Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(go) Unter den meisten AtomkraftgegnerInnen gibt es einen Konsens und zwar den, daß alle Atomanlagen sofort abgeschaltet werden müssen. Daß dies zumindest in Deutschland möglich ist, zeigen diverse Studien von Ökoinstituten. Denn selbst an Höchstlasttagen (also dann, wenn am meisten Strom beansprucht wird) sind noch ausreichend Reserven vorhanden. Doch ab und zu begegnet einem noch das vorzeitliche Argument, daß die Lichter ausgingen, wenn man unsere Atomkraftwerke von heute auf morgen abstellen würde.
Was allerdings richtig ist: Kurzfristig wird der CO2-Ausstoß wohl etwas ansteigen, bis für die emissionsintensive Kohlekraft genügend Alternativen umgesetzt werden. Aber lieber ein bißchen CO2 mehr in der Luft, als eine radioaktiv verstrahlte Umwelt. (Nebenbei: Der für den Betrieb von AKWs nötige Uranabbau, diverse Transporte und die Urananreicherung setzen ebenfalls große Mengen an CO2 frei pro Kilowattstunde weit mehr als z.B. Erdgaskraftwerke.)
Wenn man nun dem/der AtomkraftbefürworterIn einige Alternativen nennen möchte, erschöpft der Redefluß oft nach Solarenergie, Windkraft, Wasserkraft, (Bio-)Gasanlage mit Kraft-Wärme-Kopplung, rationellere Energienutzung (Wärmedämmung, Stomsparen, effizientere Produktionsprozesse). Eine selten genannte Energiequelle, an welcher auch noch weiter geforscht werden muß, kommt aus dem Meer: Meeresenergie. (Die Atom-U-Boote, welche teilweise im Meer lagern, sind damit nicht gemeint, ha ha.) Die Energie des Meeres kann auf 3 verschiedene, voneinander unabhängige Weise genutzt werden. Da wäre z.B. die
Sie nutzt die potentielle Energie aus, die durch den Einfluß der Energie der Planeten- und Mondbewegung auf die Ozeane hervorgerufen wird. Durch Anziehungskräfte von vor allem Sonne und Mond entstehen an den Küsten der Weltmeere Ebbe und Flut (Tidenhub). Dieses zeitlich versetzte Gefälle kann mit Hilfe von Wasserturbinen zur Erzeugung elektrischer Energie genutzt werden.
Der Tidenhub beträgt meist ca. 1m, kann aber durch Meeresströmungen und trichterförmige Küstenabschnitte bis zu 20m (!) betragen. Für die Errichtung eines Gezeitenkraftwerkes ist ein regelmäßiger Tidenhub von maximal 3m technisch am sinnvollsten. Ein Gezeitenkraftwerk nutzt Ebbe und Flut durch ein Staubecken, welches vom Ozean mit Hilfe eines Wehrs abgetrennt wird. Dadurch werden unterschiedliche Höhen des Wasserspiegels erzeugt, was dann zum Antrieb von Wasserturbinen genutzt wird. Bei Flut werden Turbinen angetrieben, während das Wasser in das Staubecken fließt, bis der Wasserspiegel im Staubecken die Meeresspiegelhöhe erreicht hat. Die Verbindung zwischen Becken und Meer wird dan getrennt, bis der Meeresspiegel deutlich gesunken ist bzw. seinen Tiefstand erreicht hat. Dann können durch Entleeren des Beckens wieder die Turbinen zur Energieerzeugung angetrieben werden. Nun wird wieder die Verbindung vom Staubecken zum Meer getrennt, bis wieder ein hoher Meeresspiegel vorliegt, und das gleiche Spiel geht von vorne los...
Da der Wind für die Entstehung von Wellen auf dem Wasser verantwortlich ist, ist die Wellenenergie eine indirekte Nutzung der Windkraft. Nicht nutzbar sind Wellen, die aufgrund anderer Ursachen entstehen, wie z.B. bei Erd-(See-)beben, untermeerischen Rutschungen am Meeresboden oder Gasblasenbildung, da diese Wellen zu unregelmäßig auftreten und andererseits eine zerstörerische Kraft aufweisen (nicht wenige Versuchsanlagen sind bereits im Meer versunken...).
Die bestehenden Systeme befinden sich noch alle mehr oder weniger in der Entwicklungsphase. Eines nennt sich 2-(manchmal auch 3-)Punkt-System: Ein Punkt vollzieht die Wellenbewegung mit und ein anderer Punkt ist fest (also wellenunabhängig). Diese Bewegung zu- oder gegeneinander kann z.B.als Pumpleistung genutzt werden. Bojen mit einer Energieerzeugung nach diesem Prinzip sind seit Jahrzehnten erfolgreich im Einsatz und stellen damit den bislang ersten praxisreifen Anwendungsbereich der Wellenenergienutzung dar. Pilotanlagen und Prototypen finden sich vor allem im südostasiatischen Raum (Japan, Indien), in Europa konzentrieren sich die Arbeiten auf Norwegen und Schottland. Um einen zusätzlichen Eingriff in bestehende Ökosysteme zu vermeiden, können solche Anlagen mit ohnehin notwendigen baulichen Maßnahmen kombiniert werden, z.B. bei der Installation von Wellenbrechern.
