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Interview mit Liz Schmidt von der Feministischen Partei Die Frauen

„Frauen sind die erste Wahl“

Juckreiz: Wie lange gibt es „Die Frauen“ überhaupt schon?

Also, als erstes ist die Formulierung „Die Frauen“ falsch, die Partei heißt „Die feministische Partei Die Frauen“. Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis heute hat es nämlich schon 43 Parteigründungen von Frauen für Frauen gegeben. Und eine Partei hieß: Die Frauen. 1995 haben wir uns gegründet, nachdem es uns 1994 mit dem Frauenstreiktag gelungen war, daß wir ein großes Potential an politisch denkenden, feministisch orientierten Frauen in der BRD zusammengesammelt haben. Ein Teil sah eine Partei als die einzige Möglichkeit an, politisch Einfluß nehmen zu können. Und gleich mit der Gründungsdiskussion haben wir uns alle darauf verständigt, daß wir originär feministische Inhalte in dieser Partei als Auftrag ansehen.

Juckreiz: Und was ist jetzt genau das feministische Element?

Wir haben eine ganz lange Zeit nichts anderes diskutiert als: Was ist feministische Politik? Im Bereich „Feministische Ökonomie“ vertreten wir z.B. den Standpunkt, daß Arbeit, die heute unbezahlt von Frauen im Rahmen ihrer familiären Arbeit geleistet wird, zu wesentlichen Teilen in die Erwerbsarbeit integriert werden soll. Wir streben also eine weitgehende Neuorientierung des Arbeitens und Wirtschaftens auf die lebensfördernden Bereiche an. Die so geschaffene Erwerbsarbeit wird vermutlich zum großen Teil Frauen zugute kommen. Das heißt nicht, daß wir Frauen auf die versorgenden und pflegenden Tätigkeiten festlegen wollen, sondern nur, daß Frauen das, was sie heute unbezahlt tun, zum Teil gut bezahlt tun können.

Juckreiz: In ihrem Parteiprogramm steht, daß wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, in der Frauen unterdrückt werden. Woran machen Sie das konkret fest, hier bei uns in der BRD?

Gewalt gegen Frauen. Strukturelle Gewalt, körperliche Gewalt, Vergewaltigung, Vergewaltigung in der Ehe. Wie lange hat es gedauert, bis wir durchgesetzt haben, Vergewaltigung in der Ehe ins Strafgesetzbuch einzuschreiben. Jeder, der da draußen ist, kann dir irgendwas antun, und du kannst immer noch davon ausgehen, daß der nächste Richter sagt: „Selber schuld. Was provoziert sie die Männer“? Außerdem: Frauen müssen die Erziehung übernehmen. Nur 1% der Männer gehen in Erziehungsurlaub. In der BRD müssen wir aus unseren Steuergeldern jährlich 216 Millionen DM – wenn ich mich recht erinnere – in die Unterhaltskassen zahlen, weil die Männer, die diese Kinder mitgezeugt haben, auf der Flucht sind. Warum kann er wieder heiraten und muß sich keine Gedanken um die Kinder machen? Obwohl ich finde, daß ein Schritt in die richtige Richtung gemacht wurde, daß nach dem neuen Scheidungsrecht die Eltern die gemeinsame Verantwortung für die Kinder haben. Männer mogeln sich da immer noch gerne raus aus dieser Verantwortung.

Juckreiz: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, daß eine Quotenregelung in manchen Fällen auch Männer diskriminieren könnte?

Daß die Quotenregelung Männer diskriminiert, ist natürlich Quatsch, denn dieses System wird von Männern bestimmt. Sie haben alle Chancen, da wo Frauen gar keine Chancen haben. Wir haben eine hohe Anzahl von 4,3 Millionen arbeitslosen Menschen – die Mehrzahl Frauen. Wir haben eine 630-DM-Regelung geschaffen, auch noch unter der Regierung von Bundeskanzler Kohl – die zu 98% Frauen diese miesen Jobs zugestanden hat. Die CDU/CSU hat ja nicht einmal die Quote.

Juckreiz: Aber wäre es dann nicht besser, auf die erhöhte Qualifizierung abzustellen und nicht auf diese Quote?

