Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(dr) In China sprengt derzeit der längste Fluß Asiens, der Jangtsekiang, seine Grenzen. Er reißt alles mit sich, was ihm in den Weg kommt. 240 Millionen Menschen, ein Fünftel der Bevölkerung, ist von dem Hochwasser betroffen. Seit Wochen dauert der hohe Wasserpegel des Jangste an, an immer mehr Stellen brechen Dämme. Inzwischen wurde von einer vierten Flutwelle berichtet, die die Millionenstadt Wahun bedroht. Die Regierung opfert ländliche Regionen, um die Industriestadt zu retten.
Überall in der Region um den Fluß sind Überschwemmungen zu erkennen, ganze Städte stehen unter Wasser, und Anwohner müssen ihre Häuser verlassen. Was bleibt, sind verzweifelte Gesichter. In Paizhou, einer Stadt mit 53.000 Einwohnern, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Innerhalb weniger Stunden nach dem Deichbruch stand die Region unter Wasser. Viele Menschen wurden von den Fluten mitgerissen.
Als das Wasser kam, rannten wir nach Osten, nach Westen, aber es gab kein Entrinnen. Wenn der Jangtse-Damm bricht, kann kein Mensch dagegen ankämpfen, wissen die Betroffenen zu berichten. Die meisten der Überlebenden haben schicksalhafte Stunden erlebt und Mitglieder ihrer Familien verloren. Doch offizielle Zahlen über die Katastrophe gibt es noch nicht oder sie werden verschwiegen. Nach sechs Wochen Hochwasser ist nur die Rede von 2000 Toten. Über das Gebiet wurde eine Nachrichtensperre verhängt, weshalb schwer nachzuvollziehen ist, wie viele Menschen wirklich den Tod in den Fluten gefunden haben.
In der Großstadt Jiujiang brachen die Deiche. Teile der Stadt sollen jetzt bis zu zwei Meter unter Wasser stehen. Die Behörden allerdings behaupten, es hätte keine Opfer gegeben. Währenddessen berichtet ein lokaler Journalist, daß von 40.000 betroffenen Bewohnern erst die Hälfte registriert seien.
In mindestens 20 Orten sind Nebendämme des Stroms gebrochen, und die Armee hat inzwischen damit begonnen, künstliche Deichsprengungen durchzuführen, um damit die Riesenstadt Wuhan zu schützen. Doch auch in deren Vororten gibt es schon schwere Überschwemmungen. Bisher wurden ca. 5 Millionen Hektar bebautes Land zerstört, und Millionen verloren Heim und Habe. In einigen Regionen wehrten sich die Bewohner und wurden zwangsevakuiert. Die Schäden belaufen sich im Moment auf mindestens 4,8 Milliarden Dollar.
Schon im Februar diesen Jahres warnten die Meteorologen Chinas vor einer derartigen Katastrophe. Sie sagten voraus, daß sie schlimmer werden würde als die große Überschwemmung im Jahr 1954. Damals stieg der Wasserstand im August auf fast 30 Meter an.
Voraussagen ließ sich diese Entwicklung anhand der heftigen Schneefälle in Tibet während der Wintermonate. Nur, daß ihre Folgen diesmal noch verheerender sind als damals. Setzt dann Anfang des Sommers die Regenzeit in der Region ein, tritt der Jangtse samt seiner Nebenflüsse weiträumig über seine Ufer.
Aktuell sind 240 Millionen Menschen, 20% der Bevölkerung Chinas, betroffen. Das Gebiet um den Jangtse ist aufgrund der allgemein hohen Bevölkerung und der guten Nutzbarkeit als Agrar- und Industrieland dicht besiedelt. Ein Großteil des Gebietes wurde schon zerstört. In der betroffenen Region werden 40% der Agrar- und Industrieproduktion erwirtschaftet, sie ist die Kornkammer Chinas.
Das gigantische Bauwerk soll in der Xiling-Schlucht in der Provinz erbaut werden. Fertig soll die 185 Meter hohe und die zwei Kilometer lange Mauer den Strom bändigen und Hochwasser in Zukunft verhindern.
