Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
Gibt es die Deutsche Umwelt-Einheit? jedes Jahr um den 3. Oktober herum fragt das eine Journalistin oder ein Journalist. Dahinter steht wohl die Überzeugung, daß mit der Deutschen Einheit eine Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West erreicht werden soll. Und die, die da bei den Interviews die Fragen stellen, haben wohl die Vorstellung, daß bei den Umweltproblemen der DDR aufgeräumt worden ist und daß es dem Osten jetzt so gut geht wie dem Westen.
Die DDR wurde im Herbst 1989 von den Medien als Katastrophengebiet enttarnt und zum verwahrlosten Hinterhof Deutschlands erklärt. Für uns im Osten hatte das im großen und ganzen keinen Neuigkeitswert. Wir wußten um den Zustand von Natur und Umwelt, auch wenn wir ihn nicht beziffern konnten. Aber wenn es schon so ist, daß ein Land von vorn anfängt, dann - so meinten wir - können die Dinge auch gleich richtig gemacht werden. Und damit wir nicht erst wieder hinterher einzuschätzen hätten, ob das, was da passiert ist, gut oder schlecht war, wollten wir mitreden und mitentscheiden.
Ohne Zweifel sind die Hinterlassenschaften von Politik und Wirtschaft der DDR solche der Superlative. 11.000 wilde Mülldeponien gab es, und nur eine, die westlichen Standards entsprochen hätte. Das Gebiet, in dem Uran abgebaut worden ist in Thüringen und Sachsen mit dem tiefsten Schacht, dem tiefsten Tagebau und der größten Haldenfläche Europas und der Strahlung, der seit den 50er Jahren 7.000 Lungenkrebskranke zum Opfer gefallen sind. Militärische Altlasten, die ihresgleichen suchen, verseuchte Industriestandorte. Der schon abgestorbene Wald im Erzgebirge - eine Flächenruine. Gülleverseuchte Landstriche, wo inmitten von Seenlandschaften 180.000 Schweine gemästet wurden. Abwässer, die zum größten Teil ungeklärt in die Flüsse gelangten.
Vieles davon ist jetzt geklärt. Nicht nur das Wasser. Der Braunkohleeinsatz zu Hause und in der Industrie ist drastisch reduziert worden; dadurch ist die Luftverschmutzung zurückgegangen. Auch der Braunkohleabbau selbst ist radikal zurückgefahren und Abbau-Restflächen sind stärker saniert worden. Der Uranbergbau wurde eingestellt, und die beiden einzigen Atomkraftwerke in Greifswald und Rheinsberg abgeschaltet, im Bau befindliche Reaktoren nicht weitergebaut. Die Altlastenflächen sind erfaßt, und die Sanierung ist eingeleitet worden.
Es geht voran, lautet die Antwort der offiziellen Politik auf die Frage nach der Deutschen Umwelt-Einheit.
Aber... über all der Sanierung wurde mit großspuriger Geste der Aufbau Ost betrieben. Auch das ist noch nicht kritikwürdig. Nur wurde er betrieben nach altem im Westen probierten Muster - als Nachauflage der Konzepte aus der Zeit der Wirtschaftswunderjahre. Eingestielt von der Bundesregierung, übersetzt von Beratern aus dem Westen, von denen oft nur ein Impuls ähnlich dem einer 15 Watt-Glühlampe ausging. Kein Austausch zwischen West und Ost, Einbahnstraße. Beamte mit Buschzulage (!) kamen und haben das Beitrittsgebiet nicht als Möglichkeit betrachtet, eine zukunftsfähige Entwicklung modellhaft - modellhaft für ganz Deutschland - in Gang zu bringen, sondern haben das Bewährte einfach übertragen.
