Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sp) Geschichte der Jugendumweltbewegung ein toller Arbeitstitel. Problematisch wirds dann, daraus wirklich einen Artikel zu machen. So habe ich mich entschieden, schlicht und einfach aus dem zu erzählen, was ich in meiner umweltbewegten Zeit bisher so erlebt habe. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil, wohl wissend, daß ich sehr vieles unterschlagen habe.
Nach den Sommerferien 1990, ich war gerade in die neunte Klasse gekommen, war ich das erste Mal bei einem Treffen der Umwelt-AG meiner Schule. Zuvor hatte ich schon mal Unterschriften gegen Walfang gesammelt eine auch heute immer noch anzutreffende Aktionsform von Kindern. Doch jetzt gings richtig los: Ich wurde gleich zum Plenum der Berliner Schul-Umwelt-AGs mitgenommen. Das war gerade gegründet worden, um die AGs zu koordinieren, Erfahrungsaustausch zu ermöglichen und neue Gruppen ins Leben zu rufen.
Aus diesem Umwelt-AG-Plenum wurde dann sehr schnell die SchülerInnen Aktion Umwelt (S.A.U.), das Netzwerk der Schul-Umwelt-AGs. Damals gab es allein an den West-Berliner Oberschulen nach Ost-Berlin gab es noch fast keine Kontakte, jetzt sind wir Hälfte-Hälfte recht schnell über 100 Umwelt-AGs. Im Herbst 1990 fand in Würzburg der zweite bundesweite Erfahrungsaustausch für Schul-Umwelt-AGs statt, zu dem wir gemeinsam fuhren. Die Begeisterung war so groß, daß der dritte auch als S.A.U.-Kongreß bezeichnet ein Jahr später von uns in Berlin organisiert wurde. Irgendwann in diesem Zeitraum haben wir auch mal die Havelchaussee blockiert: Die führt direkt an Trinkwasserbrunnen vorbei und hätte deshalb komplett für allen motorisierten Verkehr gesperrt sein müssen. Rot-Grün hatte damals die Durchfahrt nur für Busse erlaubt, es fuhren aber alle. Und statt daß die Polizei die Autofahrer, die sich nicht an das Verbot hielten, aufgeschrieben hätte, wurden wir auf Video aufgenommen...
Um den Jahreswechsel 1990/1991 stand auch bei der S.A.U. das Thema Golfkrieg auf dem Programm, es gab unter anderem eine Podiumsdiskussion. Am 26. April folgte der fünfte Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Morgens Aktionen in U- und S-Bahnen (sehr gute Medienresonanz), nachmittags ein Die-In auf dem Kudamm. Wenn ich als GAU-Leiter das Schild GAU hochhielt, fielen alle auf der Fahrbahn um außer die, die Schutzanzüge hatten und Flugis und Atommüll-Kekse verteilten. (Bei der Aktion merkten wir das erste Mal, daß ein großer Teil der Menschen, die sich am Breitscheidplatz aufhalten, Zivilpolizisten sind.)
Zu Pfingsten, ich glaube, es war schon 1991, gab es dann ein Naturschutzcamp in Woblitz. Schweinekalt wars. Eine Nacht zu siebt in einem Fünf-Personen-Zelt eng, aber warm. Die Nacht danach hatten wir uns verteilt und freuten uns über die heiße Dusche. Ganz besonders die zwei Verrückten, die unbedingt unter freiem Himmel schlafen mußten...
Im Sommer 1991 hatte einer der S.A.U.-Aktiven gleich zu Beginn seines Urlaubs einen Unfall kam dann nach Berlin zurück und hatte nichts Besseres zu tun, als rumzutelefonieren und ein kleines Redaktionsteam zusammenzutrommeln, das die erste Auflage der Broschüre Gründung einer Umwelt-AG produzierte. Das war mein erster Kontakt mit der Stiftung Naturschutz, die nicht nur diese Broschüre, sondern noch viele weitere unserer Aktivitäten finanzierte.
Kurz nach Schuljahresbeginn gab es dann das erste Ökoführerschein-Seminar in Berlin, ein weiteres zum Beginn der Herbstferien und am Ende der Herbstferien der S.A.U.-Kongreß. Das war zwar schön, aber nach den Ferien war ich dann doch etwas geschafft und brauchte erst mal wieder etwas Schule zur Erholung. Und nebenbei haben wir zusammen mit Robin Wood eine Aktion gegen Tropenholz gemacht.
Denn die nächste Aktion sollte noch um einiges größer werden: Im November 1991 hatte die Göttinger S.A.U. das dortige Wahrzeichen hinter einem Vorhang aus Getränkedosen verschwinden lassen, um gegen den Einwegwahn zu protestieren. Mit der Einbettung in eine Kampagne namens Total Tote Dose wurden zwei ganze Göttinger Stadtteile von Dosen gesäubert nicht etwa die Grünanlagen, sondern die Geschäfte! Die Idee kam so gut an, daß auch wir in Berlin überlegten und rumspannen. Reichstag. Brandenburger Tor. Ein Wahrzeichen sollte im Müll ersticken.