Außerdem soll er für einen Gewinn an elektrischer Energie dienen. Regimegegnerin Dai Qing im SPIEGEL: Da alle staatlichen Mittel der Wasserbauer für den Mammutdamm zur Verfügung gestellt wurden, kam der Dammschutz landesweit zu kurz. Sie ist sich sicher, daß die Bauarbeiten den Flußlauf verändert haben und dieser sich mit noch größerer Gewalt gen Osten richtet. Dirk Wollesen, Geograph an der Uni Gießen sagt dazu in einem Interview mit der taz: Der Einfluß des Staudamms wird sehr gering sein, denn bei den Überschwemmungen kommen die Hauptwassermassen in der Regel von den Seitengebieten auf den letzten 1500 Metern vor der Mündung.
Das, was vom Oberlauf kommt, ist selten hochwasserentschei-dend. Wenn in einer Hochwassersituation dieser Zufluß gestoppt wird, reduziert das den Wasserpegel nur um einige Zentimeter.
Da scheint doch das ganze Bauvorhaben unsinnig zu sein und nur einen Zweck zu erfüllen, den der Energiegewinnung.
Den Menschen am Unterlauf des Flusses verhilft das nicht dazu, in Zukunft keine Überschwemmungen mehr zu erleben.
Außerdem können auch große Staudämme brechen, wie letztlich in Indonesien geschehen. Nach langanhaltenden tropischen Regenfällen ist die Hauptstadt des Landes Samarinda auf der Insel Borneo überflutet worden. Laut behördlichen Angaben starben bis jetzt 10 Menschen, zahlreiche würden vermißt. Ein Staudamm brach, die Wassermengen ergossen sich in den Urwaldfluß Mahakam, der dann vor der Stadt über seine Ufer trat. Umweltschützer sprechen von der schlimmsten Überschwemmungskatastrophe seit über 30 Jahren.
Dirk Wollensen dazu: Wir hatten 14 große Überschwemmungen in diesem Jahrhundert, davon allein 10 seit Beginn der 80er Jahre.
Chinas Klima hängt mit dem pazifischen Klima zusammen und ist damit auch mit dem Wetterphänomen El Niño und seiner gegensätzlichen Kaltphase La Niña verbunden.
Wir können trotz des dramatischen Hochwassers nicht belegen, daß es einen Trend zu mehr Niederschlägen gibt. Wollensen sieht die Ursache für die Katastrophe, wie es auch eine Studie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ausdrückt, in der rücksichtslosen Abholzung der Wälder und der radikalen Landgewinnung seit den 50iger Jahren. Dadurch seien die natürlichen Wasserrückhaltegebiete verlorengegangen. Sie wurden eingedeicht und besiedelt. Wollensen: Die Menschen siedeln in von der Regierung ausgewiesenen eingedeichten Wasserrückhaltegebieten. Von 1991 bis 1995 wurden die ausgewiesenen Rückhaltegebiete von 45.900 auf 33.000 reduziert. Außerdem sind von den als Überlaufspeicher dienenden Seen, 1949 waren es in der Provinz Hubei noch 1066, nur noch 325 übriggeblieben.
Das Deutsche Rote Kreuz warnte in seinem World Disaster Report von 1996, daß extreme Fluten alle 20 Jahre vorkommen könnten.
Da viele Gegenden überschwemmt wurden, mußten Großteile der Bevölkerung evakuiert werden oder flohen vor den Wassermassen. In Axiang sind allein nach offiziellen Angaben 100.000 Menschen obdachlos geworden.
In Jiujiang wurden 80% der Bevölkerung evakuiert, die Stadt hat insgesamt 460.000 Einwohner. Diese Menschen leben nun schon seit ein paar Wochen in Notunterkünften, kampieren zum Beispiel auf Dammkronen. Es gibt keine Toiletten, kein Trinkwasser, berichtet ein Arzt von der Organisation Ärzte ohne Grenzen gegenüber dem SPIEGEL. Das Internationale Rote Kreuz fürchtet den Ausbruch von Krankheiten, wie Cholera; Thyphus und Ruhr. Denn die Menschen trinken das schlammige Flußwasser. Die Menschen sitzen da bisweilen schon 45 Tage in Notunterkünften bei Temperaturen von 36 Grad.
Wollensen zu dem Thema: Die einzige Lösung wird sein, die Deiche noch weiter zu erhöhen. Man wird die Leute nicht mehr aus den Rückhaltegebieten herausholen können. In Folge des Bevölkerungsdrucks und dem damit verbundenen Landmangel ist die bessere Lösung ausreichende Wasserrückhaltegebiete kaum möglich.
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