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25 Jahre AKW-Bauplatzbesetzung in Wyhl

Wenn Widerstand nur groß genug ist

(sp) „Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen,“ behauptete der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger 1975. Doch wie so viele Prophezeihungen der AtomfreundInnen ist auch diese widerlegt: Die Überkapazitäten auf dem Strommarkt sind gigantisch, obwohl sich mittlerweile auf dem Bauplatz im Dreiländereck kein Reaktor, sondern ein Naturschutzgebiet befindet. Der Widerstand der Bevölkerung konnte ihn verhindern und zum Vorbild werden.

„Wyhl“ gilt vielen als Geburtsstunde der deutschen Umweltbewegung. Denn am 18. Februar 1975 kam es zur ersten AKW-Bauplatzbesetzung in Deutschland. Als die ersten Bäume gefällt werden, wollen einige hundert Menschen vor allem aus der Umgebung das nicht hinnehmen. Zwei Tage später werden sie von einem Großaufgebot an Polizei vertrieben, aber sie kommen wiederum drei Tage später zurück. Der Stacheldraht wird überrannt, Bauern, Winzerinnen, Studentinnen, Pfarrer, Lehrerinnen, Handwerker und viele andere zumeist hochbrave BürgerInnen besetzen den Platz 30 Kilometer nordwestlich von Freiburg erneut.

Zeitweise sind es dreißigtausend Menschen, die der Kernkraftwerk Süd GmbH Widerstand leisten. Während der neun Monate andauernden Besetzung – danach wird das Gelände als Kompromiß von BürgerInneninitiativen, Regierung und AKW-Bauherrin gemeinsam bewacht – organisiert die „Volkshochschule Wyhler Wald“ Dutzende interessanter Veranstaltungen, es entsteht ein reges Lagerleben. Der Ministerpräsident schimpft über Kommunisten und Staatsfeinde und verbessert seine Position bei seinen bisher meist recht staatstragenden GegnerInnen damit nicht gerade. Ebenso wie sein Wirtschaftsminister kann er sich bei den DemonstrantInnen bedanken, daß sie nicht Gleiches mit Gleichem vergalten und ihn tüchtig vermöbelten, als sie ihn einmal umzingelt hatten.

Wyhl war Startpunkt für vieles: 1976 gab es die ersten „Sonnenentage“, die sich zur europaweit größten Umweltmesse „Öko“ entwickelten. 1977 wurde das Öko-Institut gegründet, Freiburg gilt heute als Öko-Stadt. Auch in den Nachbarländern zeigte die gute internationale Zusammenarbeit in der Region Erfolge: Angefangen hatte sie 1972 bei der Demo gegen den geplanten französischen Atomreaktor Fessenheim. Der konnte zwar nicht verhindert werden, aber neben Wyhl wurden auch das elsässische Gerstheim und das schweizerische Kaiseraugst von der AKW-Standort-Liste gestrichen, ebenso wie ein Bleichemiewerk im französischen Marckolsheim.

Und der Erfolg in Wyhl wurde bundes- und europaweit zum Symbol. Der Protest in Kalkar, Brokdorf, Wackersdorf und Gorleben hat ein Vorbild. Sicherlich hat die Anti-Atom-Bewegung im tiefsten Südwesten der Republik nicht nur „ihre“ Standorte verhindert, sondern auch einen guten Teil dazu beigetragen, daß der offen diskutierte Plan der Bundesregierung, bis 2030 Westdeutschland mit 600 Atommeilern zu überziehen, nicht realisiert wurde.

Allerdings zog sich der Wyhler Kampf noch Jahre hin: Zunächst konnten die AtomgegnerInnen der Regierung und der Bauherrin weitere Gutachten abhandeln und den Baubeginn so verzögern, dann folgte das gerichtliche Bauverbot wegen ungenügender Sicherheitsvorkehrungen. Als das Bundesverwaltungsgericht im Dezember 1985 dann doch grünes Licht gab, hatte sich Filbingers Prognose, die Lichter im Ländle gingen aus, längst als ausgemachter Unfug erwiesen, ein neues Kraftwerk hätte die Überkapazitäten nur noch weiter vergrößert. Noch 1984 gab es Überlegungen, mit dem Bau schleunigst zu beginnen. Die Polizei rechnete mit „Toten auf beiden Seiten“. Doch die Vernunft siegte.

Pünktlich zum zwanzigsten Jubiläum wurde das Gelände im Februar 1995 zum Naturschutzgebiet erklärt, zum fünfundzwanzigsten kürzlich ein Gedenkstein enthüllt. Der als Festredner vorgesehene Umweltminister Jürgen Trittin ließ sich von seiner Staatssekretärin Gila Altmann vertreten. Sollte er ob des auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschobenen Atomausstiegs Angst vor der Bewegung bekommen haben?


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