Aus einem der dichtesten Schienennetze Europas wurde eines der dichtesten Straßennetze. Die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit wurden und werden als betonierte Voraussetzung für den Aufschwung Ost gepriesen - noch heute werden die Autobahnen durch den Thüringer Wald, die Ostseeautobahn, die Südharzautobahn so begründet. Gewerbegebiete ohne Ende, Dörfer und Städte, die ihr Gesicht verloren haben, weit ausgeufert sind in die kulturlandschaftliche Umgebung. Ein öffentlicher Personennahverkehr, der bei dieser Entwicklung nicht mitentwickelt wurde, hinter der Autolawine zurückgeblieben ist. Urbanisierte Dörfer. Regionalflugplätze für die Investoren und so weiter und so weiter. Im Westen ist das bekannt. Nur ist diese Entwicklung im Osten wie im Zeitraffer abgelaufen, in drei, fünf, zehn Jahren. Es gibt Landschaften meiner Kindheit, die es vor einigen Jahren noch gab, die heute aber nicht wiederzufinden sind, weil es sie nicht mehr gibt. All das wurde begleitet von einer Erosion des Umweltrechts, von der Beschneidung von Beteiligungsrechten, von undemokratischen Ausnahmeregelungen.
Viele verpaßte Chancen das ist die Grundkritik an der Umweltpolitik der Bundesregierung und der Landesregierungen im Osten. Es gab keine Ziele für eine zukunftsfähige Entwicklung.
Dabei waren wir damals in der Wendezeit nicht ideenlos. Die Automobilindustrie in Thüringen wollten wir umbauen zu einem Industriezweig, der Blockheizkraftwerke produziert. Warum nicht das europaweit beste Getrenntsammelsystem - nämlich Sero - koppeln an eine funktionierende Recyclingindustrie? Wir haben schon vor unseren Augen dezentrale biologische Abwasserkläranlagen entstehen sehen, Wurzelraumkläranlagen am Dorfrand. Und ganz wichtig war uns, bloß keine feisten Funktionäre auf feisten Sesseln mehr, die kein anderes Interesse haben, als ihre Macht zu behalten. Die Devise war: Nicht so weitermachen, nicht so wie im Osten, aber auch nicht so wie im Westen. Das war uns allen klar, das brauchte uns nicht erst beigebracht werden. Wir wollten nicht die Wiederholung der West-Fehler aus den 60er und 70er Jahren, die jetzt kostenspielig zu Buche schlagen.
Aber schnell wurde aus dem ex oriente lux ein ex occidente luxus. Den reicheren Westen vor der Tür, hieß es jetzt sollen die doch kommen und das hier in Ordnung bringen. Von der Wendekraft, dem Willen zu verändern, war bald nicht mehr viel zu spüren.
Im Rückblick muß sich die Umweltbewegung wohl auch an der eigenen Nase zupfen. Wir hatten Ideen, aber keine Konzepte, keine politische und keine Markterfahrung. Und von den Modellen, etwa einer dezentralen Energiepolitik oder einer dezentralen Trinkwasserpolitik, einer ökologischen Landwirtschaft oder einer Verkehrspolitik, die den ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr mit einbezogen und bewahrt hätte, hatten wir nur eine Ahnung, wußten aber nicht, wie das umgesetzt werden könnte.
Wer hat sich in der DDR schon mit dem Ende der DDR und möglichen marktwirtschaftlichen und kapitalistischen Verhältnissen beschäftigt? Die politischen und wirtschaftlichen Strukturen waren uns neu. Ob eine Energieversorgung zentral oder dezentral angelegt sein sollte, darüber hatten wir zu DDR-Zeiten nicht nachzudenken; damals war das nicht zu beeinflussen. Alles war neu zu lernen, das Alltagsleben, das Berufsleben und eben auch die politische Arbeit. Und das in kürzester Zeit.
Und wir waren fixiert darauf, den Mist wegzuräumen, der uns schon Jahre gestunken hat. Dabei haben wir zuerst gar nicht gemerkt, daß hinter unserem Rücken schon die ersten wieder die Hosen unten hatten und neue Haufen gesetzt haben.
Die neuen Umweltprobleme haben auch nicht so gestunken, wie wir das kannten; sie waren nicht so offensichtlich, waren nicht gleich zu sehen und zu riechen. Viele der alten Umweltprobleme erledigten sich von selbst, und auf die neuen waren wir noch nicht eingestellt.