Die Quotenregelung ist ja etwas, was wir Feministinnen immer als Krückstock begriffen haben, um Frauen überhaupt in Positionen zu bringen. Das muß doch beides gleichzeitig gehen. In einer gleichberechtigten Gesellschaft brauchen wir doch gar keine Quote mehr. Weil, – hypothetisch, ich weiß ja nicht wann’s sein wird – könnte es ja passieren, daß Männer freiwillig von ihrer Macht, ihrer Machtgeilheit und ihrer Machtgier abgeben.

Juckreiz: Viele Frauen und Mädchen, die wir kennen, sind der Meinung: Wir haben doch die Gleichberechtigung und brauchen keine Quote mehr. Wie soll die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Quote gestärkt werden?

Ihr seid die mir nachfolgende Generation. Wenn ihr der Meinung seid, daß ihr gleichberechtigt seid, dann brauchen wir keine Quote mehr. Ich mußte die Quote richtig hart erstreiten, denn ich hatte keine Chancen. Wenn ihr immer, wenn ihr in Positionen wollt, und es steht euch ein Mann im Wege, das Stehvermögen, die Qualifikation und den guten Willen der Mitmenschen auf eurer Seite habt, dann brauchen wir keine Quotierungsdebatte mehr. Ich bin allerdings der Meinung, daß es euch nicht gelingen wird.

Juckreiz: Welche Rechte fordern Sie für Flüchtlingsfrauen?

Wir fordern, daß frauenspezifische Flucht- und Asylgründe weltweit anerkannt werden. Daß also z.B. im Iran und in der Republik Afghanistan plötzlich Frauen mit dem Schador verschleiert werden und ohne Rechte sind, das möchte ich, daß es als Asylgrund anerkannt wird. Oder denkt an die Behandlung in den Flüchtlingslagern oder die Genitalverstümmelung an Frauen oder der Frauenhandel an unseren Grenzen. Ich möchte daß jede sexuelle Belästigung, jede Möglichkeit, verkauft, verschachert, vergewaltigt, gequält, verstümmelt zu werden, als fluchtspezifischer Asylgrund anerkannt wird.

Frauen sind nicht die zweite Wahl! Frauen sind die 1. Wahl! Wie dann die Organisation das so oder so oder anders organisiert, ist nebensächlich.

Juckreiz: Ja, aber wenn sie mitentscheiden müßten wär`s nicht mehr nebensächlich.

Aber natürlich ist es nebensächlich! Wenn ich durchsetzen kann, daß alle Männer hart bestraft werden, die Frauen sowas antun, ist es ein Nebenprodukt, ob die Flüchtlingsfrauen in einem gemischten oder einem reinen Frauenlager sind.

Juckreiz: Und Bestrafung ist dann schon ein wichtiges Mittel?

Was für eine Chance haben wir denn? Wollen wir den Vergewaltiger nun in einen Diskussions-Umerziehungsprozeß bringen? Aber nicht die Bohne! Hat doch Tausende von Jahren nicht geklappt! Haben wir doch immer wieder Ansätze gehabt – nichts hat funktioniert! Aber ich fordere niemals, niemals die Todesstrafe! Nirgendwo, für keinen Menschen.

Juckreiz: Wie sehen Sie sich in Ihrer Entwicklung – hat es da schon Veränderungen seit der Gründung gegeben?

Das entscheidende Element ist und bleibt der feministische Anspruch. Feministische Politik bezieht sich darauf, daß als erstes die Defizite, die Frauen in ihrem Leben auf dieser Erde haben, und die sind ja individuell unterschiedlich, in den Blickpunkt feministischer Politik rücken. Wir haben es rausgeschmissen, dieses traditionelle Frauenbild, das mit dem traditionellen Politikstil Hand in Hand geht.

Juckreiz: Was meinen Sie mit traditioneller Politik?

Traditionelle Politik meint, daß der Mann vorne geht und hintendran, gut sortiert, mehr oder weniger, Frauen. Und wenn die Parole ausgegeben wird, ich sage mal, was richtig ist, haben alle anständig zu nicken – ob das zu ihrem Vorteil oder zu ihrem Nachteil ist. In den letzten 10 Jahren nach Öffnung der Mauer ist ganz deutlich zu bemerken, daß wir zwar mehr Frauen in den Bundestag gewählt haben, dank der Quotierung, daß aber die Politik weiterhin von Männern bestimmt wird. Und es ist völlig egal, in welchem Bundesland oder ob es die Bundesregierung selber ist: Die harten, entscheidenden Ressorts haben Männer und – wie immer – die weichen, Pädagogik, Gesundheit, Familie, haben immer noch Frauen.

