Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sp) Etwa ein Drittel des Stroms wird in Deutschland aus Kernenergie gewonnen. Daß diese Art der Stromerzeugung ein gefährliches Spiel mit dem atomaren Feuer ist, müßte spätestens seit den Katastrophen in Harrisburg/USA 1979 und Tschernobyl/Ukraine 1986 auch den atomgläubigsten Managern und Politikern klargeworden sein. Doch die AKWs laufen weiter, von gerichtlich angeordneten Stillegungen abgesehen.
Atomkraftwerke funktionieren im Prinzip wie alle anderen Kondensationskraftwerke auch: Eine Wärmequelle erhitzt Wasser, der unter hohem Druck stehende Dampf treibt Turbinen an, an denen Generatoren zur Stromerzeugung angeschlossen sind. Der Unterschied liegt im Brennstoff: Während bei konventionellen Kraftwerken Kohle, Gas oder Öl verbrannt werden, entsteht die Hitze bei AKWs durch radioaktiven Zerfall.
Wie immer bei technischen Anlagen, sind auch bei Atomkraftwerken Unfälle nicht auszuschließen. So muß der Reaktorkern stets gekühlt werden, um die Kettenreaktion unter Kontrolle zu halten. Wird der Kühlkreislauf gestört, kann es zur Kernschmelze und zur Explosion kommen wie in Harrisburg, wo glücklicherweise die Betonhülle den größten Teil der Radioaktivität aufhielt, oder in Tschernobyl, wo der Reaktor explodierte und weite Teile der Ukraine und Weißrußlands unbewohnbar machte und auch in Deutschland dazu führte, daß Kinder nicht mehr im Freien spielen durften.
In Deutschland ist das AKW Biblis nur durch einen glücklichen Zufall an einer solchen Katastrophe vorbeigeschrammt.
Aber selbst, wenn technisch alles in Ordnung ist der Risikofaktor Mensch darf nicht vergessen werden.
Doch fast noch größer dürften die Gefahren durch den Normalbetrieb sein. Denn jede Atomanlage gibt im Betrieb ständig geringe Mengen Radioaktivität an die Umwelt ab. Diese Gefahren wurden lange Zeit unterschätzt. So häuften sich die Leukämie-Fälle im Einzugsgebiet von Atomanlagen, z.B. in der Elbmarsch bei Hamburg, fünf bis zehn Jahre nach deren Inbetriebnahme.
Das deutsche Atomgesetz schreibt vor, daß Atomkraftwerke nur betrieben werden dürfen, wenn die Entsorgung des anfallenden Atommülls gesichert ist. Das Dilemma dabei ist, daß es weltweit kein einziges sicheres Endlager für Atommüll gibt. Es wird seit Jahrzehnten gesucht und geforscht, eine Lösung ist aber nicht in Sicht. In Deutschland ist in Morsleben (Sachsen-Anhalt, an der Grenze zu Niedersachsen) ein Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll in Betrieb die DDR-Betriebsgenehmigung wurde einfach bis ins Jahr 2000 verlängert, obwohl keine Prüfung nach bundesdeutschem Recht erfolgte und selbst den DDR-Behörden Unterlagen über die Ungeeignetheit des Standortes vorlagen.
Diese Bedenken wurden ignoriert, kam man doch so sehr einfach an ein Endlager. Schließlich zeichnete sich schon Ende der Siebziger Jahre ab, daß der Gorlebener Salzstock im Wendland ungeeignet ist, und auch Schacht Konrad, ebenfalls in Niedersachsen, kommt nicht voran.
Eigentlich gibt es ohne Endlager keinen Entsorgungsnachweis, somit auch keine Betriebsgenehmigung würde ein normaler Mensch denken. Da das die Profite der Atomkonzerne schmälern könnte, sieht das deutsche Atomrecht ein paar Tricks vor: Als Entsorgungsnachweis gelten auch die langfristige Zwischenlagerung und die Wiederaufarbeitung.
Bei der Wiederaufarbeitung werden das noch nutzbare Uran und Plutonium aus den Brennelementen isoliert. Dies geschieht in den Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) in La Hague/Frankreich und Sellafield/Großbritannien. Das Material strahlt dann zwar weniger stark, die Menge des Atommülls steigt aber um ein Vielfaches, und die Umgebung der Anlagen wird radioaktiv verseucht: Eine von Greenpeace am Abwasserrohr in La Hague gezogene Probe wurde vom deutschen Zoll als entsorgungspflichtiger Atommüll beschlagnahmt...
