Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(al) Man höre und staune: Bis zum Jahr 2008 sollen die Treibhausgasemissionen dieses Landes um 25% reduziert werden. Was Deutschland angeht, eine Zielsetzung, die sich sehen lassen kann auf dem Weg zum weltweiten gemeinsamen Ziel einer Reduktion um 50% bis 2030 bzw. 80% bis 2050. Worüber man allerdings seltener hören und staunen kann, sind Informationen über konkrete Maßnahmen, die Politiker zur Bannung einer auf schonungslosem Ressourcenverbrauch beruhenden Klimaveränderung zu ergreifen gedenken.
Kann in Anbetracht dessen nicht leicht der Verdacht einer ziemlich großen Diskrepanz zwischen erklärten Vorhaben und der herrschenden Realität entstehen?
Die derzeit in Deutschland geführte Debatte um Energiepolitik spaltet sich im wesentlichen in zwei Lager, wobei Bundesregierung und Vertreter von Industrie und Energiewirtschaft durchaus die gleichen Interessen vertreten. Allen wissenschaftlichen Prognosen zum Trotz sind sie der Überzeugung, daß die durch Energieverbrauch bedingten Umweltprobleme lediglich durch Modernisierung des herkömmlichen Energieversorgungskonzeptes in den Griff zu bekommen seien. Motor allen Fortschritts ist demzufolge noch immer wirtschaftliches Wachstum, und so gelte es, letzteres durch Effizienzsteigerung vom Energieverbrauch abzukoppeln. Im Grunde bedeutet das eine bruchlose Weiterführung der Vergangenheit in die Zukunft, mit dem Unterschied, daß die Umwelt durch technischen Fortschritt entlastet werden soll.
Daß aber dieses Konzept gar nicht zu den angeblich doch so gewünschten Erfolgen führen kann, zeigt sich in der Tatsache, daß sich durch Technik lediglich die Effizienz beeinflussen läßt. Die Menge der ausgestoßenen Schadstoffe hängt jedoch ausschließlich vom jeweiligen Energieträger ab und wird sich erst dann verringern, wenn absolut weniger Brennstoffe verfeuert werden. Nur gerade das scheint angesichts des stetig steigenden Verbrauchs von Mineralöl durch Personen- und Güterverkehr, der weiteren Förderung von Stein- und Braunkohle und vor allem ohne einen grundlegenden Wandel in der Energiepolitik, aber auch im Bewußtsein der einzelnen nicht einzutreten.
Treffend hat diesen Sachverhalt US-Vize Al Gore formuliert, indem er sagte, daß die Hoffnung, neue Technologien könnten das Dilemma lösen, Bestandteil der falschen Denkweise sei, die überhaupt erst in die Krise geführt hat. Und schaut man auf die Entwicklung in den armen Ländern dieser Erde, so wird die Notwendigkeit einer anderen Denkweise, die zu allererst neue Leitbilder des Wohlstandes in den reichen Ländern hervorzubringen vermag, besonders deutlich. Denn ohne Energiewende im eigenen Land wird es dem an die Entwicklungsländer gerichteten Appell zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise wahrscheinlich immer an Glaubwürdigkeit mangeln.
Nach dieser Erkenntnis auch zu handeln, wird von der Fraktion der sogenannten Effizienzrevolutionäre gefordert, die mit Schlagworten wie EDU statt EVU oder Negawatt statt Megawatt publik geworden sind. Dahinter verbirgt sich die Forderung nach einer Reform des Energiewirtschaftsgesetzes, das wie ein Relikt aus einer Zeit wirkt, in der Ressourcenschonung und Umweltschutz noch Fremdworte waren. Aus dem in seiner Präambel verankerten Grundsatz, die Stromversorgung so sicher und billig wie möglich zu gestalten, konnten sich Energieversorgungsunternehmen entwickeln, die da das Gesetz ihnen die Möglichkeit einräumt, Fehlinvestitionen ausschließlich auf die Kunden abzuwälzen , kein Risiko eingehen müssen und lieber etwas zuviel produzieren. Dieses etwas zuviel belief sich in den letzten Jahren auf etwa 30 50% über der Nachfragespitze. (Die zu einer sicheren Versorgung notwendige Reservekapazität liegt bei 8%.) Es herrscht Überfluß und nicht Knappheit, und man kann wohl eher nicht davon ausgehen, daß diese Strategie der Umsatzexpansion und maximalen Kapitalverwertung zur Förderung eines sparsamen Umgangs mit Energie beiträgt.
Um diesem Dilemma zu entkommen, sollten an die Stelle der ausschließlich versorgungsorientierten Energieunternehmen lieber nachfrageorientierte Dienstleistungsunternehmen treten, die nicht länger daran verdienen, ihren Kunden möglichst viel zu verkaufen, sondern sie im Gegenteil durch konkrete Maßnahmen zum Energiesparen animieren und die selber zusätzliche Leistungen durch billige Einsparmöglichkeiten anstatt durch neue Investitionen erreichen. Würde diese Methode des sogenannten Least-Cost-Planning, deren Grundsatz es ist, an weniger mehr zu verdienen und auf diese Weise Wachstum und Verbrauch zu entkoppeln, Bestandteil eines neuen Energiegesetzes werden, so würde das eine Trendwende in der Energiepolitik darstellen.
Eine zusätzliche Maßnahme wäre die Einführung einer Energiesteuer auf alle Energieträger mit Ausnahme der erneuerbaren, deren Chancen im Konkurrenzkampf um die Anteile bei der Energieversorgung dadurch verbessert werden würden.
Doch solange die EU-Kommission für mehr Konkurrenz in der europäischen. Energiewirtschaft eintritt und damit aber auch für eine Senkung der Energiepreise kämpft, wird sie Konzepte für eine ökologische Steuerreform, die höhere Energiepreise zur Folge hätte, stets blockieren.
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