Juckreiz: Wenden Sie sich auch gegen Frauen, die diesen männlichen Stil schon so weit verinnerlicht haben, daß sie auf solche Positionen, wie Männer sie sonst haben, kommen?

Margaret Thatcher war der beste Mann der britischen Regierung.

Juckreiz: Und gegen solche Frauen wenden Sie sich?

Aber selbstverständlich! Sind doch gar nicht menschenfreundlich! Sind nicht demokratisch – also bitteschön, dieser Politikklüngel, der da durchlaufen werden muß, bis eine Frau auf einen solchen Posten kommt... Frau Thatcher hat immer 150% funktioniert. Auch eine alte Frauenleistung. Frauen müssen immer 150% von dem leisten, was Männer leisten müssen.

Juckreiz: Zwei Generationen von Feministinnen: zunächst die, die für die Rechte der Frauen kämpfen, dann die männerhassenden Hyänen. Was sagen Sie zu dieser Darstellung?

Jeden Tag meines Lebens begegne ich irgendeinem Mann, der hinguckt und sagt, „Oh Gott, wie furchtbar, und Feministin ist sie auch noch!“ Weil wir das stärkere Geschlecht sind! Männer können uns niemals, nie und nirgends, gar nicht das Wasser reichen! Und das macht ihnen Angst. Wenn dann noch Frauen kommen und berechtigte Forderungen stellen, dann haben sie nichts anderes einzusetzen als Gewalt und Propaganda, um diese Angst zu kaschieren.

Juckreiz: Sie haben vorhin gesagt, sie machen Politik von Frauen für Frauen. Sind denn da auch Männer erlaubt?

Die „Feministische Partei Die Frauen“ muß laut Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes auch Männer in die Partei aufnehmen. Wir haben auch zwei Männer aufgenommen. Männer werden im Sinne unserer Präambel als „Mitfrauen“ der Partei bezeichnet und können keine Wahlämter einnehmen.

Juckreiz: Und was motiviert diese Männer?

Ja, es gibt ja in einer ganz ganz geringen Minderzahl Männer, die sich Feministen nennen. Und es gibt in München eine ganz witzige Zeitung: Der Feminist. Auch in Amerika gibt es eine ganz große Bewegung von Männern, die sich Feministen nennen. Also, ich glaube, daß unsere zwei Mitmänner von der Richtigkeit dessen, was wir tun, überzeugt sind.

Juckreiz: Aber Sie streben das nicht an, auch von Männern gewählt zu werden?

Nein. Wir streben vorrangig an, daß Frauen sich mit unseren feministischen Theorien und Grundsätzen auseinandersetzen.

Juckreiz: Würden Sie sagen, daß Ihre innerparteiliche Meinungsbildung so weit abgeschlossen ist, daß Sie jetzt wirklich kandidieren könnten mit dem Ziel, auch parlamentarisch mitzuwirken?

Unsere innerparteiliche Willensbildung ist so weit abgeschlossen. Es fehlen noch einige Programmpunkte, v.a. feministische Ökologie. Aber die sind in Arbeit. Die Schwierigkeit dabei ist die, das traditionelle Denken über Bord zu werfen. Es gibt ja Grundregeln für sozialistisches, für kommunistisches Denken, aber es gibt keine Grundregeln für feministisches Denken. Mit der Unterstützung aller Frauen und Medien könnte es uns irgendwann mal gelingen. Aber mit 0,2% bei der letzten Bundestagswahl sind wir weit davon entfernt... Und mit 900 Frauen bundesweit haben wir natürlich auch eine ganz dünne Personaldecke.

Juckreiz: Warum finden Sie es unwahrscheinlich, daß Ihre Partei auf einer breiten Ebene gewählt wird?

Ich interpretiere da die Zeichen der Zeit. Ich glaube, daß in unserer Zeit, wo alles, was wir erstritten haben, sozusagen rückläufig ist, immer mehr Frauen resignieren, im täglichen Überlebenskampf verschlissen sind.

Juckreiz: Kann es nicht auch daran liegen, daß sich Frauen auch einrichten in ihrem Dasein?

Das ist ein Punkt, daß also die jungen Frauen sagen: Was hast du eigentlich? Wir haben doch alles, wenn wir was machen wollen, dann machen wir es!

