Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(tg) Um Ihre nicht ganz so weiße Weste wenigstens nach außen hin strahlen zu lassen, kommen Industriekonzerne auf erstaunliche Ideen: Sie gründen Organisationen, die sich nach außen hin als Umweltschutzvereinigung darstellen, eigentlich aber nichts anderes als die traditionelle Lobbyarbeit leisten. In den USA wurde diese Art der Öffentlichkeitsarbeit erstmals erfolgreich angewandt. Von Industrievertretern gegründete Gruppen, die etwa propagierten, es sei ökologisch am sinnvollsten, alle Gesetze zum Schutze der Luftqualität sofort aufzuheben, fanden Anklang in Teilen der Bevölkerung. Ihr Einfluß wurde so groß, daß es sogar bei politischen Debatten um neue Gesetze im Bereich des Umweltschutzes kein Weg mehr an ihnen vorbei gab. Der Anklang und Erfolg der ersten Gruppen dieser Art war so groß, daß es in zwischen so viele von ihnen gibt, daß der Laie den Überblick verliert.
Eine ernstzunehmende Resonanz in der Bevölkerung gab es zwar in Deutschland gegenüber solchen Initiativen nie, das heißt aber nicht, daß die Industrie es nicht teilweise mit Erfolg versucht hätte, mit ähnlichen Mitteln ihr Image aufzupolieren. Hierbei wird die Öffentlichkeit zwar gezielt in die Irre geführt, die Tarnung der Gruppen erfolgt jedoch meist weniger konsequent als in den USA. Ein Beispiel hierfür ist der Informationskreis Kernenergie. Auf den ersten Blick könnte man bei dem Namen schon darauf kommen, daß es sich hier um einen Verein handelt, der sachlich über die Kernenergie informieren will. Diesen Anschein sollen offenbar auch die Anzeigen erwecken, die wiederholt in Tageszeitungen erschienen sind. In den Texten geht es um die angeblich gar nicht vorhandenen Gefahren der Kernenergie, um sichere Endlagerung von Brennelementen oder um die vielen Vorteile, die die Menschen durch die Atomenergie hätten. Die Anzeigen sind nur mit dem Schriftzug des Informationskreises unterschrieben. Ein Hinweis darauf, daß dieser Informationskreis nur eine Art Tochterunternehmen des Deutschen Atomforums, der größten Interessenvertretung der Atomindustrie in Deutschland ist, fehlt. Der nicht informierte Zeitungsleser kann nicht ahnen, daß er es hier mit einer bewußten Desinformation zu tun hat. Auf Anfrage bestreitet aber niemand, daß es sich dabei um eine PR-Kampagne und nicht um eine Umweltorganisation handelt. Die Mitgliederstruktur sei in etwa dieselbe, wie beim deutschen Atomforum auch.
Genau wie die Atomindustrie hat auch die Chemische Industrie Probleme mit der öffentlichen Meinung über ihre Umweltverträglichkeit. Gerade die von ihr hergestellten Pestizide ließen sich nicht mehr so gut verkaufen, weil durch neue Gesetze in der letzten Zeit ihre Verwendung immer weiter beschränkt wurde, zum Leidwesen vieler Landwirte. 1984 trat zum erstenmal eine Organisation an die Öffentlichkeit, die sich Fördergemeinschaft integrierter Pflanzenbau (FIP) nannte. Die Ähnlichkeit des Namens zu dem der Fördergemeinschaft organisch-biologischer Landbau, bekannt unter dem Markenzeichen Bioland, dürfte wohl kein Zufall sein.
Integrierter Pflanzenbau bedeutet an sich eine sehr umweltschonende Weise der Landbewirtschaftung: Sortenwahl und Anbautechniken sollen hierbei auf die Natur abgestimmt werden, die chemische Schädlingsbekämpfung soll zugunsten von biologischen und mechanischen Verfahren fast völlig wegfallen. Angestrebt wird eine Landwirtschaft im Bunde mit der Natur (FIP-Broschüre). Das ganze Thema Chemie und Bodenschutz wird fast gar nicht angesprochen. Schade, daß die Fördergemeinschaft mit all diesen selbstgesteckten Zielen nichts am Hut hat. Wenn außerhalb der Hochglanzbroschüren konkrete Forderungen gestellt werden, gehen diese ausschließlich in die Richtung Freigabe aller möglichen Pestizide, Wegfall angeblich überflüssiger Beschränkungen. Die die Pestizide betreffenden Grenzwerte seien in Deutschland viel zu gering; selbst eine vielfach höhere Dosis hätte keine negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur, sagen die Öffentlichkeitsarbeiter der FIP. Im Vorstand dieses Vereins finden sich dann auch Mitarbeiter aller möglichen Chemiefirmen, die mit Pestiziden Geld verdienen, so zum Beispiel BASF. Die Geschäftsstelle der FIP in Bonn liegt seit 1994 genau gegenüber vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Die Kontakte zwischen den beiden Häusern sind rege: Mehrere Gesetze zur Regelung des Pestizideinsatzes sind in Zusammenarbeit mit dem FIP entstanden, nicht zum Vorteil des Bodenschutzes.
