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Die schöne neue (Gen-)Welt

Gentechnik: Profite kontra Verantwortung

(ne) Profit und Verantwortung gehen scheinbar nicht zusammen. Was die industrielle Nutzung der Gentechik betrifft, so zählt für die Unternehmen nicht etwa die Verbesserung des Lebensstandards oder gar die Lösung des weltweiten Hungerproblems, sondern der möglichst schnelle Verdienst. All diejenigen, die sich sträuben, an die schöne neue (Gen-)Welt zu glauben, werden getreu der Vermarktungsstrategie als fortschritts- oder sogar menschenfeindlich bezeichnet. Dabei ist Kritik an Doping-Enzymen und Wegwerfsaatgut oder an Eugenik durch die genetische Pränataldiganose mehr als berechtigt.

Von Novel Food und Herbizidresistenz, von Wunder-Medikamenten, und gentechnisch erzeugten Eiweißen ist die Rede. In den Chefetagen von Saatgut-, Chemie-, Pharma- und Lebensmittelkonzernen herrscht Goldgräberstimmung. Die relativ neue Technologie, die sich das Wissen über die Beschaffenheit des Erbgutes zunutze macht, eröffnet neue Märkte und neue Möglichkeiten. Grenze ist für die Unternehmen wohl bisher nur die Machbarkeit, und nichts scheint unmöglich.

Immer dort, wo Wissenschaft und Profit aufeinander stoßen, entstehen Probleme. Tests werden verkürzt oder den gewünschten Ergebnissen angepaßt, kritische Wissenschaftler werden mundtot gemacht, und die Öffentlichkeit wird durch sogenannte Informationen zum Narren gehalten.

Die Gentechnik ist ein gutes Beispiel für die Verflechtung von Kapital und Wissenschaft. Durch die Beteiligung von Unternehmen wie Schering, Hoechst oder Bayer an Forschungseinrichtungen und durch deren finanzielles Engagement in der Grundlagenforschung hat die Vermarktung von Wissen seinen Lauf genommen. Der Wissenschaftler ist nicht mehr „Herr“ seiner Ergebnisse, sondern bloßer Angestellter im Dienste der Wirtschaft, die auf der Suche nach Patentrechten und einer möglichst schnellen Vermarktung ihrer Produkte ist. Oft scheint es, als stehe weniger der Nutzen eines Produktes im Vordergrund, sondern der möglichst hohe Profit, den es abwerfen soll.

Als Beispiel läßt sich das sogenannte Terminator-Saatgut der amerikanischen Firma Monsanto anführen: Entwickelt zu keinem anderen Zweck als der Gewinnmaximierung, enthält es ein Gen, welches die Pflanze unfruchtbar macht. Eine Wiederaussaat des geernteten Getreides wird so unmöglich, und der Landwirt muß sein Saatgut jedes Jahr wieder bei Monsanto kaufen.

Die Verflechtung von Kapital und Wissenschaft bekam auch der englische Genforscher Arpad Pusztai zu spüren, als er aufgrund von Fütterungsversuchen mit Ratten vom Verzehr gentechnisch manipulierter Kartoffeln abriet. Sein Labor wurde geschlossen, und er selbst wurde suspendiert. Obwohl sich eine Reihe namhafter Wissenschaftler für seine Rehabilitierung eingesetzt hatten, nachdem bekannt wurde, daß seine Ergebnisse reproduziert werden konnten, wurde diese Suspendierung immer noch nicht zurückgenommen.

Mehr Gesetze?

