Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
Für viele Jugendliche wird es immer wichtiger, sich umweltbewußt zu verhalten. Doch die Gesellschaft macht es ihnen dabei nicht immer unbedingt leicht. Einerseits versuchen sich Jugendliche in das bestehende gesellschaftliche System zu integrieren, andererseits wollen sie ihre eigenen Vorstellungen verwirklichen. Zwei Einstellungen, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen; denn unser gesellschaftliches Verhalten ist momentan alles andere als umweltfreundlich. Drei Jugendliche setzen sich mit ihren Konsumgewohnheiten und Umweltbewußtsein auseinander.
JR: Was für eine Einstellung habt ihr generell zu ökologischen Produkten?
Blanca: Sie sind eigentlich viel zu teuer.
Miriam: Außerdem, Hauptsache, ich kriege, was ich brauche, ist doch egal woher.
Anna: Also, ich esse fast nur ökologisch.
Blanca: Schmeckt doch gar nicht!
Anna: Der Geschmack ist sogar noch viel mehr enthalten als in diesem ganzen Holland-Gemüse und so.
Miriam: Und ißt du Fleisch? So ein richtig schönes saftiges Steak, das ist doch das aller- allerbeste.
B.: Genau.
A.: Wenn es Ökofleisch ist, ist es vielleicht O.K..
B.: Das ist alles teuer, die Sachen!
A.: Ist es dir egal, daß manche Leute wegen nicht artgerechter Tierhaltung an BSE sterben?
B.: Ich esse auch kein Rindfleisch mehr.
A.: Rindfleisch ißt du nicht mehr?!
B.: Naja, meine Mutter kauft es... also, ich kann jedenfalls nicht ganz und gar auf Fleisch verzichten.
M.: Nee, auf gar keinen Fall!
A.: Aber kannst du dir denn vorstellen, ökologisches Fleisch zu kaufen?
B.: Naja, es müßte billiger sein und man müßte sicher sein, daß es wirklich ökologisch ist. Nicht nur bei Fleisch, auch bei Gemüse, da sehen Sachen auch teilweise so eklig aus. Da denkt man: Das war wohl ne Mißernte, die sie jetzt teuer verkaufen wollen!
A.: Es kommt ja auf den Geschmack an, nicht darauf, wie es aussieht. Findest du außerdem nicht, daß das Obst im Supermarkt voll künstlich aussieht?!
JR: Angenommen, im Supermarkt gäbe es immer die Möglichkeit, zwischen einem ökologischen und einem konventionell hergestellten Produkt zu wählen. Was würde euch davon abhalten, das ökologische Produkt zu kaufen?
M.: Abhalten erst mal gar nichts. Es kommt auf die Qualität an, je nachdem was besser ist und besser aussieht... Ich will vom Preis her ne möglichst gute Qualität kriegen, und was besser ist, das nehme ich halt.
B.: Es ist auch ein Problem immer mit den Kennzeichnungen, daß es da nichts Einheitliches gibt. Man ist unheimlich verunsichert.
JR: Was glaubt ihr, wo Umweltschutz anfängt?
M.: Da, wo man anfängt sich Sorgen zu machen, wo man anfängt zu gucken, was man tun kann.
B.: Also eigentlich vor der eigenen Haustür.
M.: Ja, genau! Bei jedem da, wo er es für möglich hält.
JR: Und mit was für Maßnahmen kann man ein Umdenken erreichen?
M.: Indem man z.B. überhaupt erst mal darauf aufmerksam macht. Wenn im Supermarkt z.B. auch ökologische Waren angeboten werden, daß überhaupt erst mal aufgeklärt wird, warum.
B.: Aber wenn man im Supermarkt einkauft, dann unterstützt man auch wieder die Großkonzerne, nicht die kleinen Bauern. Es geht ja um Konsumgewohnheiten... Der Supermarkt verkauft ja gleichzeitig weiter konventionell hergestellte Produkte und die ökologischen nur, weil er damit gleichzeitig noch mehr Gewinn macht.
