Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(jk) Seit knapp zwei Jahren existiert das Hamburger Modell, ein Modell, das eine 50%-Beteiligung der Schulen an den im Energie- und Abfallbereich eingesparten Geldern vorsieht. Seit einem Jahr wird auch in Berlin an dem Projekt fifty-fifty gerödelt. Beide Modelle haben den begrüßenswerten Ansatz, Energie und Abfall einzusparen. Darüber sind sich auch alle einig unterschiedliche Meinungen gibt es bei der damit verbundenen Autonomiedebatte.
In der Berliner Realisationsphase gibt es immer noch eine Reihe von Problemen. Viele Schulen wissen nichts vom Modell oder können es nicht umsetzen. In den einzelnen Bezirken gibt es keine kompetenten AnsprechpartnerInnen, so daß die Initiative oft einfach ins Leere läuft. Auch wird von Seite der Verwaltung nur mit den SchulleiterInnen Kontakt aufgenommen. Doch liegt das innovative Potential meist bei einem kleinen Teil der LehrerInnenschaft bzw. in diesem Fall eindeutig bei den SchülerInnen. Die Verwaltungen sind so tief in ihre Verwaltungsvorgänge verankert, daß sie den direkten Schritt an die Betroffenen nur sehr zögerlich wagen.
Durch die insgesamt ziemlich schleppende Informationspolitik (zumindest in Berlin) ist auch eine Eigenitiative von SchülerInnenseite kaum zu erwarten, weil keineR die wirklichen Ausmaße von fifty-fifty kennt. Wenn das Modell politisch wirklich gewollt ist, kommt es jetzt darauf an, daß die schulischen Umweltgruppen, aber auch die Mitbestimmungsgremien auf den verschiedenen Ebenen das Thema aufgreifen und die breite Einführung weiterhin forcieren. Um diese Modelle überhaupt erst zu ermöglichen, mußte eine Menge Papierkram erledigt werden. So zum Beispiel mußten die Landeshaushaltsgesetze in der Art geändert werden, daß Schulen mehr als bisher eigene Mittel besitzen, verwalten und ausgeben dürfen und können. Es mußte erst in den komplizierten Geflechten der Verwaltungen nach Zuständigkeiten und letztendlich nach Verantwortlichen gesucht werden, um deren Kompetenzen zu erweitern bzw. zu verändern.
Das Projekt fifty-fifty ist laut Senat ein Baustein zur Autonomie. Autonomie bedeutet aber eigentlich mehr als nur Energiesparen für die Schulkasse. Es liegt die Idee zu Grunde, daß an der einzelnen Schule die Gelder selbst eingeteilt werden können und das pädagogische Konzept selbst gestaltet werden kann. Eine Streitfrage zwischen konservativen und progressiven Kräften liegt in der Verteilung der Verantwortung. Die progressive Seite (darunter die LandesschülerInnenvertretungen) möchte alle an der Schule Beteiligten (SchülerInnen, LehrerInnen, u.U. Eltern und u.U. nichtpädagogisches Personal, z.B. HausmeisterIn) selbst ihre eigene Schule gestalten lassen. Die konservativen Gegenspieler möchten hingegen nur die Kompetenz der SchulleiterInnen ausbauen.
Auch ansonsten gibt es verschiedene Vorstellungen, wie weit die Selbstbestimmung der Schulen gehen darf. Die ursprüngliche Idee dabei war, daß durch diese geringe finanzielle Eigenausstattung den Schulen mehr Eigenverantwortung übertragen, mehr Gestaltungsspielraum gegeben wird.
Dieses Modell gliedert sich insofern ein in die fast schon traditionelle Forderung nach mehr Autonomie, die sich wie ein roter Faden durch die progressive Bildungspolitik zieht. Von konservativer Seite wurden diese Forderungen in der Art positiv aufgegriffen, daß die Möglichkeit gesehen worden ist, Gelder einzusparen. Diese beiden gegenläufigen Diskurse, einmal aus pädagogisch-demokratischer, einmal aus finanziell-rationeller Sicht, haben bis heute keinen gemeinsamen Strang gefunden.
Vor diesem Hintergrund sollte man das fifty-fifty-Modell noch einmal völlig neu beleuchten. Es ist sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner zwischen progressiver und konservativer Seite. Zwar mußte das Landeshaushaltsgesetz geändert werden, doch das hätte in jedem Fall geschehen müssen. Aufgrund des doch objektiv betrachtet relativ geringen Betrages, den die Schulen für sich erwirtschaften können, müssen bei fifty-fifty kaum Diskussionen um Verantwortung oder Mitbestimmung geführt werden. Weder konservative, noch progressive Seite konnten für sich punkten. Nur die Hauptroute zur Autonomie der Schulen ist gelegt, stellt sich nun die Frage, wie der Diskurs weiter geführt wird.
Ein Anzeichen, daß es nicht um einen progressiven Ansatz geht, ist die Tatsache, daß sich die Diskussion fast ausschließlich auf der Ebene zwischen SchulleiterIn und Verwaltung abgespielt hat. Eigentlich hätte die Modellplanungsphase wesentlich tiefer z.B. in der SchülerInnenschaft verankert werden müssen.
Überspitzt gesagt ergibt sich jetzt das Bild, daß die SchülerInnen für die Umwelt bzw. die Staatgelder schuften müssen, aber selbst kaum Einfluß auf das Modell nehmen können. Es erscheint so, als sei das Thema Umwelt nur ein willkommener Anlaß, konservative Vorstellungen von Autonomie unter dem Deckmantel des popularistischen Umweltschutzgedankens zu etablieren.
Infos: eco direkt, Telefon 2350 6110
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