Der Staat ist angehalten, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um den verantwortungslosen Umgang mit Gentechnik zu beschränken. Zu diesem Zweck traten 1990 in Deutschland das Embryonenschutzgesetz und das Gentechnikgesetz in Kraft. Das Embryonenschtzgesetz regelt den Umgang mit menschlichem Erbgut, es verbietet zum Beispiel das Klonen von Menschen und schreibt vor, wie mit befruchteten Eizellen umgegangen werden soll. Es gilt als sehr streng und wird es Dank der allgemeinen Ablehnung solcher „Menschenversuche“ wohl auch bleiben. Das Gentechnikgesetz sollte den Umgang mit genetisch veränderten Lebewesen regeln, es legt Sicherheitsstandards fest und schreibt bestimmte Tests für gentechnisch veränderte Produkte vor. Schon 1993 verabschiedete der Bundestag die Novelle zum Gentechnikgesetz, in deren Begründung von „Entschlackung und Abschaffung bürokratischer Hemmnisse“ die Rede war. Die Industrie hatte sich durchgesetzt, im Namen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit wurden Genehmigungsverfahren für gentechnische Forschungsprojekte und Produktionsanlagen verkürzt, das heißt öffentliche Anhörungen als Teil des Genehmigungsverfahrens wurden abgeschafft und die ohnehin lockeren Bestimmungen über die Freisetzung von gentechnisch manipulierten Lebewesen wurden weiter verwässert.

Die Kritiker der Gentechnik fordern schon seit dem ersten bekanntwerden von ungewollten Nebenwirkungen gentechnisch erzeugter Medikamente und Lebensmittel schärfere Kontrollen und Genehmigungsverfahren, ähnlich derer, die auch für konventionelle Medikamente angewandt werden. Doch die Gen-Firmen halten dagegen. Als Argument werden vor allem die Arbeitsplätze genannt, 110.000 Stellen sollen angeblich bis zum Jahr 2000 (das ist nächstes Jahr!) in der Branche entstehen. Als Voraussetzung gilt eine massive staatliche Förderung über die Ausschreibung von Wettbewerben und die Beteiligung an der Grundlagenforschung sowie der weitere Abbau von sogenannten Hemmnissen. Grund genug für die Bundesregierung, es mit dem Schutz der Bevölkerung nicht mehr so genau zu nehmen und lieber den Konsumenten zum Versuchskaninchen zu machen. Man verspricht sich eine internationale Vorreiterstellung, in Sachen Gentechnik und ist bemüht sich nicht auch bei dieser „Schlüsseltechnologie“ von den Amerikanern abhängen zu lassen.

Monopol auf den Genpool

Was den Europäern noch bevorsteht, hat in Amerika schon längst seinen Lauf genommen. Während in Deutschland viele kleinere Unternehmen neben den großen an der Forschung und Vermarktung von gentechnisch erzeugten Produkten teilhaben, geht in Amerika der Trend in Richtung sogenannter Life-Science-Konzerne, die in den verschiedensten Sparten aktiv sind. Als Paradebeispiel gilt der Agrarkonzern Monsanto, der sich auf dem nordamerikanischen Markt gerade zum Monopolisten entwickeln möchte. Er ist der Urheber eines „all-in-one“ Konzepts, bei dem Landwirte von ein und der selben Firma mit Saatgut, und diversen Agrarchemikalien versorgt werden. Das manipulierte Saatgut ist auf die Behandlung mit einem speziellen Pflanzenschutzmittel ausgerichtet und ein Vertrag und bald eben auch das Terminator-Saatgut verbieten dem Bauern die erneute Aussaat seiner Ernte. Die Unabhängigkeit des Bauern ist dahin, seine wirtschaftliche Abhängigkeit von ein und dem selben Konzern perfekt. Was hier zählt ist nicht „Food, Health, Hope“, das Sprüchlein, daß seit neuestem Monsanto’s Veröffentlichungen ziert, sondern „Shareholder-Value“, eben die Aktienkurse und der erwirtschaftete Gewinn.

Der Nutzen der grünen Gentechnik, im weitesten Sinne also der gentechnischen Veränderung von Pflanzen, läßt sich ziemlich weit einschränken. Das sogenannte Novel-Food, also Nahrungsmittel, die gentechnisch „verbessert“ worden sind, entpuppt sich als Quatsch, denn eine ausgewogene Ernährung ist allemal besser. Die veränderten Pflanzen, die dem Bauern das Leben erleichtern sollen indem er nicht mehr so viel Gift auf die Felder spritzen muß, wären überflüssig, wenn statt dessen mehr ökologischer Landbau betrieben würde. Ertragssteigerungen lassen sich bewiesenermaßen ebensogut mit traditionellen Zuchtmethoden erzielen.