Ein in den Niederlanden entwickeltes System nutzt die potentielle Energie der Wellen anders, nämlich durch Druckunterschiede am Meeresboden. Dort sind ca. 1000t schwere schirmförmige Metallkörper installiert, die über ein unter ihnen befindlichen Luftröhrensystem miteinander verbunden sind. Bewegt sich nun ein Wellenberg über einen der Schirme, so wird dieser durch den höheren Druck nach unten gedrückt, während ein benachbarter Schirm unter einem Wellental durch die Entlastung und den höheren Druck der zusammengepreßten Luft im Röhrensystem nach oben bewegt wird. Nach dem Kreiselprinzip wird die Auf- und Abbewegung in eine Rotationsbewegung umgewandelt, wobei die schweren Metallschirme gleichzeitig die Funktion eines Schwungrades übernehmen und Generatoren antreiben.
Die Meeresströmungen entstehen als Potential- bzw. Massenausgleich zwischen verschiedenen Teilen der Ozeane, die unterschiedlich hoher Energieeinstrahlung der Sonne und damit unterschiedlich hohen Verdunstungsraten unterliegen. Indirekt handelt es sich also um die Nutzung der Sonnenenergie. Die planetarischen Kräfte (z.B. Erdumdrehung, Gezeiten) spielen aber auch eine Rolle. Die Strömungsgeschwindigkeit kann einige Meter pro Sekunde betragen, und diese Energie kann mit Hilfe von Unterwasserturbinen genutzt werden, die große Ähnlichkeit mit Windkraftanlagen aufweisen (siehe Zeichnung). Sie sind fest auf dem Meeresgrund verwurzelt, während sich die Rotorblätter knapp 10m unter dem Meeresspiegel drehen. Nach Expertenmeinung bietet das Meer soviel Energie, daß auf diese Weise der gesamte Bedarf der Erde gedeckt werden könnte! Ähnlich wie bei Windkraftanlagen liegt das größte Energiepotential allerdings außerhalb Europas. Doch haben Wissenschaftler schon über hundert Standorte in Europa ausgekundschaftet, die insgesamt zehnmal soviel Energie produzieren könnten wie das Atomkraftwerk Biblis. Die Meeresströmungsenergie wird derzeit in der Praxis noch nicht genutzt, aber vorraussichtlich im Herbst diesen Jahres soll vor der britischen Küste die erste Pilotanlage in kommerzieller Größenordnung errichtet werden. Hauptsächlich beteiligt an dem 350 kW starken Kraftwerk sind das Institut für solare Energieversorgungstechnik (ISET), Kassel, sowie das Institut für Elektrische Energietechnik der Gesamthochschule Kassel.
Dann ist mir neulich beim Lesen der 15 Uhr Aktuell ein Artikel ins Auge gesprungen (autsch!) mit der Überschrift Preiswerter Strom aus dem Meer. US-amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, daß man eventuell Strom mit Hilfe von Mikroorganismen gewinnen kann. Diese am Meeresboden lebenden Mikroorganismen ernähren sich auf unterschiedliche Weise: In den oberen Schichten verbrauchen sie Sauerstoff, um organisches Material abzubauen. Da in tieferen Sedimentschichten kaum noch Sauerstoff vorhanden ist, nutzen die dort lebenden Mikroorganismen Substanzen wie Nitrat oder Sulfat. Die Abbauprodukte bilden eine Spannungsdifferenz im Boden wie bei einer Batterie. Und eben diese Spannung konnte im Labor als Energie eine Diode zum Leuchten bringen.
Gut, es gibt bestimmt stichhaltigere Argumente und Alternativen, mit denen man AtomkraftbefürworterInnen überzeugen kann. Die Mikroorganismen kommen dann erst zum Schluß. Außerdem nutzen uns all die tollen Alternativen nichts, wenn Atomstrom immer noch so billig angeboten wird (ungeachtet der sozialen und ökologischen Kosten) und den alternativen Strom sich meist nur Besserverdienende leisten. Notwendig sind daher eine bessere Energiepolitik und keine Konsensgespräche (von der Anti-Atom-Bewegung auch als Nonsensgespräche tituliert), die immer zugunsten der Atomkraftbetreiber ausfallen. Es geht dabei schließlich nur um Profite weniger und nicht um das Wohl aller...
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