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Über ungelenkte Umweltarbeit in der DDR

Nur wer aufsteht, kann sich auch widersetzen

Als vor fast 16 Jahren meine Tochter Nora-Elise geboren wurde, bin ich zum Umweltschützer geworden. Damals war ich 21 Jahre alt, bestes BUNDjugend-Alter. Mit der Verantwortung für ein kleines Kind hatte sich auch der Blick auf die Umwelt geändert. Plötzlich war nicht mehr wichtig, wie lange die Studentenclubs nachts aufhatten, sondern ob man einen Kinderwagen durch die dicke Luft von Jena schieben konnte. Heute würde ein junger Mensch in ähnlicher Situation sicher bald eine BUND-Beitrittserklärung in den Händen halten und nicht viel später zu einem BUNDjugend-Treffen eingeladen werden. Ganz so einfach war das in der DDR nicht.

Eine offizielle Anfrage bei einem Umweltamt hätte ergeben, daß der Umweltschutz zwei Säulen habe, nämlich die Fachabteilungen bei den Räten der Städte, Kreise und Bezirke und eine gesellschaftliche Organisation, die Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU) beim Kulturbund der DDR. Und genau dorthin wäre man verwiesen worden.

Mehr sei nicht existent, haben Funktionäre immer wieder beharrt, konnten aber daraus trotzdem keine Wahrheit machen. Es gab die freien und kirchlichen Umweltgruppen, die eine Bewegung gegen den Strom sein wollten.

Anders als die GNU. Sie war - irgendwo in diesem Artikel muß das klar gesagt werden, zumal Autoren aus der Nähe des Kulturbundes immer wieder die GNU als die Wurzel der Umweltbewegung der DDR beschreiben - staatlich geordneter Naturschutz. Sie hat immer mit unter der Einheitsdecke von Partei und Staat gesteckt und ist da nie vorgekrochen. Wenn man zu zweit unter einer Decke liegt, wird es wohl kaum gelingen, sich zu bewegen, ohne anzuecken. Anecken wollte die GNU aber auf keinen Fall, deshalb war sie politisch bewegungsunfähig. Sie hat schmerzarmen Naturschutz betrieben, der dem Staat nicht wehgetan hat, und dessen mutigstes politisches Engagement darin bestand, in den Städten für Fassadenbegrünung zu werben. Eines noch: nichts gegen die Leute, die da mitgearbeitet haben, nichts gegen ihre ehrlichen Naturschutzgedanken, gegen die Organisation sehr wohl.

Zurück nach Jena. Dort waren wir bald zu fünft - die erste unabhängige Umweltgruppe in der Gegend. Später und bis zur Wende habe ich dann im Arbeitskreis Umweltschutz der Kirchgemeinde Eisenach mitgearbeitet. Das klingt nüchterner als es war. Die meisten von uns haben sich kirchlichen Gruppen angeschlossen, weil sie Umweltschutz betreiben wollten, weniger weil sie der Kirche nahe standen. Die Kirche war uns Schutzraum, Herberge, von der aus agiert werden konnte.

Zunächst ging es uns darum, Umweltbelastung zu veröffentlichen. Die Umweltbelastung in der DDR war zu riechen, zu schmecken, zu sehen, zu hören. Wer bewußt den Kopf aus dem Fenster gehängt hat, war bereits motiviert, sich für Natur und Umwelt einzusetzen. Aber der hatte eben auch den Kopf aus dem Fenster gehängt.

Damit nicht klar wird, was es denn ist, was man da riecht und sieht, hatte der Staat eine Verordnung zum Geheimnisschutz von Umweltdaten erlassen und damit selbst dafür gesorgt, daß jedes unkontrollierte Umweltengagement eine politische Dimension hatte. Umweltbelastung zu veröffentlichen, war also wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern; es ging darum, zu sagen: Es stinkt zum Himmel, was da aus den Schloten quillt, und es macht krank. Die Gründung von Umweltgruppen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre war so etwas wie die erste Umweltbilanz der DDR. Wo Menschen sich außerhalb der vorgeschriebenen Organisation zusammenfanden, weil sie gegen die Verschmutzung etwas unternehmen wollten, mußte es diese Verschmutzung auch geben. Natürlich hat der Staat das als Bedrohung empfunden, wie für den Kaiser das Kind eine Gefahr ist, das einfach nur sagt: „Hey, der ist ja nackt“.

