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Freiwiliges Jahr im Unternehmen

Früh übt sich, was...

(ah) „Sie werden sicher erleben, daß Unternehmer sein mehr Freiheit und Selbstbestimmung, mehr Spaß und Geld, aber auch mehr Streß und Risiko bedeutet.“ (Broschüre Freiwilliges Jahr im Unternehmen)

Die ewige Leier von „Es gibt keine Alternativen“ über „Leistung muß sein“ bis hin zu „Der Mensch ist nun mal schlecht“ reicht den BefürworterInnen dessen, was hier euphemistisch „soziale Marktwirtschaft“ genannt wird, zur Formierung der Bevölkerung anscheinend nicht. Auf Initiative des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) und des Bundesjugendministeriums sollen jetzt lauter kleine, gute KapitalistInnen herangezüchtet werden.

„Ohne Kapitalisten ist kein guter Kapitalismus zu machen.“ So oder ähnlich müssen sich die Gedanken der damaligen Bundesjugendministerin Claudia Nolte durch ihr Gehirn gezwängt haben, als sie auf die Idee kam, das Freiwillige Jahr im Unternehmen (FJU) zu starten. In diesem sollen junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren die Möglichkeit bekommen, „Einblicke in freies Unternehmertum“ zu erhalten und eine „neue Kultur der Selbständigkeit“ zu begründen.

Angelehnt ist das ganze an das bereits bestehende Freiwillige Soziale bzw. Ökologische Jahr (FSJ/FÖJ). Bis zu 1.500 junge Menschen können ein FJU bei Unternehmen in etwa 30 ausgewählten Industrie- und Handelskammern absolvieren. Es wird wie beim FSJ und FÖJ in dem Jahr fünf Seminare á fünf Tagen geben. Damit die Jugendlichen in diesen ausschließlich neoliberale Dogmen verinnerlichen und nicht auf dumme Gedanken wie etwa „Enteignung von Großkonzernen“ oder „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ kommen, werden die drei überregionalen Seminare vom Partner Dresdner Bank AG finanziert, die das Gesamtprojekt „auch inhaltlich mitbegleitet“.

Mit „Führungskräften“ zusammen soll ein „Verständnis für unternehmerisches Denken und Handeln“ entwickelt werden, „Begriffe wie ‚Unternehmergeist‘ und ‚unternehmerische Freiheit‘ werden durch persönliches Erleben mit konkreten Inhalten gefüllt“, so der O-Ton des FJU-Heftchens. Eine sehr eigenwillige Definition von „Freiheit“, die das Sterben und Elend von Menschen einerseits und Verschwendung und Überfluß einiger weniger zur Folge hat.

Fast schon lächerlich mutet der Versuch von Ex-Bundesjugendministerin Claudia Nolte an, mit Biegen und Brechen das FJU in eine Reihe mit dem FÖJ/FJS und einem Dienst für die Gesellschaft zu stellen: „Auch wer Verantwortung für sich und andere übernimmt und Arbeitsplätze schafft, handelt sozial.“ Unabhängig davon, ob mensch für diese Gesellschaft überhaupt etwas tun möchte, hat sich hier bestimmt niemand Lohnabhängigkeit oder das ausbeuterische Verhältnis Arbeitnehmer-Arbeitgeber ausgesucht. Die sich immer weiter verschärfende soziale Krise erfordert noch flexiblere Unternehmen, um den Standort zu retten. Nicht ohne Grund schwärmt Nolte weiter von „Fahrrad-Kurierdiensten“, „Babysitterservicen“ oder dem „kleinen Unternehmer mit Führungsqualitäten“.

In die gleiche Kerbe haut Hans Peter Stihl, seines Zeichens Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, wenn er vollmundig von sich gibt, daß „wirtschaftliche Herausforderungen wie die Globalisierung keine Bedrohung, sondern vor allem eine Chance für jeden einzelnen sind. Unsere Botschaft heißt: Wirtschaft geht alle an!“ Richtig! Wirtschaft geht tatsächlich alle an und nicht bloß die Handvoll Aktiengesellschaften und Großkonzerne, die entscheiden, wo investiert wird und wo nicht, wer wieviel Lohn bekommt oder wer jetzt mal hungert und über die Klinge springt.

...einE KapitalistIn werden will

Aus dem Bundesministerium heißt es, der wirtschaftlichen Jugendbildung komme heute „wachsende Bedeutung zu“, außerdem behaupten angeblich 56% der jungen Menschen, sie würden gerne als Selbständige arbeiten. Damit sich die Jugendlichen gleich an das Prinzip der Ausbeutung gewöhnen, bekommen sie monatlich lediglich 200,- bis 300,- DM, das Kindergeld für die Eltern fällt weg. Da von diesem Betrag niemand leben kann, sind die zukünftigen TeilnehmerInnen von vornherein auf reiche Eltern angewiesen.

In einer gemeinsamen Presseerklärung des Bundesjugendministeriums, des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) und der Dresdner Bank tönt Nolte: „Wir arbeiten an den notwendigen Reformen des Steuer- und Sozialversicherungssystems, um den Standort Deutschland fit zu machen.“

Mit Erfolg, wie sich zeigt.

Andreas Hechler

Sämtliche Artikel im Juckreiz geben nicht unbedingt die Meinung der gesamten Redaktion wieder.


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