Juckreiz: Und was setzen Sie dem entgegen?

Ich sage immer (lacht): meine Lieben: Traut doch nicht diesem patriarchalen System. Traut ihm nicht! Seid wachsam! Ich bitte euch, denkt mal daran, was uns die Bischöfe mit dem Paragraphen 218 wieder jetzt einhauen. Ein ganz super-wunderbares Beispiel, wie die patriarchal organisierte Gesellschaft weltweit mit den berechtigten Interessen von Frauen umgeht. Eine der ehernen, grundlegenden Forderungen vieler Frauen ist die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218. Überlegt mal, bis 1964 mußte der Ehemann noch zustimmen, wenn seine Ehefrau weiter arbeiten gehen wollte im öffentlichen Dienst. Warum werden denn Kindererziehungszeiten in der Rente nicht anerkannt? Die Durchschnittsrente eines Mannes – auch heute, in der BRD – ist 1800 DM – die Durchschnittsrente der Frauen ist 800 DM! In dem Augenblick, wo die in Rente gehen, klopfen die sofort beim Sozialamt an und müssen Hilfe zum Lebensunterhalt beantragen. Weil ihre Hausarbeitszeiten, ihre Kindererziehungszeiten, wo sie ihrem Mann den Rücken freigehalten haben, daß er Karriere machen konnte – und dann hat er sich scheiden lassen – die Scheidungsraten sind in der BRD so hoch wie noch nie. Und sie gehen immer zu Lasten der Frauen.

Juckreiz: Was halten Sie von Frauenzeitschriften wie Brigitte?

Mit der 68er Generation kam ein Männerbild auf, das hieß: der Softie. Der blieb zu Hause, sie machte Karriere, er betütelte die Kinder. Da kamen Zeitschriften wie Brigitte und Trendmagazine wie Max: Ein Mann muß immer ein Mann bleiben! Seitenweise Frauen, die sagten: Wir wollen einen harten Kerl! Die Medien haben Männer auch davon abgeschreckt. Da gibt es ein ganz nettes Buch, da hat mal eine Wissenschaftlerin untersucht: Die Männer berühmter Frauen, z.B. Katharina die Große von Rußland oder die große Liebe zwischen Queen Victoria und Albert. Alle diese Männer waren hysterisch und hatten körperliche Symptome, wo Männer immer sagen: Da sitzt sie nun wieder mit ihrem psychosomatischen Leiden, alles Spinnerei. Verstehst du das System... wenn es so ist, wie es ist, dann ist es völlig gleichgültig, ob es Männer oder Frauen trifft, es löst dieselben Krankheiten aus. Leider ist es so, daß wir es zerschlagen müssen, weil Männer nur ganz selten in die Rolle der zickigen Ehefrauen kommen.

Juckreiz: Praktizieren Sie auf Ihren Mitfrauenversammlungen auch etwas gegen die Unterdrückung, die wir gegenseitig...

Das ist ja ein bedauerlicher Punkt, daß die Sozialisation uns alle mehr oder weniger ein Leben lang in bestimmten Punkten fesselt. Wir haben, wie in allen anderen Parteien, das Problem, daß sich hierarchische Strukturen immer wieder ausbilden. Das ist meine Erfahrung in den Jahren: Frauen kennen sich untereinander viel besser. Wenn eine Frau eine andere Frau verletzt, sitzen die Wunden, die geschlagen werden, viel tiefer. Die Frauen machen sich damit selber das Leben schwer.

Juckreiz: Ist es nicht möglich, Parteiarbeit und Freundschaft zu trennen?

Das geht doch nicht. Wissen Sie, wenn ein feministischer Anspruch im Leben ist, ist der nicht zu trennen, von der Kinogängerin Elisabeth Schmidt und der Politikerin. Es ist eine Einheit. Ich bin Feministin, wenn ich aufstehe und bin Feministin, wenn ich ins Bett gehe.

Juckreiz: Was sagen Sie zu der Politikverdrossenheit?

Es ist schwierig, Parteimitglieder anzuwerben, weil Frauen mehrfach belastet sind. Klappe eine Zeitung auf und Du liest: Die Jugend hat keine Vorbilder. Na, und Frauen haben auch keine Vorbilder. In der Schule lernt man’s auch nicht.

Interview: Nike Jung, Andrea Kalbas


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