Mit einem Blick auf die Eisenacher Umweltgruppe wird sicher plastischer, wie wir gearbeitet haben. Wir waren 10 Leute, manchmal auch nur noch 3, die sich wöchentlich trafen. Ganz bunt: eine Krankenschwester, ein Automechaniker, ein Pfarrer, ein Handwerker, später sogar ein Jurist, eine Buchhändlerin, ein Postbediensteter, ein Hausmeister. Nur Aktive. Mitgliedschaften gab es nicht, wer kam und mitmachte, gehörte dazu. Wer nicht mitmachte, flog raus - ähnlich dem russischen Sprichwort: Wer bei der Hochzeit nüchtern bleibt, ist ein Spion. Getroffen haben wir uns in Wohnungen, in verschiedenen, und später in einem eigenen kirchlichen Raum; das aber war, landesweit gesehen, eine Ausnahme.

Die Themen - was uns vor die Füße fiel. Das Instrumentarium war uns zumeist das Eingabengesetz der DDR.

Es sah vor, daß sich jede Bürgerin und jeder Bürger an Institutionen, Betriebe, Verwaltungen mit Beschwerden und Hinweisen richten konnte, und daß diese Briefe dann innerhalb von 4 Wochen zu beantworten waren. Mehr noch, wurden sie an die falsche Stelle geschickt, war diese verpflichtet, sie an die richtige weiterzuleiten. Alle diese Einrichtungen und Betriebe etc. hatten vierteljährlich eine Eingabenstatistik zu erstellen und einen Bericht zu schreiben. Dieses auf den ersten Blick sehr bürgernahe Gesetz hatte aber auch seine Fallen. Wenn z.B. in einem Jahr weniger Eingaben zur Luftbelastung in der Nähe eines Braunkohlekraftwerkes geschrieben wurden als im Jahr zuvor, war für den Staat ablesbar, daß der Unmut über die Dreckschleuder sich legt, also der Einbau von Filtern weiter hinausgeschoben werden konnte.

Ein paar Beispiele,worum wir uns gekümmert haben:

Abfall - das hat uns immer beschäftigt, wie jede Umweltgruppe. Es gab in der DDR 11.000 Deponien und davon nur eine, die westlichen Standards entsprochen hätte. Manchmal erhielten wir einen Tip: Morgen Vormittag zwei LKWs mit Fässern, Farbreste, die entsorgt werden sollen. Also haben wir uns im Morgengrauen auf die Lauer gelegt, haben Fotos gemacht von den Fässern, die vom Deponierand in den Wald rollten, aufgegangen sind. Abends haben wir Proben genommen und sind damit zum Staatsanwalt. Der aber hat den Spieß umgedreht, hat uns belehrt: die Deponie ist Betriebsgelände, Betreten verboten.

Irgendwann auch die Nachricht, das Land Hessen wolle Müll exportieren, vorgesehen für genau diese „unsere“ Deponie. Also Briefe an den Hessischen Umweltminister, Touristen mit über die Grenze gegeben und von Freunden in die Presse gebracht. Und dann der Vorwurf der Informationsweitergabe an den Westen und das war ein Straftatbestand.

Mobil ohne Auto - einmal im Jahr. Ja, die Aktion stammt aus der Umweltbewegung der DDR, ist nach der Wende dann zu einer bundesweiten geworden. Mobil ohne Auto durfte sie damals allerdings nicht heißen. Wir haben den Aufruf zur Radtour dann genannt „Mobil ohne Auto nach Großenlupnitz“. Dort war dann ein Gottesdienst mit politischer Predigt, Ausstellungen, und im Garten hat eine Folklore-Band gespielt. Eine öffentliche Veranstaltung war das nicht, sondern offiziell die Geburtstagsfeier des Pfarrers mit über 80 Leuten. Das Thema Verkehr war also auch dort eines, wo man 15 Jahre auf einen Trabi warten mußte.

Einmal haben wir einen Vorschlag gemacht, eine Fotoserie, wo Fahrradständer aufgestellt werden könnten, und die an den Rat der Stadt geschickt. Antwort: Wir werden in den nächsten 6 Monaten zwei aufstellen, aber die Kirche hat ja selbst keinen. Also haben wir einen geschweißt aus alten Rohren und grün gestrichen und den dann der Stadtkirche geschenkt. Der steht da heute noch.

Gegen die Massentierhaltung wollten wir angehen angesichts einer der größten Schweinemastanlagen der DDR mit 180.000 Tieren und sterbendem Wald drumherum und gülleverseuchten Seen. Wir haben Gaststätten angeschrieben, freilich als Eingabe, und dafür geworben, wenigstens ein vegetarisches Gericht auf die Speisekarte zu setzen. Ein kleiner Anfang sollte das werden. Die Eingaben und die Schreiben, mit denen die Gaststätten sie an die Staatssicherheit weitergeleitet hatten, haben wir später in den Stasiakten wiedergefunden.

Der Kali-Bergbau und die tägliche Salzfracht in die Werra, deren Salzgehalt dreimal so hoch wie der der Nordsee war, haben uns beschäftigt und später auch unsere Gäste, im kleinen Grenzverkehr eingereiste Hessische BUND-Leute. Ein Untersuchungskoffer für Wasserproben mußte her. Nur wie? - Im Transitverkehr nach Westberlin geschmuggelt, auf einem Parkplatz übergeben. Und auf ähnlichem Wege ist die Umweltbibliothek entstanden - heute noch die größte in Thüringen.