A.: Ja, stimmt. Eigentlich müßte man wirklich nur im Bioladen einkaufen. Eine andere Möglichkeit sind food-coops. Mehrere Leute schließen sich da zusammen und geben Sammelbestellungen auf.
JR: Ist es auch Bequemlichkeit, die einen davon abhält, ökologische Produkte zu kaufen?
M.: Natürlich.
B.: Mißtrauen, glaube ich auch, so ein Zweifel einerseits, daß es so teuer ist, andererseits, ob das alles auch so stimmt, ob das nicht auch nur alles Betrug ist.
A.: Es ist besser, das Risiko einzugehen, daß es vielleicht Betrug sein könnte...
B.: Naja, aber es glauben viele nicht, daß die konventionellen Produkte alle so schlecht sind. Die sind ja nicht unbedingt schlecht für uns, sondern nur für die Landwirtschaft und die Tiere.
A.: Aber das trifft uns auch, weil wir in diesen Öko-Kreislauf miteingebunden sind.
B.: Aber, ob du z.B. Eier von Hühnern aus Legebatterien oder von freilaufenden Bio-Hühnern kaufst, in dem Ei sind ja nicht irgendwie Schadstoffe.
A.: Oh doch!Die Hühner bekommen doch Medikamente und anderes Futter. In Österreich und der Schweiz sind Legebatterien verboten worden.
A.: Wenn alle die gesamte Produktion ökologisch umstellen würden, ...
B.: ... würde es billiger.
A.: Gäbe es überall Ökologisches, wäre es auch nicht mehr unbequemer, ökologische Produkte zu kaufen.
M.: Dann wäre es natürlich.
B.: Dann müßten nicht mehr irgendwelche bescheuerten Subventionen von der EU gezahlt und gleichzeitig Butterberge produziert und dann vernichtet werden.
A.: Wir als Jugendliche sollten auf jeden Fall etwas tun, weil es ja um unsere Zukunft geht!
M.: Ja, aber jeden geht das was an!
JR: Glaubt ihr, daß es für den einzelnen möglich ist, umweltbewußt und normal zu leben?
B.: Doch... naja.
M.: Man muß ein Mittelmaß für sich finden.
B.: Genau, man kann nicht wirklich völlig umweltverträglich und normal leben. Aber man kann schon Verbesserungen machen, die auch akzeptiert werden daß du dir nicht zwanzig Paar Schuhe kaufst, daß du dir keine Dosen kaufst, deinen Dreck irgendwo hinschmeißt... dich über Umweltthemen informierst, mit dem Fahrrad fährst... versuchst, alternativ zu reisen oder deine Eltern davon zu überzeugen.
A.: ... und vielleicht auch ökologisch einzukaufen.
B.: Aber da mußt du zu Hause wieder ein Mitspracherecht haben, ich glaube zu Hause ist es am schwierigsten, was zu verändern.
M.: Vielleicht sollte man dann gerade da anfangen.
A.: Vielleicht mit seinen Eltern diskutieren.
B.: Bei sich zu Hause ist das immer noch ne andere Kiste!
M.: Dann sollte man vielleicht nicht anfangen, die Eltern zu überzeugen, sondern, wenn du einkaufen gehst, einfach ökologische Sachen kaufen.
A.: Ich glaube, Papier sammelt fast jeder.
B.: Es ist aber immer so zwiespältig. Z.B. mit den Milchflaschen und den Transportwegen von den ganzen Flaschen, die irgendwo gesäubert werden müssen..
A.: So n Quatsch! Diejenigen, die die Flaschen bringen, nehmen die leeren ja gleich wieder mit. Sonst fahren die Autos halt leer zurück, und so nehmen sie Flaschen noch mit.