Um strukturell auf die für uns neuen, aber im Westen lange bekannten und bekämpften Umweltprobleme, die Altlasten von morgen, eingestellt zu sein, mußte sich die Umweltbewegunng neu organisieren. So sind nur wenige Monate nach der Wende und etliche Monate vor der Deutschen Einheit z.B. die Landesverbände des BUND gegründet worden.
Ich erinnere mich noch an die Gründungsversammlung des BUND Thüringen in Erfurt im Mai 1990, bei der es auch darum ging, vorbereitet zu sein auf das, was da auf uns zukommt mit dem vereinigten Deutschland. Und dieser BUND Thüringen, in dem ich zu Hause bin, darf mit Fug und Recht heute behaupten, eine der maßgeblichen umweltpolitischen Kräfte in Thüringen zu sein. Von der Aufgabenfülle her kann die Umweltbewegung im Osten längst mit der im Westen verglichen werden, aber noch lange nicht, was ihr Potential angeht. Es sind nur einige tausend Menschen Mitglied in den großen Umweltverbänden, entsprechend gering sind die finanziellen Mittel und entsprechend wenige hauptamtliche Kräfte gibt es.
Andererseits aber ist noch einiges übrig aus den Vor-Wende-Zeiten, die Erfahrung, auch mit Wenigem einiges bewegen zu können, Phantasie und Kreativität und ein großes Aktionspotential.
Ralf-Uwe Beck arbeitet als Umweltbeauftragter der Ev.-Luth. Kirche in Thüringen und ehrenamtlich als stellvertretender Bundesvorsitzender des BUND.
Eine der ersten spektakulären Aktionen nach der Wende war die im Frühjahr 1990 gegen die Hessen-Rallye im thüringischen Werratal. Umweltschützer hatten vor der Wende jedes Jahr gegen die Wartburg-Rallye durch den Thüringer-Wald protestiert. Nach der Grenzöffnung sollte nun die Hessen-Rallye auf Thüringer Gebiet gefahren werden in der Nähe eines Naturschutzgebietes.
Vier Wochen vor dem Start haben wir jeden Sonntag die B 7 blockiert, mit Pferdefuhrwerk und Fahrrädern und viel Gebrüll. Wir haben die Straßen und Trafohäuschen mit Sprüchen bemalt, Plakate geklebt.
Die Nacht vor dem Start haben wir in Zelten neben der Rallyestrecke verbracht. Am Morgen sind Grüppchen losgezogen. Die einen haben einen Misthaufen auf die Strecke geschaufelt, die anderen haben Luftballons aufgehäuft. Ablenkungsmanöver. Später lagen wir nur 50 m von der Sprintstrecke entfernt im Wald verborgen. Das dritte Auto mit seinem Wahnsinnskrach war für uns das verabredete Zeichen: Die Böschung hoch, über die Absperrung und auf die Sprintstrecke. Brüllende Zuschauer, aufgeregte Polizisten und Streckenposten der Veranstalter. Und die hatten keine Fahne zur Hand, um die Rallye zu stoppen. Und wer da am Steuer sitzt, der gibt Gas, egal, wer da am Weg steht. Und so war es auch. Fotos beweisen es, kein Bremslicht, mitten durch uns hindurch. Ein Wunder, daß nichts passiert ist. Erst nach dem nächsten Auto gelang es uns, die Strecke dichtzumachen. Danach Verhandlungen. Eine Verhaftung. Aber die Zeit lief für uns. Wir wollten die Rallye stören, den Verhafteten wieder frei haben. Das ist gelungen. Nach 45 Minuten und deutlichen Ankündigungen einer ähnlichen Aktion zur nächsten Rallye sind wir abgezogen. Wir haben uns selten so gut gefühlt.
Die Sportseiten, die Radiosender brachten unseren Widerstand. Wochen später noch haben wir die Parlamente beschäftigt, z.B. den Hessischen Landtag. Der Eisenacher Kreistag hat einen Beschluß gefaßt, keine Rallye auf seinem Gebiet mehr zu dulden. Er tut es wieder. Grund genug, uns zu erinnern, wie erfolgreich die Aktion damals gewesen ist. Die Umweltgruppen, die vor 5 Jahren dabei waren, die gibt es noch!
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