Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(hp) Das Lieblingsspielzeug unserer Lieblingspolitiker sind Landkarten. In diese malen sie mit Genuß und Wonne viele bunte Striche hinein, die sie später als Straßen interpretieren und als wirtschaftsfördernd ausgeben... Tatsächlich scheint es so, als würden unsere Volksvertreter gar nicht nachdenken, bevor sie planen. Bei der Ostsee-Autobahn A20 ist dies allerdings dem BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) aufgefallen, der Klage einreichte, die vorerst Erfolg hatte und den Bau bei Lübeck stoppen konnte. Denn als die Planer die Straße durch einen Feuchtbiotop-Streifen in der Wakenitz-Niederung zeichneten, haben sie vermutlich zwei EU-Naturschutz-Richtlinien übersehen. Bis zur endgültigen Entscheidung ruhen jetzt die Bauarbeiten.
Woher kommt aber überhaupt die Idee, in Zeiten der drohenden Klimakatastrophe noch Straßen zu bauen?
Das hat sich die Bundesregierung 1992 mit dem Bundesverkehrswegeplan (BVWP) Deutsche Einheit ausgedacht. Dieser beinhaltet 8 neue Schnellstraßen, 9 Schienenprojekte und 2 Wasserstraßen, mit denen die Infrastruktur Ostdeutschlands verbessert und Industrie angelockt werden sollte. Für die knapp 5.000 km lange Gesamtstrecke hat sie etwa 60 Milliarden DM in ihrem Haushaltsloch gefunden. Die A20 von Lübeck nach Stettin mit ihren 290 Kilometern schlägt dabei mit vergleichsweise geringen 3,3 Milliarden zu Buche.
Da diese Straße aber ein Projekt aus vielen kleinen Einzelabschnitten ist, rauschen schon seit Ende letzten Jahres die Autos über das erste fertige Teilstück von Grevesmühlen nach Wismar.
Den Mecklenburgern wird mit der Autobahn wirtschaftlicher Aufschwung und ein Ende der beängstigenden Arbeitslosenzahlen versprochen. Daß eine günstige Verkehrsanbindung aber nicht den Schlüssel zu wirtschaftlichem Aufschwung verkörpert, beweisen Beispiele in Nordrhein-Westfalen. Sogar die Bundesanstalt für Landeskunde und Raumordnung ermittelte schon Anfang der Achtziger Jahre, daß Fernstraßenbau im ländlichen Raum eher negative als positive Effekte für den regionalen Arbeitsmarkt hat. Viel eher spielt beispielsweise der Preis von Arbeitskräften eine Rolle. Da die Autobahn in Stettin (Polen) enden soll, drängt sich der Verdacht auf, daß die Straße eher für profitgeile Industrielle als für Norddeutschlands Arbeitslose gebaut wird. Nur müssen diese im Endeffekt die Steuern für derartige Projekte zahlen.
Nebenbei soll auch noch die Natur für unsere Rechen-Strategen herhalten. Die Straße wird sich durch Wald und Wiesen fressen, hier ein paar Pflanzen und da ein paar Tiere verdrängen. Naturschutzgebiete wie das Internationale Vogelschutzgebiet im Peenetal können die A20 nicht aufhalten. Zusätzlich steigt natürlich die Abgas-, Staub- und Lärmbelastung an, was ebenfalls wieder Wald als Erholungsgebiet und Stadtluftfilter zerstört. Außerdem verläuft die neue Schnellstraße vorwiegend durch bergige Endmoränenlandschaft mit einem hohen Grundwasserspiegel. Das erfordert an vielen Stellen Brückenbau und Grundwasserabsenkungen, die den natürlichen Wasserhaushalt stören.
Wer nun diese Maßnahmen mit dem Argument, eine bessere Infrastruktur zu schaffen rechtfertigt, hat vergessen, daß nach und nach fast zwei Drittel des bestehenden Schienennetzes stillgelegt worden sind.
Genug Gründe also, um gegen diese Straße zu protestieren. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) Greifswald organisiert beispielsweise seit 6 Jahren die bekannte Pfingst-Rügen-Radtour, die mit immer wieder steigenden Teilnehmerzahlen über Rügen rollt. Auch für die siebentägige Sommer-Radtour unter dem Motto A20 macht die Seeluft ranzig fanden sich im zweiten Jahr schon 100 Entschlossene, während 1995 nur 30 Gegner ihren Unwillen demonstrierten. Dieses Jahr startet die Tour am 1. August zum vierten Mal. Alle Wütendgewordenen sollten sich beteiligen. Die Route führt über Wismar, Kühlungsborn durch Prerow bis nach Greifswald. Mit Transparenten, T-Shirts, Flugblättern und witzigen Aktionen sowie Gesprächen mit den Anwohnern lassen sich Urlaub und Widerstand gegen die aktuelle Verkehrspolitik bestens kombinieren.
Andere Gegner erbauten 1995 direkt auf der geplanten Strecke bei Jarmen Wohnhütten, so daß die ganze Siedlung vor Baubeginn hätte weggeräumt werden müssen. Die 15 bis 20 Bewohner fanden in dem umliegenden Ort jedoch kaum Unterstützung. Sie waren sogar mehrfachen rechtsradikalen Übergriffen ausgesetzt und haben kurz vor ihrem zweijährigen Bestehen im Juni 97 aufgeben müssen. Trotz starker Proteste wurde das Waldstück mittlerweile gefällt, wobei ein Demonstrant durch grob fahrlässiges Herumhantieren eines Bauarbeiters mit einer Motorsäge schwer verletzt wurde.
Entlang der gesamten Strecke haben sich Bürgerinitiativen gegen den Bau gegründet. Diese drücken mit friedlichen Aktionen oder Unterschriftenlisten ihre Ablehnung aus. Genauso tragen viele private Eingaben und Bürger, die sich weigern, ihr Land für diese Autobahn an den Staat zu verkaufen, dazu bei, daß sich das Projekt schon fast 3 Jahre verzögert hat. Die Klage des BUND und von schleswig-holsteinischen Grundbesitzern könnte den Bau bei Lübeck sogar ganz verhindern.
Anmeldungen zur Radtour: ADFC, Lange Straße 14, 17489 Greifswald, Telefon 03834/897 412, Fax 894 523, e-Mail adfc-mv@gryps.comlink.apc.org
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