Die Umwelttage. 4 Tage Stadtmittelpunkt. Veranstaltungen. Ein Cafè. Unser Höhepunkt des Jahres. Öffentlich ausgehängte Eingaben. Volle Säle. Für die Stasi viele Überstunden.

Das was wir wollten, war, dem Staat eine unberechenbare Kraft zu sein, mit der er aber immer zu rechnen hat. Und wir wollten ihn an seine Aufgaben erinnern, wie Till Eulenspiegel. Wir kannten die Gesetze wahrscheinlich ebensogut wie die Staatsbüttel; und die SED-Papiere haben wir auch gelesen. Wir wollten die Einheitsdecke an einer Ecke hochheben, damit frischer Wind darunterblasen kann - und dabei so tun, als sei das erste Bürgerpflicht. Wir haben Polizisten angezeigt, wenn die in ihrem Privat-Trabbi den Motor länger als 30 sec. im Stand laufen ließen, was verboten war. Und wir haben dabei selbstverständlich damit argumentiert, daß ein uniformierter Repräsentant des sozialistischen Staates sich entsprechend zu benehmen habe, schließlich sei, wer Gesetze mißachtet, ein Staatsfeind.

Die ganze Arbeit ohne finanzielle Mittel. Geld hat nie eine Rolle gespielt. Keine Umweltdaten. Deshalb ja dann auch die Gründung von Umweltbibliotheken. Kein Papier. Keine Technik. Keinen Schutz durch die Presseöffentlichkeit. Und kaum Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit. Nur der kirchliche Schaukasten, in Eisenach drei, das monatlich erscheinende Kirchenblättchen und darin ein Satz: Wir treffen uns am Montag da und dort. Aber dennoch wußten von uns alle. Und unsere Arbeit war akzeptiert, von den meisten.

Natürlich war das alles ein Drahtseilakt über einer unberechenbaren Staatsmacht. Natürlich war uns bewußt, daß ein Stasispitzel in der Gruppe sein konnte. Und es war einer drin, über Jahre. Wir brauchten kein Protokoll zu führen. Es ist alles dokumentiert.

Ein Schock war die Lektüre der Stasiakten kaum, eher Kopfschütteln darüber, wofür die sich interessiert haben, was denen wichtig war: Unsere handgemalten Plakate finden sich da, viele der Eingaben, Fotos, die von einer Aktentasche aus während unserer Veranstaltungen gemacht wurden. Interessanter sind schon die Operativpläne, aus denen hervorgeht, wie die Stasi vorgehen, was sie erreichen wollte. Sie hat nicht nur bespitzelt und notiert. Sie hat Biografien beeinflußt: „Die Person xy soll zur Nachweis- und Beweisführung gemäß §§ 219 und 220 Strafgesetzbuch sowie zur Realisierung von Maßnahmen zur nachhaltigen Disziplinierung (Nachhaltigkeit war also in der DDR schon ein Begriff!) und Neutralisierung als Exponent im Sinne politischer Untergrundtätigkeit ...politisch-operativ“ bearbeitet werden.

Dem folgen Einsatzpläne für IMs, einer für den Wohnbereich zum Gerüchtestreuen, einer für die Arbeitsstelle, um die Position dort zu untergraben usw. Mit dem Eisenacher Umweltkreis waren dauernd fünf IMs befaßt und über die Jahre insgesamt ca. 15. Etliche sind enttarnt, Arbeitskollegen, Mitstreiter, der Vorsitzende der GNU in Eisenach, Behördenvertreter. Es wird wohl kaum verwundern, daß die Umweltgruppe die Eisenacher Stasizentrale mit besetzt und aufgelöst hat.

Die Wende, mit der dieser Bericht endet, war auch ökologisch motiviert. Es gab Ende ’89 keine Demo, jedenfalls bei den Demos, wo es noch um die Wurscht und nicht um die Bananen ging, bei der nicht auch Transparente vorn mitgetragen wurden, die Schluß machen wollten damit, daß Ökonomie immer vor Ökologie kommt. Das war ein Verdienst der Umweltbewegung. Erst da haben gemerkt, daß unsere Arbeit durchaus erfolgreich war.

Der Herbst ’89 war naturnah und hatte auch ökologisch gesehen viele Chancen...

Aber das ist eine andere Geschichte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Eines gilt heute wie damals: Nur wer aufsteht, kann sich auch widersetzen.

Ralf-Uwe Beck ist Theologe, arbeitet als Umweltbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Thüringen und ehrenamtlich als stellvertretender Bundesvorsitzender des BUND


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