JR: Wir haben jetzt eigentlich nur über ökologische Lebensmittel geredet, wie sieht es aber mit unserem Konsum generell aus?
B.: Da ist das Problem, daß kaum jemand weiß, daß es z.B. auch ökologische Kosmetik oder Klamotten gibt. Bei Klamotten gibt es auch gar keine bekannten Markenzeichen... Wird bestimmt richtig teuer, wenn man sein ganzes Leben richtig öko macht. Obwohl, wenn man dann wiederum kein Fleisch ißt... das ist ja auch teuer vor allem das ökologische.
A.: Aber Öko-Klamotten haben z.B. auch eine bessere Qualität.
B.: Es ist sicher auch wichtig, daß man erst mal für sich was ändert. Wenn die anderen sehen, daß man zufrieden damit ist... nicht sofort pleite geht... daß es einem gut schmeckt, wirkt das viel überzeugender auf die anderen, als wenn man sie ständig vollredet. Es gibt aber auch Leute, die sich ständig neue Klamotten kaufen wollen, immer die neue Mode. Das ist auch ein Statussymbol, hat eine ganz andere Bedeutung als einfach nur Klamotten gegen Kälte und Wind. Bei Kosmetika ist es ja auch so ähnlich.
B.: Ich glaube, daß viele einfach nicht öko sein wollen, weil es einfach so...
A.: ...out ist!
B.: ...so belastet ist, weil du nicht in ne Schublade gesteckt werden willst bei mir ist das jedenfalls so!
M.: Bei bestimmten Sachen ist es so, daß es nicht gut aussieht und man nicht will, daß die anderen sagen: Ihh, was hast du denn an?! Es wäre viel besser, wenn es Leute gäbe, die Sachen entwerfen, die ökologisch sinnvoll sind und trotzdem gut aussehen. So was muß man doch hinkriegen!
B.: Jugendliche haben aber auch ganz andere Probleme. Man will ja auch nicht ausgelacht werden. Wenn man auch nur ein bißchen anders ist, wird man sofort verarscht.
M.: Ich glaube, da ändert sich im Moment wirklich gerade was. Ich merke es auch bei uns an der Schule. Wenn man sagt: Ich mache das so und so und ich stehe dazu! , dann klappt das auch. Da wird man viel mehr von anderen bewundert, weil so viele das wollen und sich nicht trauen.
B.: Aber in den jüngeren Klassen, da ist man noch so abhängig.
M.: Aber gerade an der Schule orientieren sich die Jüngeren oft an den Älteren. Wenn die Älteren dann anfangen, sich zu ändern...
B.: Stimmt, aber manchmal machen sie auch genau das Gegenteil.
A.: Auch dieses ganze Girlie-Zeug mit dem Plastik...
B.: ... die Gegenbewegung. Aber ich kenne jemanden, der meinte, man müßte erst mal konsumieren wie verrückt, um dann festzustellen: Eigentlich will ich das gar nicht! Man muß es sozusagen erst mal erlebt haben, um das festzustellen. Man kann nicht immer von jemand anderem gesagt kriegen: Das ist gar nicht so toll. Und der andere hat seine zwanzig Paar Schuhe!
A.: Wenn man zwanzig Paar Schuhe hat, muß man ja nicht noch zwanzig Paar... Hosen kaufen!
M.: Der Mensch kann nur aus eigenen Fehlern lernen! Es ist ganz schwer, aus den Fehlern anderer zu lernen.
B.: Man muß sein eigenes Leben leben und nicht nur sehen, was man alles erzählt bekommt.
A.: Aber wenn man sieht, wie zerstört die Welt schon ist... dann ist es vielleicht nicht so ratsam, wenn das jeder noch mal ausprobiert.
B.: Kommt darauf an, in welchem Maße. Für den einen ist der Mega-Konsum vielleicht schon bei fünf Paar Schuhen! ...daß wir immer bei diesen doofen Schuhen steckenbleiben!
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