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Auf dem Weg zur Rettung der Tropenwälder

Gute Vorsätze, aber dann doch gemetzelter Regenwald

(hp) „Rettet den Regenwald!“ – Ein Spruch, mindestens so populär wie „Rettet die Wale“. Er begegnet uns als Autoaufkleber oder auf Briefumschlägen. Selbst jeder halbwegs aufmerksame BRAVO-Leser hat auf zwei bunten Panik-Seiten schon einmal von der Tropenwaldzerstörung gelesen. Dank solch breiter Aufklärungsarbeit müßte es dem Tropenwald doch bestens gehen. Pustekuchen! Noch immer verschwinden minütlich ca. 40 Hektar. Neue Straßen zerschneiden das grüne Paradies und rütteln an dessen ökologischem Gleichgewicht. Immer noch. Schwere Maschinen zersäbeln blitzschnell die letzten Urwaldreste, machen Lärm und produzieren ihre schädlichen Abgase. Immer noch. So verlassen teilweise unbekannte Tier- und Pflanzenarten für immer diesen Planeten. Bodenschatzgeile und Viehherdenhalter fackeln die bunte Vielfalt, den größten Sauerstoffspender der Erde, kurzsichtig ab. Immer noch. Jawohl. Auch jetzt, in diesem Moment.

Traurigerweise scheint nur Umweltbewußte dies wirklich zu berühren. Denn immer wieder zeugen neue Skandale von unglaublicher Arroganz: So deckte Robin Wood Anfang Dezember den Tropenholzeinsatz in insgesamt fünf öffentlichen Gebäuden auf. Den Einsatz von Raubbau-Holz, genauer gesagt. Gemetzelter Urwald, sozusagen. Diesen dürfen zum Beispiel Schüler in Form ihrer Fenster bewundern. Aber auch in einer Feuerwache und einer Polizeikaserne war es den Behörden wert, gutes Mahagoni-Holz oder Meranti zum Einsatz zu bringen.

Dabei hatte der Senat der Stadt Hamburg ausdrücklich beschlossen, kein Raubbau-Holz mehr einzusetzen. Das hieße, wenn schon Tropenholz als unverzichtbarer Luxus unsere Schulen gestalten sollte, dann bitteschön welches aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Seit 1993 gibt es sogar eine relativ anerkannte Gesellschaft, die dafür zehn Richtlinien und ein Siegel festgelegt hat. Dazu zählen heute „Erhalt der ökologischen Vielfalt“, „Anerkennung der indigenen Bevölkerung“ oder „Erhalt der Urwälder“.

Forest Stewardship Council (FSC) nennt sich die Organisation, was ungefähr soviel wie ein Weltforstwirtschaftsrat ist. Dieser Rat vereint ungefähr 160 Organisationen, zu je einem Drittel Umweltvereine, Vertreter der indigenen Bevölkerung und die Holzkonzerne. Allerdings vergibt der Rat seine FSC-Siegel nicht selbst, sondern überläßt dies ausgewählten Zertifizierern. Davon tummeln sich weltweit sechs an der Zahl, die die Zertifikate ausstellen dürfen und damit das Einhalten das Spielregeln überwachen müssen.

Auch die deutsche Organisation Naturland darf ab 1999 Zertifikate ausstellen. Und zwar nicht nur für Tropenwald, sondern auch für einheimische Waldgebiete. Naturland hatte schon vorher sein Naturland-Zertifikat für ökologische Waldwirtschaft ausgestellt. Auch heute noch übertrifft es dabei an Strenge die Kriterien der FSC. Beispielsweise spielt für die Vergabe des Siegels auch die vernünftige Verarbeitung des Holzes eine Rolle. Paradoxerweise sind die Wälder vor Hamburgs Haustür kürzlich mit diesem Siegel ausgezeichnet worden.

Statt dessen aber nutzten die Hamburger Behörden lieber Tropenholz, das sich mit gefälschtem Siegel schmückte, ausgestellt von Holzlieferanten selbst. Ähnliches geschah in Rostock, wo die Kommune für den Bau von Buhnen zertifiziertes Tropenholz einsetzen wollte. Hier aber liegt der Skandal bei dem Lieferanten. Denn das Schweizer Unternehmen ist einer der sechs zugelassenen Zertifizierer. Nun konnte die Firma nicht ausreichend FSC-Holz besorgen und mischte Raubbau-Holz unter. Auch die Firma Tchibo glaubte, mit einem gefälschten FSC-Siegel ihre Teak-Holz-Gartenmöbel besser verkaufen zu können, ebenso das Einrichtungshaus habitat und das dänische Bettenlager ScanCom. Doch auch Großkonzerne ziehen ab und an die Ereigniskarte, und dann tauchen Umweltverbände wie Robin Wood auf. Diese zerren die häßlichen Heimlichkeiten der Betrüger an die Öffentlichkeit, wo die Konzerne dann vor Peinlichkeit zu winseln anfangen. So geschah es auf der Kölner Gartenfachmesse Ende August, als schon am Portal des Gebäudes die Transparente prangten und die Besucher informierten.

Doch nicht nur der häufige Mißbrauch der Zertifikate bereitet den Tropenwaldbesorgten dieser Erde Bauchschmerzen. Auch die Aussagekraft des Siegels an sich bleibt heiß umstritten. So spielt beispielsweise die Holzgewinnung, die Verarbeitung oder der Transportweg für die Siegelvergabe keine Rolle. Daher offenbart das Siegel für die Verbraucher keinerlei Informationen über derartige „Randbedingungen“. Zudem liefert der FSC ja nur Richtlinien, die die Zertifizierer unterschiedlich streng behandeln können. Ein zusätzlicher Kritikpunkt entsteht aus dem geringen Mitspracherecht der indigenen Bevölkerung in den zertifizierten Gebieten.

Natürlich sind heftige Diskussionen auch Aushängeschild einer glaubhaften Zertifizierung. Und vermutlich werden bestehende Kriterien unter dem öffentlichen Druck noch weiter verschärft. Letztendlich bildet dieses Siegel einen ersten wichtigen Schritt gegen den ungebremsten Raubbau am Regenwald. Selbst wenn bisher nur ein Prozent der globalen Waldfläche zertifiziert ist.

Noch über dem Siegel allerdings hängt das Gebot, Tropenholz generell als kritische Ware zu betrachten. Die Zweifel einer jeden grünen Seele beginnen beim hohen Energieaufwand durch den langen Transportweg und vergrößern sich mit dem Blick auf die enorme Artenvielfalt. Nicht zu vergessen die Bedeutung dieser Wälder für unser ohnehin schon reichlich krankes klima.

Prinzipiell gibt es eigentlich keine Rechtfertigung für die Ausnutzung weit entfernter Landschaften, wenn auch die unmittelbare Umgebung gleiches leisten kann. So würde vielen die Auswirkung des eigenen Konsumverhaltens und die Begrenztheit der Rohstoffe eher bewußt werden, wenn dies vor der eigenen Haustür sichtbar wird.

Vielleicht würde auch die BRAVO dann irgendwann auf Recyclingpapier gedruckt und Möbel nicht als Fünf-Jahres-Gegenstände betrachtet werden.

Dann werden wir anfangen zu verstehen, was eigentlich gemeint ist mit „Rettet die Regenwälder!“ – auch die BRAVO-LeserInnen.


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