Sinn der Wiederaufarbeitung war es (neben der Atombombenherstellung), Uran und Plutonium nochmals zu nutzen. Da sich die dafür nötigen Schnellen Brüter aber als extrem unsicher und unwirtschaftlich herausstellten, wurde dieses Konzept eingemottet.
Aus Kostengründen geht der Trend mittlerweile dahin, Atommüll einfach über Jahrzehnte zwischenzulagern die kommenden Generationen werden sich schon etwas einfallen lassen.
Die Transporte aus deutschen AKWs in die Wiederaufarbeitung finden meist mit nur sehr geringer Beteiligung der Öffentlichkeit statt, im Gegensatz zu Lieferungen nach Gorleben oder in den nächsten Tagen nach Ahaus, wo es regelmäßig zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommt und ganze Armeen aus Polizei und Bundesgrenzschutz die Transporte durchknüppeln müssen. Das liegt weniger an einer Aus den Augen, aus dem Sinn-Mentalität der deutschen Anti-AKW-Bewegung, sondern eher an praktischen Problemen: Wenn der Zielort klar ist, ist es recht einfach, innerhalb weniger Tage Zehntausende dorthin zu bekommen. Wenn der einzige Angriffspunkt aber der Abfahrtsort ist, müssen die AKW-Betreiber nur einen günstigen Zeitpunkt wählen, wo gerade nur wenige DemonstrantInnen in der Nähe sind schon ist der Zug, im wahrsten Sinne des Wortes, abgefahren.
Das ist natürlich nicht ungefährlich, denn deutsche Atommüllproduzenten verhandeln mittlerweile über langfristige Zwischenlagerungsverträge im Ausland, und auch Endlagerstätten in der Südsee wurden zumindest ernsthaft diskutiert.
Doch auch, wenn in Zukunft auf die Wiederaufarbeitung verzichtet wird gigantische Mengen an waffenfähigem Uran und Plutonium sind nun einmal produziert, und mit jedem aufgearbeiteten Brennstab wird es mehr. Bei den riesigen Mengen, die in den Anlagen verarbeitet werden, können kleine Fehlmengen gar nicht bemerkt werden doch schon wenige Kilogramm reichen, um eine Atombombe zu bauen. Das technische Wissen ist für die interessierten Staaten kein Problem, nur das Material fehlt.
Die einzige Lösung besteht in der sofortigen Beendigung der Wiederaufarbeitung und in der Verarbeitung des waffenfähigen Materials, daß es nicht mehr bombengeeignet ist. Sonst sieht sich die Welt über kurz oder lang einer neuen atomaren Bedrohung gegenüber aber nicht mehr so relativ berechenbar wie bei den Großmächten im Kalten Krieg.
Die Frage der Entsorgung des bereits entstandenen Atommülls ist damit natürlich nicht geklärt, ganz im Gegenteil, solange die Reaktoren nicht abgeschaltet werden, wird der Dreck jeden Tag mehr.
Eine Möglichkeit zur Lösung dieser Frage wäre, Atomkraftwerke solange zu betreiben, bis die jeweiligen kraftwerkseigenen Lagerkapazitäten erschöpft sind. Dort bleibt der Müll, bis ein Endlager gefunden ist. Das erspart unnötiges Hin- und Hertransportieren, das sehr gefährlich und sehr teuer ist. Außerdem ist so der Fahrplan zum Ausstieg klar das dürfte die Suche nach einem Endlager erheblich erleichtern, ist doch ein Ende absehbar.
Probleme bei der Stromversorgung sind selbst bei einem sofortigen Totalausstieg nicht zu erwarten: Die deutsche Stromwirtschaft hat derartig gigantische Überkapazitäten, daß selbst ohne Atomkraft noch ein Sicherheitspolster zwischen der Spitzenlast von 73 GW und der Kraftwerksleistung von 77 GW bleibt.
... auf der Juckreiz-Linkseite unter http://www.jugendumwelt.de/mitmach/linx-umw.htm#Atom
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