und sehen, was die so treiben. Da – ein Leopard! Dieser, da er ja eine einzelgängerische Lebensweise führt, ist ganz allein in seinem vielleicht 15m² großen (kleinen!) Käfig. Er schreitet auf und ab, immer am Gitter entlang. Er schielt zu seinen Nachbarn, die immerhin zu zweit sind. Möchte er sich anpirschen, sie durch einen vier Meter langen Sprung überfallen und durch einen Kehlbiß töten? Ach nein, die Fütterung ist um halb vier, und zum Anpirschen wäre wohl auch nicht genug Platz. Hat er Glück, daß er im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) ist? Ist er wütend, gelangweilt oder einsam? Er knurrt seine Nachbarn an, doch die schlafen lieber weiter. Einen kleinen Jungen interessieren die Enten im Teich gegenüber viel mehr, die sind wenigstens nicht hinter Gittern. Nun springt der Leopard auf eine Betonplatte, die etwa zwei Meter über dem Boden angebracht ist. Ist das seine Hochebene? Er knurrt weiter, er ist noch jung, vielleicht hat hat er sich noch nicht so ganz an seinen beengten Lebensraum gewöhnt? Auch die anderen Raubtiere sind in Käfigen untergebracht, die kleiner sind als ein durchschnittlich großes Kinderzimmer. Aber auch hierfür haben die Sammelblätter eine Erklärung parat: Großkatzen hätten sowohl im Freiland als auch im Zoo ein erstaunlich geringes Bewegungsbedürfnis, sie würden sich im Käfig genauso wohl fühlen wie in riesigen Freilandanlagen. Tatsache ist, daß Katzen, egal ob groß oder klein, sehr viel schlafen, bis zu zwanzig Stunden am Tag. Für diesen Zeitraum beanspruchen sie sicherlich sehr wenig Platz, doch die restliche Zeit verbringen sie mit Streifzügen und Jagd. Dies wird ihnen im Käfig abgesprochen, und selbst das größtmögliche Freilandgehege könnte niemals Tausende von Kilometern Freiheit ersetzen.

Ausgenommen vom Käfigleben sind Löwen und Tiger. Ein Wassergraben von sieben bis acht Metern Breite trennt die Raubtiere von ihren Betrachtern. Tiger nutzen diese Absperrung auch zum Schwimmen, im Herbst werden die Gräben allerdings geleert, da Frost den Großkatzen eine Flucht ermöglichen könnte. Zumindest haben die Tiger ein halbes Jahr Zeit, um ihren Gewohnheiten nachzukommen.

Der Grund, warum nicht auch Leoparden, Pumas und Jaguare im Freien gehalten werden, ist folgender: Diese Arten sind erheblich wendiger und könnten dadurch leichter entfliehen, das Sicherheitsrisiko wäre zu groß. Außerdem könnten die Besucher die mittelgroßen Tiere in weitläufigen Anlagen nur schlecht sehen. Langsam füllt sich der Zoo mit eisschleckenden, fröhlichen Menschen.

Auch der Armur Tiger ist im EEP, er ist mit seiner 2,6 Meter Kopf-Rumpf-Länge die größte lebende Katze. Im Zoo wird er sogar noch zehn Jahre älter als in Freiheit. Ob es daran liegt, daß er sich nicht durch ein Revier von 1000km² schleppen muß?

Wer ist hier intelligent?

Das Schild „Nicht necken“ scheint eine außerordentliche Provokation zu sein: Vor dem Pumakäfig steht ein Vater und gestikuliert wie wild drauf los. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die Katzen blicken ihre Betrachter irritiert an. „Ihr Armen“, denke ich, „es ist doch erst der Anfang der Saison.“ Sprüche wie „Kuck mal, Schnecki, eine Eisbude!“ oder „Simba kann doch auch so gut klettern!“ höre ich immer wieder. Aber nicht nur das: Kinderwagenräder knirschen über den Kies, Kinder kreischen, Erwachsene lachen blöde. Kurzum: es ist furchtbar laut, und die Ansagen, die vom Bahnhof herüberschallen, tragen auch nicht gerade zu einer ruhigeren Atmosphäre bei.

Im Gegensatz zu den Sommerkäfigen für kleine Raubtiere von 1844 haben es die heutigen vielleicht besser. Gut, das steht jedenfalls fest, haben sie es nicht. Ich verabschiede mich von den Raubtieren und gehe ins Affenhaus.

Bumm, bumm – ein kleiner Junge haut gegen die Scheibe einer Affenfamilie. „Meinst du, der merkt das, Papi?“ Bei den Affen ist besonders viel los. Die Leute scheinen sich prächtig zu amüsieren. Sie merken nichts von Verhaltensverkrüppelung, Überaggressivität und Hypersexualisierung. Aber nein, Affen sind doch urkomisch. Ich frage mich, wer sich hier gerade zum Affen macht.

Auch bei allen anderen Tiere bietet sich mir das gleiche Bild. Sie sitzen, liegen, stehen stumpfsinnig mit trüben Augen – oder ist das alles nur Einbildung? Geht es den Tieren nicht vielleicht wirklich gut? Sind durch den Zoo nicht schon so viele Arten vor dem Aussterben gerettet worden? Täglich sterben mindestens 50 Arten aus. Täglich. Mindestens. Fünfzig. Der Zoo hat in den letzten Jahren etwa 100 Arten vor dem Aussterben bewahrt, d.h. zwei Tage lang ist keine Tierart zu Grunde gegangen. Doch bedrohte Tiere in Gefangenschaft zu züchten, um sie später in die Freiheit zu entlassen, ist illusorisch. Wie sollen sie Verhaltensweisen wie jagen und fliehen lernen?

Wie sicher sind die Zoos eigentlich für die Tiere selbst? Die Gräben der gitterlosen Freigehege haben schon häufig zu Knochenbrüchen bei Elefanten und Nashörnern geführt. Tiere haben ein anderes Immunsystem als Menschen, verkraften also nicht alles, was der Mensch so mit sich bringt. „Hört sich zwar gemein an, aber Zebrafleisch schmeckt unheimlich gut!“ höre ich eine gestylte Frau erzählen, als ich gerade die Zebras verlasse. Vielleicht sollte ich mir einfach ein Eis kaufen...


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