Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sp) Die Skandalserie der Atomwirtschaft reißt nicht ab: Am 18. Februar gab die zuständige Überwachungsbehörde NII bekannt, daß in der britischen Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) Sellafield Prüfberichte für Brennelemente gefälscht wurden und daß einige der Brennstäbe im Kernkraftwerk Unterweser eingesetzt werden. In den folgenden Tagen stellte sich heraus, daß sowohl die AKW-Betreiberin PreussenElektra, als auch die niedersächsische Atomaufsicht seit Herbst 1999 davon gewußt haben.
Da auch Jahrzehnte nach dem Beginn der kommerziellen Nutzung der Atomenergie keine Konzepte für den Umgang mit dem über Millionen Jahre strahlenden Abfall existieren, haben sich die AtompolitikerInnen eine Lösung ausgedacht: Der Atommüll wird ins Ausland gebracht, dort gelagert und wieder aufgearbeitet, um dann irgendwann die eigene Wahlperiode ist lange vorbei wieder zurückgenommen zu werden. Bei dieser Wiederaufbereitung werden die abgebrannten Brennelemente zerhackt und bestimmte Stoffe chemisch herausgelöst. Ergebnis: große Mengen Atommülls (das Volumen wird mehr als verzwanzigfacht) und der Bombenstoff Plutonium.
Das Plutonium zu erhalten, ist Ziel der ganzen Aktion. Nicht ohne Grund hat sich der damalige bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß vehement für den Bau der deutschen WAA in Wackersdorf eingesetzt er, der erster Atomminister der Bundesrepublik war, hatte ebenso wie Adenauer schon 1957 Atomwaffen für die Bundeswehr gefordert. Später kam neben dem militärischen Aspekt die Angst vor zur Neige gehenden Uranvorräten hinzu. Als Ersatz sollte Plutonium in Schnellen Brütern zum Einsatz kommen der Erfolg dieser Technologie ist im Freizeitpark Kalkar zu besichtigen, der die über 7 Milliarden Mark teure Investitionsruine jetzt nutzt.
Plutonium wird heute noch in Mischoxid-(MOX-)Brennelementen eingesetzt. Dabei wird ein Teil des Uranoxids durch Plutoniumoxid ersetzt. Um genau solche Brennelemente geht es bei dem aktuellen Skandal.
Das MOX wird in Tablettenform (Pellets) gepreßt, die aufeinandergestapelt werden. Drum herum kommt eine Hülle, die verhindern soll, daß Kühlmittel mit dem MOX in Berührung kommt und radioaktive Spaltprodukte entweichen. Nach den Vorschriften müssen die Pellets stichprobenhaft per Hand nachgemessen werden. Denn sind sie zu groß, dehnen sie sich beim Einsatz im Atomkraftwerk zu stark aus und können die Hülle zerstören freie Bahn für Radioaktivität.
In Sellafield wurden die Pellets aber nicht nachgemessen, sondern die Kontrollen einfach als erledigt abgehakt.
Nach dem 40-seitigen Prüfbericht der britischen Atomaufsichtsbehörde Nuclear Installations Inspectorate (NII), der den neuen Skandal ins Rollen gebracht hatte, liegt die Schuld nicht nur bei ein paar einfachen Arbeitern, die keine Lust hatten, sich den Aufwand mit den Messungen zu machen. Vielmehr gebe es systematische Mißstände im Sicherheitsmanagement der Atomfabrik. Nach Angaben der BBC spricht die Betreibergesellschaft British Nuclear Fuels Limited (BNFL) davon, daß Kontrolle und Aufsicht grundsätzlich unzulänglich und einige Beschäftigte gar nicht nicht oder nur minimal ausgebildet seien.
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (22.2.00) bringt Lothar Hahn, Vorsitzender der deutschen Reaktorsicherheitskommission, sich aufdrängende Bedenken auf den Punkt: Wenn solche Fälschungen möglich sind, muß man andere Mängel im Sicherheitskontrollsystem befürchten. Damit könnte der deutschen Atomindustrie der Entsorgungsweg nach Großbritannien verstellt werden, denn die Unzuverlässigkeit des Betreibers ist jetzt amtlich festgestellt. Da bei Castor-Transporten nach Ahaus und Gorleben mit erheblichem Widerstand der Bevölkerung zu rechnen ist, sind die Atomkonzerne dringend auf den Auslandstransport zukünftig nur noch nach La Hague in Frankreich? oder andere Tricks wie Transportbereitstellungslagerung angewiesen, um den Entsorgungsnotstand zu vertuschen.
Doch die gefälschten Sicherheitsunterlagen könnten auch noch weitere Konsequenzen in Deutschland haben: Nach dem NII-Bericht sind ungeprüfte Brennelemente auch dem AKW Unterweser (Niedersachsen) geliefert worden. Dessen Betreiber PreussenElektra wußte schon ein halbes Jahr lang, daß in Sellafield geschummelt wurde. Bis zum Auffliegen tat mensch dort aber nichts. Dann wurde erst bestätigt, kurz darauf widerrufen und letztendlich doch wieder bestätigt, daß die Sicherheitsdokumente gefälscht sind.
Jedes Auto wird sofort aus dem Verkehr gezogen, wenn es nicht bei der TÜV-Kontrolle war, hatte Greenpeace die Richtung vorgegeben. Gerade noch war dieser Vorschlag als unverhältnismäßig abgelehnt worden, einen Tag später wurde der Reaktor dann doch abgeschaltet und die Brennstäbe ausgetauscht. Der Eiertanz (Greenpeace) stellt massive Fragen nach der Zuverlässigkeit auch von PreussenElektra: Man habe auf die Aussage der BNFL vertraut, es gäbe keine Hinweise auf gefälschte Prüfberichte. Nach den eigenen Aussagen von PreussenElektra hat die Prüfung, die die Fälschung der Unterlagen bestätigte, aber gerade mal einen Tag gedauert. Ein AKW-Betreiber, dem die Sicherheit auch nur ein kleines bißchen was wert ist, hätte diese Prüfung schon bei den allerersten Hinweisen durchgeführt.
Zuverlässigkeit des Betreibers ist nach dem deutschen Atomrecht unabdingbare Voraussetzung für den Betrieb von Kernkraftwerken.
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