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Naturzerstörung und Verkehrskollaps

Großer Rummel um den Tivoli

(dv) Tolle Stimmung, fröhliche Menschenmassen, lachende Kinder in Achterbahnen, deren Väter sich die Hand vor den Mund halten. „Kennen Sie jemanden, der nicht davon träumt?“ fragt Disney in der Fernsehwerbung. Allerdings, denn in Spandau kann dieser Traum nahezu wahr werden. Nahezu, weil es sich bei dem Vergnügungspark, der in Spandau bald für kurzweilige Freizeitgestaltung sorgen soll, nicht um einen Euro-Disney-Abklatsch handelt, sondern eine Zweigstelle des Kopenhagener Tivoli. Und das wird Probleme für Natur und Mensch geben. Von einem großen Verkehrschaos mal ganz abgesehen. Doch Arbeitsplätze gehen der Bezirksregierung unter dem CDU-Bürgermeister Konrad Birkholz vor Anwohnerinteressen, Natur- und Umweltschutz.

Das Konzept dieses Parks wird sich von dem amerikanischer Freizeitzentren unterscheiden. So setzen bereits seit 150 Jahren Tivoli-Direktoren auf gepflegte Parkanlagen statt auf die sonst rummelübliche Baustellenatmosphäre. Auch Varieteeveranstaltungen und Theateraufführungen haben ihren festen Platz. Natürlich darf auch gekreischt werden, denn was wäre ein Erlebnispark ohne Achter- und Walzerbahn? Zudem bleibt den Tivoli-Managern ohnehin keine andere Wahl, als weiterhin dem Trend zu immer waghalsigeren Anlagen zu folgen, denn im vergangenen Jahr schrieb man zum zweiten Mal seit Bestehen rote Zahlen. So ist auch der weltweite Verkauf des Tivoli-Konzeptes lediglich ein Mittel zugunsten eines schnellen Farbenwechsels. Aus roten sollen zügig wieder schwarze Zahlen werden.

Verständlich also, daß der Tivoli-Pressesprecher Tony Hechmann Zuneigung für die Idee einer hiesigen Filiale zeigt: „Berlin wäre ein sehr guter Standort.“ Dieser Standort soll genauer auf einer dreißig bis vierzig Hektar umfassenden Fläche zwischen Spandau und Seeburg liegen. Rund sechs Hektar befinden sich auf Spandauer Gebiet, zwischen dem Hahneberg und dem Fort Hahneberg im Westen des Bezirkes. Die 115 Jahre alte Festung soll übrigens in den Park mit eingegliedert werden. Beispielsweise wären darin Theateraufführungen und Ausstellungen gut möglich.

Genauso wenig wie Beschädigungen dieser geschichtsträchtigen Fassade wird Umweltauflagen Beachtung geschenkt. Laut Bezirksbürgermeister Konrad Birkholz (CDU) müsse man eventuelle Bedenken des Naturschutzes und der Stadtentwicklung hintenanstellen. Immerhin war „in dem Gespräch mit den Tivoli-Vertretern von 2.300 neuen und festen Arbeitsplätzen die Rede.“ Auch die Hälfte der Jobs wäre Birkholz nach eigener Aussage eine Vernachlässigung der Umwelt wert.

Zitate wie diese lassen die Anwohner rund um das zukünftige Rummelgebiet aufhorchen. Karin Thiede, die vor drei Jahren samt Kindern ein Einfamilienhaus in der Straße 334 bezog, erinnert sich, daß ihnen beim damaligen Bau des Hauses extreme Umweltauflagen vorgeschrieben wurden. Diese nahm man allerdings in Kauf, schließlich hätten vor allem die „großen Grünflächen und die intakte Natur“ die Familie zum Umzug ins ruhige West-Staaken bewogen. Können sich die Anwohner also bald nur noch an einem intakten Riesenrad erfreuen und nicht an grüner Umgebung? Zumindest versuchten sie noch bis zuletzt, dieses Schicksal abzuwenden. In Bäckereien, Supermärkten und Arztpraxen hat eine neu gegründete Bürgerinitiative Unterschriftenlisten ausgelegt. Die Proteste der Anwohner nimmt Konrad Birkholz allerdings mit stoischer Bierbauchruhe hin: „Es wird nicht so schlimm werden. Die Anwohner haben kaum Lärm zu befürchten. Ein Tivoli-Park ist kein Disneyland.“ Aber auch wenn der neue Freizeitpark ein größerer Störfaktor wäre, würde Birkholz die Anwohnerproteste wohl ignorieren. So stellt Karin Thiede richtig fest: „Sobald eine Firma Arbeitsplätze verspricht, steht die Umwelt scheinbar ganz hinten an.“ Den hundertprozentigen Beweis für diese These liefert die Tatsache, daß mit der Bebauung des Gebietes um das Fort Hahneberg eine ökologisch äußerst wertvolle Landschaft zugrunde gehen wird. Beispielsweise haben in den alten Gemäuern und Gräben seltene Vögel und Fledermäuse ein einmaliges Rückzugsgebiet gefunden. Obwohl 1991 beantragt, steht die Fläche allerdings bis heute nicht unter Naturschutz.

Ein weiteres Problem, das ebenfalls eine stärkere Umweltbelastung zur Folge haben dürfte, gibt die SPD zu bedenken. Baustadtrat Thomas Scheunemann (SPD) sagt, daß das Projekt natürlich allein wegen der entstehenden 2.300 Arbeitsplätze grundsätzlich ein Gewinn für Berlin ist. Aber die Sache müsse auch funktionieren: „Freizeitparks dieser Größe haben bessere Verkehrsanbindungen als das vorgesehene Gebiet Entweder einen Eisenbahn- oder einen Autobahnanschluß. Die Heerstraße oder ein Pendelbus können das nicht leisten. Immerhin rechnen die Betreiber mit zwei Millionen Gästen jährlich.“

Aufgrund all dieser logischen Einwände wurde schließlich noch eine zweite Standortalternative in Betracht gezogen. Allerdings nur, um nochmals verstärkt auf die Vorteile des Gebietes am Fort Hahneberg hinzuweisen. Denn das neu ins Gespräch gekommene Gelände am Staakener Flughafen, würde die Bewohner der Gartenstadt stören. Zudem bewerben sich noch drei andere Investoren um das Gebiet! War der Vorschlag also nur ein billiges Ablenkungsmanöver?

Bis zur endgültigen Eröffnung des Berliner Tivoli im Jahre 2000 gibt es jedenfalls noch eine Menge zu tun. Der Zweikampf zwischen wirtschaftlich und umweltschonend Denkenden geht weiter. Mal sehen, wer ins Gras beißt!


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