Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(hp) Vor 150 Jahren war es für die Welt eine unbedeutende Behauptung: Es gäbe Gesetzmäßigkeiten bei der Vererbung. Damals, 1865, entdeckte der Augustinermönch Gregor Mendel bei Kreuzungsversuchen mit Erbsen erstaunliche Regelmäßigkeiten, die er dann in den Mendelschen Gesetzen formulierte. Heute finden wir sie in jedem Biologiebuch. Sie öffneten die Tür für die moderne Gentechnik. Längst schnipseln die Forscher am Erbgut sämtlicher Lebewesen herum, ohne seine genaue Funktionsweise zu kennen. Aber der Reihe nach.
Erst um 1900 erkannte man die Bedeutung der Arbeit Mendels und verfeinerte die Theorie, daß bestimmte Bausteine in den Zellen die Vererbung steuern müssen. Seit 1904 erst gibt es überhaupt den Begriff Genetik. So tastete man sich langsam an das Wunder des Lebens heran vom Zellkern zu den Chromosomen und schließlich zur DNS.
Daß diese der eigentliche Schlüssel ist, erkannte erst 1944 der kanadische Bakteriologe Oswald Avery. Von nun an ging es flott voran in den Laboren. 1953 stellten die Forscher Watson und Crick ein Modell vom Aufbau der DNS vor, das bis heute gültig ist. Anfang der 60er Jahre war es dann endlich soweit, daß man langsam eine Vorstellung davon gewann, wie die Gene gelesen und umgesetzt werden. Dazu zählt die Aufklärung des genetischen Codes, sozusagen das Entschlüsseln der DNS-Geheimsprache (1965) und die Erklärung der Gensteuerung, wie also die Gene in Aktion treten. Letzteres ist vor allem den Franzosen François Jacob und Jacques Monod zu verdanken, die 1961 molekulare Schalter auf der DNS ausfindig machten.
In den folgenden Jahren entdeckten die Forscher Schneidewerkzeuge (Restriktionsenzyme), die die DNS an bestimmten Stellen zerteilen können (1965-1972). Scheinbar sind sie dann des Forschens überdrüssig geworden und wollten das neuentdeckte Spielzeug nicht nur bestaunen, sondern auch benutzen.
So gelang es 1973 den amerikanischen Molekularbiologen Stanley Cohen und Anmie Chang, die DNS eines Frosches in ein Bakterium einzuschleusen. Seitdem spricht man von Gentechnik, und es wurde hektischer in den Laboren und in der Öffentlichkeit. Die Ereignisse überschlugen sich. Eine klare Zeitlinie läßt sich kaum mehr aufmalen.
Nun beginnt auch die Politik, auf die Geschehnisse zu reagieren, die internationale Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen der neuen Methoden entflammt. Noch in den 70er Jahren werden menschliche Gene geklont und die Gentechnik in der Verbrechensbekämpfung erfolgreich eingesetzt. Damals führte die Untersuchung der DNS (genetischer Fingerabdruck) von 5511 Männern zur Aufklärung der Vergewaltigung eines 15jährigen Mädchens.
Schon drei Jahre später (1981) folgte die erste kommerzielle Anwendung der Gentechnik mit dem Verkauf von gentechnisch hergestelltem Insulin, dem Stoff, den Diabetiker spritzen müssen. Die Herstellung durch gentechnisch veränderte Bakterien war für die Firma Hoechst eine billige Alternative zum Schweineinsulin. Es folgten Nachrichten von einer Riesen-Gen-Maus oder neuen Gen-Vervielfältigungsapparaten, die allmählich Ängste und Befürchtungen realistischer werden ließen, zumal es immer noch keine spezifische gesetzliche Regelung zum Thema gab.
Bereits 1985 erlaubten sich amerikanische Wissenschaftler, ihre neuen Kreationen zu Versuchszwecken in die Natur freizulassen. Was bisher immer unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen im Labor geschah, sollte sich endlich auch in der ganzen Welt verbreiten dürfen. Dieser erste Versuch, Gen-Bakterien auszusetzen war illegal, aber er führte dazu, daß Freisetzungen in den USA grundsätzlich gestattet wurden.
Die nächste Mauer durchbrach die Gentechnik 1988, als erstmals ein Patent auf ein lebendes Tier eingetragen wurde. Es war eine genmanipulierte Maus, die dazu erkoren war, besonders oft an Krebs zu erkranken. Nach langer Diskussion kann heute bereits die bloße Entdeckung eines bestimmten Gens patentiert werden.