Erbgut geklaut

Wirtschaftlich attraktiv ist diese Art der Gentechnik nicht wegen der neuen Möglichkeiten die sie für die Gesellschaft eröffnet, sondern allein deshalb, weil sie es den Firmen ermöglicht, das Erbgut von Pflanzen in Besitz zu nehmen. Denn nur auf genetisch manipulierte Pflanzen lassen sich Patente anmelden. Nicht umsonst melden sich mittlerweile die eigentlichen Besitzer des Erbgutes solcher Nutzpflanzen zu Wort, die Bevölkerung Südamerikas zum Beispiel habe die Kartoffel geschaffen, denn durch jahrhundertelange Auslese sei sie überhaupt erst zu dem geworden, was sie jetzt ist. Die einzige Nutzpflanze, die von Rechts wegen den Nordamerikanern gehört ist nämlich die Sonnenblume, da sie nicht, wie alle anderen Pflanzen, die großflächig angebaut werden, importiert wurde, sondern schon vor der Besiedelung in Nordamerika vorkam. So bedienen sich die amerikanischen Forscher aus dem artenreichen Genpool Südamerikas oder Asiens und als Dankeschön dürfen die Gen-Spender dann patentiertes Saatgut vom Monopolisten kaufen. Zu befürchten steht außerdem, daß Erbgut aus gentechnisch manipulierten Pflanzen, in den Genpool Südamerikas eingeht und dort wohl möglich unberechenbare Schäden verursacht. So werden nämlich die kritischen ersten Tests mit manipulirtem Saatgut nicht etwa in Nordamerika durchgeführt, sondern vorsichtshalber in die Länder des Südens verlagert.

Es tut sich was

Doch überall regt sich Widerstand, so wie bisher werden die Gen-Konzerne jedenfalls nicht weiter machen können. Novel-Food stößt in der europäischen Bevölkerung auf breite Ablehnung. Durch das Abmähen von Versuchsfeldern mit genmanipulierter Saat schaffen die Gen-Gegner weltweit Fakten. In den letzten Monaten hat der Indische Bauernverband KRRS sich erfolgreich gegen den Anbau von gentechnisch veränderter Baumwolle gewehrt. Er stellte Monsanto ein Ultimatum, das Land zu verlassen. Nach einer Woche brannten die Baumwollfelder. Kritische Wissenschaftler schließen sich zusammen, etwa 23 Genforscher aus aller Welt forderten vor kurzem die Rehabilitation des englischen Forschers Pusztai, seine Ergebnisse seien richtig. Der neueste Schlag für die Gen-Unternehmen kam von einem Zusammenschluß europäischer Supermarktketten, die sich, wegen des hohen Verbraucherdrucks auferlegten, in Zukunft keine Produkte mit genmanipulierten Inhaltsstoffen mehr anzubieten.

Zu hoffen steht, daß jetzt bei den Gesetzgebern endlich die Debatte über den eigentlichen Nutzen und die Gefahren der grünen Gentechnik in Gang kommt. Patente auf Lebewesen, seien es Pflanzen oder Tiere dürfen nicht mehr ausgesprochen werden. Die Gefahren durch Freisetzung gentechnisch veränderter Lebewesen müssen genau geprüft werden, lassen sie sich nicht abschätzen (das dürfte meist der Fall sein), darf es zu keiner Freisetzung kommen. Jedoch sollte nicht ein Maulkorb für die Forschung das Ziel sein, sondern das Verbot des skrupellosen Umgangs mit einer Technologie, die noch viel Nutzen, vor allem im medizinischen Bereich, bringen könnte. Der Staat muß seien Einfluß in der Forschung geltend machen und nur noch solche Projekte fördern, die von nichtkommerziellen Interesse sind, die allen Menschen zugute kommen und nicht nur die Aktienkurse der Gen-Firmen in die Höhe schnellen lassen.


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