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Der sechste JUKß

Vegan gegen Atomkraft und Gentechnik

(nj) Unter dem Motto „Freut euch bloß nicht zu früh“, fand vom 4. – 10. April der sechste JugendUmweltKongreß (JUKß) in Göttingen statt. Das Motto wurde von der Kabarettgruppe „Kaktus“ übernommen und sollte ausdrücken, daß wir uns nicht mit den mannigfachen Mißstände in Deutschland und der ganzen Welt abfinden wollen, sondern uns für eine andere Zukunft einsetzen.

Die 400 TeilnehmerInnen wohnten in einer Gesamtschule in Göttingen. Die Schule war riesig. Die Turnhalle beispielsweise konnte in drei Teile geteilt werden: eine Halle für Früh-, eine für Mittel- und eine für Spätschläfer (auch wenn dann eh alle durcheinander und spät schlafen gingen).

Vormittags und nachmittags fanden Arbeitskreise (AKs) statt. Die Auswahl war meistens so gut, daß mensch sich kaum entscheiden konnte. Es wurden nicht nur AKs zu Umweltthemen angeboten, sondern auch zu einer weiten Spanne „typisch linker“ Themen, z.B. Anarchismus, Antifa, Anti-Atom, Geschlecht und Körpersprache, Gentechnik, Kommunen, Ökofaschismus, Veganismus und Tierrechte, Utopien, Widerstand.

Es gab auch „aktivere“ Workshops wie Tanzen, Jonglieren, Malen, Singen etc. Außerdem konnte jede/r, der/die wollte, selbst einen AK anbieten.

Abends gab es ein toll ausgewogenes Kulturprogramm, das von Kabarett über Bands – z.B. die Roving Bottles – bis zu Filmvorführungen in einem der beiden Cafès reichte. Ein Raum wurde zur Disco umfunktioniert, die trotz der Sauna-Atmosphäre gut besucht war.

Am Büchertisch gab es alternative „Schnackeduzerl“ en masse, an der Infothek wurde alles und jedes geklärt und gefragt und dafür gesorgt, daß alle Säulen mit Anschlägen beklebt und betitelt wurden. Die Schule verwandelte sich immer mehr durch Transparente, Schlafsäcke und leider auch viel Müll, was auf dem letzten Plenum unter großem Applaus bemeckert wurde. Das vegetarisch/vegane Essen wurde von „Rampenplan“, einem niederländischen Kochkollektiv, bereitet. Beim Schnippeln und Spülen halfen alle mit. Es gab einige FÖJ-Treffen (FÖJ = Freies Ökologisches Jahr), die im FÖJ-Cafè stattfanden. Auf dem Ländertreffen traf mensch sich nach Bundesländern geordnet.

Basisdemokratie

Der JUKß ist basisdemokratisch organisiert, d.h. alles wird im abendlichen Plenum nach dem Konsens-Modell entschieden. Damit dort nicht soviel diskutiert wird, werden strittige Themen den Bezugsgruppen übergeben, die darüber reden und eine „Gruppenmeinung“ auf dem nächsten Plenum vorstellen konnten. In der Praxis gestaltete es sich etwas schwierig, das Plenum „diskussionsfrei“ zu halten. Die Bezugsgruppen fanden auch zu einer ungünstigen Zeit statt und standen in einem harten Konkurrenzkampf zur warmen, lockenden Frühlingssonne... Außerdem gab es so schöne Dinge zu lernen und sehen: Photowände, Einradfahren, eine Jonglier- und eine Klampfecke.

Ein großes Problem stellte der Umgang mit der Sekte „Ananda Maga“ dar. Trotz intensiver Beschäftigung mit dem Thema und vielen Diskussionen über die Sekte an sich, den Umgang mit ihr, die Frage, ob es Ausschlußkriterien geben sollte oder nicht (wo sind die Grenzen der Toleranz, bzw. gibt es welche?), konnte keine Lösung im Konsens gefunden werden. Immerhin wurden zwei Aktionen im Konsens beschlossen und durchgeführt: zum Kosovo-Krieg und zur Atompolitik der BRD.

„Der neue JUKß“

Im Unterschied zum letzten JUKß war alles selbstorganisiert: Das Vorbereitungsteam löste sich am zweiten Tag auf, alle Arbeitsbereiche wurden verschiedenen Aufgabengruppen übergeben: die Putzkoordination, die Dokumentations-, Technik-, Büro-, Sanitätsgruppe, Schlüsselverwaltung, Hausmeisterkontakt, Abbau...

Das ganze begann etwas chaotisch, klappte dann aber ziemlich gut und soll auch auf dem nächsten JUKß beibehalten werden. Wissenshierarchien sollten somit vermieden werden und jede/r einzelne mehr Verantwortung übernehmen. Denn Ziel des JUKßes ist neben Vernetzung, Ideenaustausch und Spaß das „Experimentieren mit gelebten Utopien, d. h. der Versuch, eine Woche lang ein selbstbestimmtes, rücksichtsvolles, solidarisches, herrschaftsfreieres... Miteinander auszuprobieren“. Die Selbstorganisation und das andere Demokratiemodell sollen hierfür die Voraussetzung sein.

Die bisherigen JUKße hatten über Silvester stattgefunden. Das hatte dieses Jahr nicht geklappt. Trotzdem sollte die Silvesterfete, die stets der Höhepunkt der JUKße gewesen war, beibehalten werden. So wurde der Abend des 9.4.1999 zum Silvesterabend erkoren.

Ein weiterer Unterschied zu bisherigen JUKßen war der Verzicht auf Gelder des Umweltbundesamtes. Dieses hatte die Inhalte der letzten JUKße zensiert, Arbeitskreise und ganze Themengebiete verboten. Deswegen wird ein Förderkreis aufgebaut mit dem Ziel, daß sich der JUKß „staatsunabhängig“ finanzieren kann.

Mir hat der JUKß total gut gefallen, ich hatte wirklich viel Spaß: 400 Leute, die im Prinzip alle sympathisch, interessiert, interessant und engagiert sind. Dennoch gab es für mich einen Wermutstropfen, der über nervige, da zu lange, Plena hinausging: Das muß mensch bei einem visionären Demokratieversuch in Kauf nehmen. Aber der Druck, der durch die gruppendynamischen Prozesse entsteht, konnte nicht ausgeschaltet werden. Obwohl sich meist alle über alles einig waren, wurde, wenn dann doch einmal jemand dagegen war (in diesem Falle ich), enormer, eigentlich unfairer und undemokratischer Druck ausgeübt.


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