Endlich schien es der Bundesregierung auch angemessen, ein entsprechendes Gesetz zur Regelung der Gentechnik zu erlassen. Die geschah 1990, im gleichen Jahr, als Ärzte in den USA sich zum ersten Mal an die Gentherapie wagten. Dabei werden kranke Gewebszellen entnommen, gentechnisch verändert geheilt und wieder in den Patienten eingesetzt.
Das Jahr 1990 enthielt aber noch ein Highlight für Genforscher und Genfirmen bereit, denn HUGO (die Human Genom Organization) beginnt zu arbeiten. Dies ist eine Vereinigung von mehr als 1000 Wissenschaftlern aus aller Welt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, bis zum Jahre 2003 das gesamte menschliche Erbgut zu entschlüsseln. Heute, im Jahre 1999, ist ihnen das schon für mehr als 5% des menschlichen Genoms gelungen. Was Staat oder Wirtschaft hinterher mit dieser riesigen Datenmenge anstellen wollen, darüber darf man still vermuten. Nur der Aufklärung wegen dürfte ein solcher Aufwand kaum betrieben werden, was uns dieser kurze Abriß der Geschichte zeigt.
Bis wir im Jetzt angekommen sind, vergehen noch 9 Jahre, in denen Gentechnik zum Alltag wird. Genetechnisch veränderte Bakterien stellen Käse her, helfen bei der Vernichtung von Ölteppichen oder produzieren Enzyme für Waschmittel. Bald helfen sie auch bei der Papierherstellung oder bei der Produktion neuer Waffen. Bis dahin aber waren die gentechnischen Veränderungen immer auf die Herstellung beschränkt, noch ist der Verbraucher nicht mit den Gen-Geschöpfen an sich in Berührung gekommen.
Dies änderte sich, als 1994 die amerikanische Firma Calgene die Zulassung für den Verkauf der Gen-Tomate Flavr-Savr erhält. Das war die, die wir für ihre lange Jugendlichkeit bewundern sollten, da sie langsamer matschig wird. Allerdings platzte das gute Stück schnell auf, so daß sie vorrangig als Ketchup oder Tomatenmark (zermatscht also) die Regale zierte.
Die Zulassungen für transgene Pflanzen ließen sich nun kaum noch zählen. Bis 1995 sind 70 Pflanzensorten verändert worden. Ungefähr 1200 menschliche Gensequenzen wurden patentiert und dadurch zu 76% zum Besitz großer Firmen, die einerseits Medikamente entwickeln, aber auch die Forschung behindern können. Der Anteil gentechnisch hergestellter Medikamente liegt 1995 bei 20% und steigt um 30% jährlich.
Das Jahr 1996 ist vor allem ein Datum für die massenweise Einfuhr von gentechnisch verändertem Soja nach Europa. Wir finden es auf dem Etikett unter pflanzliches Fett oder Lecithin. Denn ca. 40% der Soja-Produktion in den USA besteht aus manipulierten Früchtchen, damit diese das Pflanzengift der Hersteller-Firma überleben.
Als Reaktion darauf erläßt die EU 1997 die Novel Food-Verordnung, die eine Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel vorsieht. Sie schließt aber Mais und Soja vorerst aus, da diese schneller waren und schon vor dem Gesetz zu unserer Nahrung wurden. Im November 1998 holt das Parlament auf Druck der Umweltverbände eine Regelung für diese Bestandteile nach. Das genannte Lecithin fällt aber noch immer duch die Kennzeichnung, weil man in ihm die Manipulation nicht nachweisen kann. 1998 eilt auch Deutschland dem amerikanischen Vorbild hinterher und gestattet den kommerziellen Anbau von gentechnisch manipuliertem Mais, den wir dann bald als Glukose oder Stärke in unseren Keksen finden werden.
Soweit ein unvollständiger Überblick über die faszinierende Erforschung bis zur gnadenlosen Ausschlachtung der Gene. Welche Daten in Zukunft die Zeitleiste zieren werden, hängt maßgeblich vom Verhalten der Konsumenten ab. In England und Frankreich hat der öffentliche Protest bereits den Stopp von Freilandversuchen und kommerziellem Anbau zur Folge gehabt. Die Zukunft liegt im Handeln der Gegenwart.
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