Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(lp) Ein neues Drogenprojekt an Berlins Schulen. Das besondere: Jugendliche informieren andere Jugendliche, ohne daß Erwachsene anwesend sind, über Drogen und deren Vor- und Nachteile. Dadurch entsteht eine viel vertrauensvollere Atmosphäre, als es sonst der Fall ist. Gemeinsam werden Alternativen gesucht. Hat jemand wirkliche Probleme, erhält er Adressen von Beratungsstellen, die von den Jugendlichen vorher schon besucht und als okay empfunden worden sind.
Hallo! Wir sind Catarina und Caro von den Peers, erklärt die 15jährige Caro und zieht Catarina, die einen Sack über der Schulter trägt, mit sich in die Klasse.
Peers sind Gleichaltrige mit gleichen Interessen. Die Peers Helper waren ursprünglich Jugendliche, die andere Jugendliche über AIDS informieren wollten. 1991 wurde dann die erste Peers-Gruppe ins Leben gerufen, die Gleichaltrige in Schulen, Jugendfreizeitheimen u.ä. über Drogen aufklärte. Ralf Hepprich, der Koordinator für schulische Suchtpreventionen im Schulamt Zehlendorf, und seine damalige Kollegin hatten die Idee dazu. Inzwischen findet das Projekt bezirksübergreifend statt. Jugendliche werden an drei Ausbildungswochenenden in Gruppen als Peers Helper geschult. Peers- Gruppen gibt es zur Zeit in Charlottenburg, Hellersdorf und Zehlendorf. Seit dem Sommer sind sie an den Berliner Schulen im Einsatz.
Doch zurück zu Caro und Catarina. Sie haben sich inzwischen mit den Schülern auf Kissen und Decken zusammengesetzt und machen es sich bei Saft und Keksen gemütlich. Der Sack, den sie mitgebracht haben, entpuppt sich als der Suchtsack. Er ist ein Spiel zum Einstieg in die Diskussion. Der Reihe nach zieht jeder einen Gegenstand aus dem Sack heraus. Die Überraschung ist groß, als als erstes eine Videokassette herausgezogen wird: Videokassette?! Ich dachte, wir reden über Drogen?! Nach kurzem Überlegen wird dann aber von einem Freund berichtet, der jeden Tag drei, vier Filme gucke und, wenn man ihn frage, ob er nicht mit hinauskommen wolle, meistens nicht von der Glotze wegzubekommen sei. Würdest du sagen, daß er vielleicht süchtig ist? fragt Caro. Der Schüler weiß es nicht.
Was meint ihr denn, wann man süchtig ist? fragt Catarina, nachdem schon die nächsten Gegenstände, eine Flasche, Einkaufstüten, Smarties als Pillen und eine Schachtel Kippen, aus dem Sack herausgeholt worden sind.
Es ist gar nicht so leicht auf diese Frage eine Antwort zu finden, und auch die Peers wissen keine Hundertprozentige. Jede Droge hat ihre Funktion im Alltag, und diese soll herausgefunden werden. Wenn die Droge den Mittelpunkt des Lebens darstellt, ist der Horizont des Konsumenten auch auf sie begrenzt. Die Peers versuchen das aufzubrechen.
Wir wissen natürlich, daß wir niemanden um 180 Grad verändern können, erklärt Sarah. Sie hat die Arbeit als Peer mehr über Drogen nachdenken lassen. Caro lacht: Bewußterer Drogenkonsum! Aber im Ernst, sagt Dominik, über Maße weiß man besser Bescheid. Mensch kann besser abwägen zwischen Vor- und Nachteilen und für sich selbst entscheiden, wann Genuß zur Sucht wird.
Nachdem jeder etwas aus dem Suchtsack herausgeholt hat, wählen die Schüler eine Droge aus, die eine alltägliche Suchtform darstellt, mit der alle zu tun haben. Das sind in der Regel Alkohol, Zigaretten, Tabletten und Cannabis. Auf einer Wandzeitung werden alle Vor- und Nachteile dieser Droge und zwar psychischer, körperlicher, sozialer, finanzieller, für den Alltag, die Zukunft und sonst wichtiger Art notiert. Die Schüler überlegen sich, in welchen Situationen mensch zu Drogen greift und was mensch täte, wäre die Droge nicht dagewesen. Auch über das Gefühl von vorher und nachher wird eingehend gesprochen.
Obwohl nicht alle Peers und jeder Schüler selbst Erfahrungen mit Drogen und Sucht gemacht haben, so haben sie doch zum Beispiel durch Freunde und Eltern Auswirkungen von Suchtverhalten auf ihr tägliches Leben gespürt. Höchste Zeit also, daß darüber auch einmal gesprochen wird. Das ist wenig sinnvoll, wenn Erwachsene sich hinstellen und die Kinder warnen. Wenn Jugendliche mit Jugendlichen reden, ist die Situation viel ungezwungener.
Die Peers sind zwischen 14 und 17 Jahre alt. Sie gehen in siebente bis elfte Klassen und kommen in etwa gleichaltrige Gruppen, um sie zu beraten. Wer gerne will, daß die Peers Helper zu ihm in die eigene Klasse kommen, oder selbst ein Peers Helper werden will, kann am besten sich bei Ralf Hepprich melden, Tel. 807 31 34!
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