Wir schlugen uns diese etwas größenwahnsinnigen Ideen schnell wieder aus dem Kopf. Schließlich ist das Brandenburger Tor doch etwas größer als ein Denkmal, das Gerüst (die Dosen konnten ja nicht am Tor selbst aufgehängt werden) würde daher weitaus mehr kosten. Wie uns aus gut unterrichteten Kreisen zugetragen wurde (zwei Väter arbeiteten dort), wurde im Umweltbundesamt gewettet, daß wir das nicht schaffen.
Haben wir dann aber doch.
Nachdem wir bereits am ersten April die Verpackungsverordnung begrüßt hatten (als einzige Umweltgruppe!), wurde das Brandenburger Tor am 6. Mai 1992 vom Symbol der deutschen Einheit zum Symbol des deutschen Einwegwahns. 50.000 Getränkedosen hatten wir gesammelt und aufgefädelt viele davon hatten wir von der 1.-Mai-Demo des DGB, der voll auf Einweg gesetzt hatte , 13 Meter hoch war der Vorhang. Das Gerüst, das immerhin über 20.000 Mark gekostet hatte, war eine Spende, wohl die größte in der Geschichte der Berliner BUNDjugend.
Kurz vor Weihnachten wieder eine Tropenholz-Aktion und Pläne für eine Jugendumweltzeitung. Früher hatte es nur einen etwas größeren Rundbrief gegeben, das SchülerInnen-UmweltSchutz Info (S.U.S.I. ja, wir hattens mit den Punkten). Das aber war dauerhaft nicht zu finanzieren, und so entstand der Juckreiz. Wegen Finanzproblemen gabs die erste Ausgabe aber erst im Juni 1993.
Kurz darauf fanden das erste Jugend-Umwelt-Sommer-Treffen (JUST) in der Pampa in Brandenburg und das Umwelt-Festival AufTakt in Magdeburg statt. Letzteres zeigte, daß auch Großveranstaltungen umweltverträglich sein können. (Die längste der Sternradtouren nach Magdeburg kam übrigens vom Nordkap schlappe 3.500 km...) Beide Veranstaltungen waren recht typisch für die Zeit: Aufbruch, Neues anpacken, mitmachen, verändern.
Und so lief auch vieles Total Tote Dose ging über lange Zeit weiter, Arbeitskreise zu diversen Themen, Aktionen, Freizeiten, hin und wieder eine Straßenblockade Spaß muß sein. Bei der BUNDjugend Berlin tiefgreifende Veränderungen in der Struktur: Es wurde ein Koordinationsrat eingerichtet, auf dem alle Aktiven sich austauschen und Entscheidungen treffen können und der Koordinationsrat steht in der Entscheidungshierarchie höher als der Vorstand.
Ende 1994 die erste Juckreiz-Regionalausgabe und ein Jugendumweltbüro in Steglitz. Die Klimakonferenz in Berlin mitsamt Gegenkonferenz der Jugend. Aus dem Jugendklimabüro wird die Umwelt- und Projektwerkstatt. In meinem Bereich: Immer wieder das Thema Müll. Im Sommer 1995 ein Anruf: Der Juckreiz erhält den Journalistenpreis der Deutschen Umweltstiftung!
1996 jährt sich die Tschernobyl-Katastrophe zum zehnten Mal. Die Kampagne Sonnige Zeiten wirbt für die Energiewende. Zur Jahreswende 1996/97 der bundesweite Jugendumweltkongreß in Berlin zu dem hatten die Jugendumweltgruppen ihre jeweils eigenen Kongresse fusioniert. Im Herbst 1997 mit der Berliner SchülerInnen-Umwelt-Konferenz neuer Schwung für die S.A.U.
Zwischendurch Castor-Transporte und Aktivitäten dazu, die Mistforken organisieren Arbeitseinsätze auf Biohöfen in Brandenburg.
Am Erfolg des ersten Berliner Volksbegehrens gegen den Transrapid 1998 hat auch die BUNDjugend ihren Anteil. Nach der Abwahl der Regierung Kohl startet die BUNDjugend ihre Klimaschutz-Wette gegen Schröders Kabinett und gewinnt 1999. Der Arbeitskreis Eine Welt macht Aktionen gegen Shell und dafür, den Entwicklungsländern zum Jahr 2000 die Schulden zu erlassen.
Mit dem liberalisierten Strommarkt kommt die Gefahr von Atomstrom für die Berliner Verwaltung vorerst abgewendet. Wir ändern die Zielrichtung unserer Aktion und machen jetzt Aufklärung für Privatleute, daß Billigstrom Atomtod bedeutet.
März 2000. Mit der BUNDjugend hat der erste größere Umweltverband seine Geschäftsstelle von Bonn nach Berlin verlegt. Bald bin ich zehn Jahre dabei. Am 27. Mai feiert die BUNDjugend Berlin ihren 15. Geburtstag. Der richtige Zeitpunkt, den Hut zu nehmen? Eigentlich habe ich dafür noch zu viele Pläne...
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