Ebenfalls aus dem Bereich der Chemieindustrie kommt die Bonner AG PVC und Umwelt (AgPU). Diese selbsternannte Umweltinitiative aus Wirtschaft und Wissenschaft behauptet, der Baustoff PVC sei entgegen der landläufigen Meinung gar nicht umweltschädlich. Die Arbeitsgemeinschaft wurde in der Öffentlichkeit vor allem in Berlin bekannt, nachdem hier im Sommer 1990 der rot-grüne Senat den Einsatz von PVC in öffentlich geförderten Bauten untersagte. Die nach dem Verbot einsetzende massive Lobbyarbeit beschränkte sich nicht auf Anzeigenkampagnen und Stellungnahmen, in denen PVC als preiswerter und damit sozialverträglicher sowie äußerst umweltfreundlicher Baustoff dargestellt wurde: Berliner Politiker wurden sogar zu Auslandsreisen eingeladen, bei denen sie Recyclinganlagen für PVC besichtigen sollten. Für Hartwig Berger von den Grünen gleicht so etwas einem Bestechungsversuch. Auch Politiker der anderen Parteien beschwerten sich über die massive Einmischung der AgPU. Und doch zeigte die Öffentlichkeitsarbeit ihre Wirkung: Nach dem Ende der erhitzten Diskussion verstrichen einige Monate, bis im September 1995 das Verbot auf Antrag der FDP klammheimlich wieder aufgehoben wurde, diesmal von der Großen Koalition. Bausenator Nagel trug eine Entscheidung mit, die er noch ein Jahr vorher kategorisch ausgeschlossen hatte. Die AgPU bestreitet jegliche Korruptionsvorwürfe und weist entschieden die Vermutung zurück, sie sei eine Interessenvertretung der PVC-Hersteller.
Der Bundesverband für fachgerechten Natur- und Artenschutz (BNA), nach Selbstdarstellung einer der größten deutschen Umweltorganisationen, kümmert sich um den Erhalt vom Aussterben bedrohter Arten. In den Entwicklungsländern, so wird argumentiert, seien viele bedrohte Arten dadurch gefährdet, daß die armen Menschen sie schlicht und einfach als Nahrung benötigten. Bis hierher klingt es sinnvoll, bei der daraus resultierenden Schlußfolgerung wundert man sich schon eher: Der Erhalt dieser Arten sei aus diesen Gründen in nur in Gefangenschaft und durch Zucht möglich. Positivlisten, wie sie von den Naturschutzverbänden zur Regelung des Tierimports in die Bundesrepublik gefordert werden, seien daher völlig unsinnig. Man ahnt es schon, beim BNA handelt es sich um eine Verband von Tierzüchtern in Deutschland. Bei diesem Verein ist die Tarnung jedoch wesentlich perfektionierter, als bei den meisten anderen: So fordert der BNA etwa offiziell, daß in Zoohandlungen keine aus der Natur entnommenen Tiere verkauft werden sollen (was ohnehin nicht üblich ist) und initiiert Aktionen wie die Aufhängung von Nistkästen. 1991 strengte der Verband sogar eine Klage an, um gemäß Paragraph 29 des Bundesnaturschutzgesetzes als Naturschutzverband anerkannt zu werden, was jedoch mit der Begründung abgelehnt wurde, die Komponente der Interessenvertretung der Züchter habe zu starken Vorrang gegenüber den Naturschutzaktivitäten, die das Gericht als eher dürftig ansah. Nach dem Mißerfolg ließen die Aktivitäten des Verbandes jedoch keineswegs nach. Die Lobbyarbeit wurde teilweise recht erfolgreich fortgesetzt. So ist der BNA mittlerweile regelmäßiger Teilnehmer in der Länderarbeitsgemeinschaft für Naturschutz, Landschaftspflege und Erholung, einem nicht unerheblichen Gremium, wenn es um Artenschutzgesetze geht.
Am dreistesten und wohl auch am bekanntesten unter den Tarnorganisationen sind die Waste Watchers. Ihre Diffamierungskampagnen und Störaktionen gegen andere Umweltverbände wie Greenpeace oder den BUND sind bislang ohne gleichen geblieben.
Die etwas andere Umweltorganisation: Waste Watchers Tetra Paks Umweltengel?
Als völlig unabhängige Umweltorganisation geben sich auch die Waste Watchers aus, eine seit Anfang 1992 bestehende Gruppierung. Der Unterschied zu den herkömmlichen Verbänden wie dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Greenpeace ist lediglich deren Position: Die Ängste vor der Müllverbrennung sing völlig unbegründet, Umweltpapier gibt es nicht und Glas-Recycling ist Etikettenschwindel. So eine Auswahl der Kernsätze aus den Publikationen der Waste Watchers. An sich ist an dieser Meinung nichts Schlimmes dran schließlich gibt es Meinungsfreiheit. Doch ist es bei einem genauen Blick auf die Struktur der Organisation naheliegend, daß hier eher ein Interessensvertreter von Tetra Pak & Co am Werke ist.
Buch zum Thema: Deckmantel Ökologie
Nach dem Vorbild der Amerikanischen Industrie schaffen sich mittlerweile auch deutsche Unternehmen Tarnorganisationen im Ökologiebereich, um in der Gesellschaft ihre Ziele zu legitimieren und durchzusetzen. Das Buch beschreibt die Geschichte dieser Unterwanderung der Umweltbewegung, die mit Gründung der Wise Use-Bewegung begann und durch ihren Erfolg in den USA sich auch nach Deutschland fortgesetzt hat.
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