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Semesterticket für Berlin

Eine unendliche Geschichte

(jm) „Nee, nee, nee, eher brennt die BVG...“ – hat mal jemand vor ein paar Jahren gesungen (Ton Steine Scherben, der säzzer). Ich habe oft nicht übel Lust, sowas ähnliches auch zu singen. Es geht nämlich ums SEMTIX. Was sich im ersten Moment vielleicht wie ein Arzneimittel anhört, ist der Name für das Azubi/Studi-Semesterticket, was seit 1994/95 darauf wartet, in Berlin eingeführt zu werden. Bisher scheiterte es aber an den zu unterschiedlichen Preisvorstellungen von BVG/VBB und den Studierendenvertretungen an den Berliner Hochschulen.

Das Semesterticket an sich hat eine lange Geschichte: 1991 wurde es erstmals in Darmstadt eingeführt. Inzwischen gibt es Semestertickets in fast fünfzig Hochschulstädten. Dabei sind alle Bundesländer vertreten – außer Berlin. Wie konnte es zu solch einer Situation in dieser unseren Hauptstadt kommen? Nun, es war einmal vor sechs Jahren, da kostete das Ausbildungsticket in Berlin 47 DM. Damals gab es schon Verhandlungen zwischen Studierendenvertretungen und der BVG. Allerdings kam Letztere auf einen Semesterticket – Preis von 205 DM und die Gegenseite auf ca. 110 bis 130 DM. Die Schmerzgrenze der Studierenden lag bei 160 DM (laut einer Befragung durch den AStA der TU). Ab Mitte 1996 zeichnete sich die Entstehung des VBB – des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg – ab, und fortan setzten sich Berliner und Brandenburger StudentInnen gemeinsam für ein verbundweites Ticket ein.

Warum es noch bis heute zu keiner Einigung gekommen ist, ist sehr unverständlich. SchülerInnen, StudentInnen und SozialhilfeempfängerInnen sind mit Abstand die sichersten KundInnen der BVG, da die meisten aus diesen Gruppen nicht über einen eigenen Pkw verfügen und mehr oder weniger (abgesehen vom Fahrrad, dessen Nutzung teilweise an Lebensgefahr grenzt) auf den Öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Und so auch gezwungener Maßen fast jeden Preis für ein Ticket bezahlen. Oder schwarzfahren. Dabei würden ungefähr 160.000 neue Stammkunden (StudentInnen) der BVG einen Jahresumsatz von über 60 Mio. DM einbringen.

Die BVG hat durch ihre marktbeherrschende Stellung in Berlin und den massiven Fahrpreiserhöhungen sehr viele Fahrgäste zum Pkw vertrieben. Der Umsatz stagniert trotz Preiserhöhungen seit Jahren. Zwar können die nun leeren Busse und Bahnen im Depot bleiben, aber die Attraktivität der BVG für die übriggebliebenen Fahrgäste steigt dadurch nicht unbedingt. Die Krönung des ganzen – die BVG erhält einen jährlichen Finanzzuschuss vom Land von gut 750 Mio. DM.

Im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU stand als Ziel ein Semesterticket-Preis von 215 DM (gesamte Region). Das Angebot der BVG liegt bei 215 DM für den Tarifbereich AB. Wenn man überlegt, dass von einem Durchschnitts-Studierenden pro Monat 75 DM und bei einem Abo im Halbjahr 375 DM ausgegeben werden müssen, erscheint es als ein relativ günstiges Angebot. Allerdings haben Untersuchungen ergeben, dass nur noch in den Monaten Oktober, November, Dezember, Januar und April die Mehrzahl der Studierenden eine Monatskarte kauft. Das heißt, sie geben nur im gesamten Jahr 375 DM aus. 40 Mark mehr sind nun mal 40 Mark mehr, und so sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Ticket von allen Berliner Hochschulen angenommen wird – aber das ist gerade eine wichtige Vorraussetzung für das Modell (das sogenannte Solidarmodell), denn nur wenn so viele wie möglich mitmachen, kann der Preis für alle so weit wie möglich gedrückt und damit zu einer echten Alternative werden. Wichtig ist hier auch die verbundweite Gültigkeit (im immerhin größten Verkehrsverbundnetz in Europa), um das Ticket auch bei den Studenten interessant zu machen, die bisher ohne den Öffentlichen Nahverkehr zu ihrer Hochschule kommen. Schließlich hält das Berliner Umland auch eine Menge attraktiver Möglichkeiten zur Gestaltung der vorlesungsfreien Zeit bereit.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist übrigens die sogenannte Kostenneutralität. Das bedeutet, dass die Verkehrsbetriebe mit dem Semesterticket gleich hohe Einnahmen erzielen wie mit dem Verkauf von normalen Monatskarten an Studierende. Und hier ist eben die Frage, wer welche Untersuchungen in Auftrag gibt und mit welchen Zahlen gerechnet wird. Laut den Studierendenschaften ist die Kostenneutralität für ein verbundweites Ticket bei 185 DM pro Semester erreicht.

Der letzte Stand der Dinge: Die glücklichsten StudentInnen (was den ÖPNV betrifft) leben in Frankfurt/Oder, denn sie dürfen seit dem 1. April für 149 DM pro Semester im gesamten Verbundnetz – inklusive Berlin – herumfahren. Im Alleingang hat sich die TFH Berlin mit der BVG geeinigt. Ihre Studierenden bezahlen 80 DM pro Semester und können dafür am Wochenende Busse und Bahnen kostenlos benutzen. Für 39 DM (AB) oder 54 DM (ABC) pro Monat können sie das auch mitten in der Woche tun. Dann ist zwar im Endeffekt weniger Geld zu bezahlen, aber trotzdem wird man sich Monat für Monat wieder überlegen, ob man ein Ticket kauft oder nicht, und ob deswegen Autofahrer auf den ÖPNV umsteigen, ist fraglich. Was bleibt: Hoffnung nicht aufgeben! Vielleicht klappt es zum Wintersemester 2000/2001 mit dem Ticket. Oder zum Sommersemester 2001. Oder zum Wintersemester 2001/2002. Oder...

Infos bei der Landeskoordination SEMTIX Berlin-Brandenburg c/o AStA TU Berlin, Marchstraße 6, 10587 Berlin, Tel: 030/314-25133 oder -25683, Fax: 030/312 13 98 e-Mail: bohmast1@mailszrz.zrz.tu-berlin.de


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