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Südsichten auf der Expo

Das Gute an der Expo

(co) Wieder eine Expo mit hehrem Grundkonzept, die zum „Fun-Event“ mit dem Niveau eines Fußballspieles verkommt. Kein zweites Sevilla, so lautete die Botschaft. Statt dessen einen globalen Lernort für die Agenda 21 schaffen – eine Expo neuen Typs. Die erste Expo mit entwicklungspolitischem Ziel: Die „brennenden Probleme der Zukunft lösen helfen“ sollte sie – die fast unmöglich erscheinende Harmonie zwischen Mensch, Natur und Technik schaffen. Doch der politische Erfolg schien nicht gewollt. Warum musste es wieder einmal so kommen? Gibt es denn gar nichts Positives zu berichten? Doch, gibt es! Aber zunächst zur Tragödie.

„Das offensichtliche Versagen, ... ein publikumswirksames Wissensforum für Zukunftsideen zu entwickeln, weist auf unsere gesamtgesellschaftliche Situation, in der vor der Tragweite des sozialen Experiments zurückgeschreckt wird“, so Dr. Stefan Wolf, Leiter des Bereichs „Politik und Gesellschaft“ bei der Prognos AG in Basel und zuvor fast fünf Jahre für die Expo GmbH tätig. Herrschende Verhältnisse mit der einhergehenden Armut, Ausbeutung und Unterdrückung werden als alternativlos dargestellt. Eigentliche Ursachen werden ausgeblendet oder gar als Lösung präsentiert.

Angesichts der Übermacht der Wirtschaft in der Finanzierung und Planung der Weltausstellung verwundert das Ergebnis nicht. Und die Bundesregierung? Stets auf Wahrung ihrer weltweit führenden wirtschaftlichen Ansehensposition bedacht, wird sie nicht unbedingt dafür kämpfen, ökologisch tragfähige Zukunftslösungen voranzutreiben, wenn sie sieht, dass die Umsetzung mit Preussen Elektra, Siemens, McDonalds, Volkswagen und Co gelingen muss. Schließlich waren Osaka und Brisbane nur finanziell so erfolgreich, weil sie Vergnügungsparks ohne geistigen Anspruch darstellten. Und wie konnte das Ziel auch erreicht werden, wenn die Expo doch gar keine Idee der Bundesregierung, sondern eine Initiative des Aufsichtsrats der Deutschen Messe AG gewesen ist, um den Messestandort Deutschland voranzutreiben? Bei der Bewerbung war noch nicht einmal klar, welche Ziele die Expo verfolgen sollte. Und die „alternativen Kräfte“? Sie haben das „Projekt Expo“ niemals als solches begriffen, haben sich angesichts der bevorstehenden Verschwendung von Energie, Ressourcen und Steuergeldern schmollend in die Ecke verzogen und sich (bis auf wenige Ausnahmen) geweigert, auch nur kritische Expo-Begleitung zu betreiben.

Kann die Expo vor diesem Hintergrund überhaupt noch etwas für die Agenda 21 tun? Sie kann. Noch nie hat es ein Konzept gegeben, eine Weltausstellung unter das Motto der Agenda 21 zu stellen und die Länder und Organisationen aufzufordern, sich diesem Thema unterzuordnen, so dass sich sogar Japan verpflichtet fühlte, seinen Pavillon zu 80 Prozent aus niedersächsischem Recyclingpapier zu bauen. Also hat auch noch nie ein Staat so sehr in der Umsetzung des Themas versagt wie Deutschland – und das als angeblicher Vorreiterstaat auf dem Gebiet ökologischer Nachhaltigkeit. So gut wie alle teilnehmenden Staaten und Projekte haben sich diesem Thema untergeordnet – sie wurden zum Teil ja auch gar nicht als Teilnehmer akzeptiert, wenn sie dies nicht taten. Nur Deutschland selbst hat es nicht einmal im Ansatz geschafft, dieses Thema in die eigenen Ausstellungsbereiche einzubauen. „Die Expo soll kein Museum sein“, sagt Birgit Breuel bis heute. Doch der Deutschland-Pavillon ist ein einziges Vergangenheits- und Gegenwartsmuseum, das gänzlich ohne Agenda 21-Themen auskommt und damit zum Schlusslicht aller Länderpavillons wird. Der Themenpark ist zur Show der deutschen Wirtschaft geworden, der „Ausrufezeichen setzt, wo er Fragen hätte aufwerfen sollen“ (Wolf).

Und genau da liegt die Chance: Alle Welt sieht, wie sich Deutschland auf der Expo blamiert, alle Welt sieht, dass Deutschland nicht mehr der Vorreiter ist – und das noch dazu unter einer rot-grünen Regierung. Und alle Länder, Organisationen und Projekte wollen jetzt noch mehr dafür tun, dass sie besser als Deutschland sind. Endlich ein Bereich, in dem man besser als Deutschland sein kann. Das Thema ökologische Nachhaltigkeit und Agenda 21 wird in aller Munde sein.

Eines ist gewiss: Deutschland wird nach der Expo nur noch ökologisch nachhaltige Veranstaltungen ankündigen, wenn dazu bei allen Beteiligten der politische Wille vorhanden ist, und die Agenda 21 wird in der Regierung ganz oben auf der Tagesordnung stehen, um vor dem Rest der Welt nicht weiter als „Entwicklungsland“ dazustehen.

Doch das einzig wirklich Positive an der Expo sind ihre entwicklungspolitischen Aktionen, die weltweiten dezentralen Projekte und die Tatsache, dass das Entwicklungsministerium (BMZ) über 60 Millionen Mark für ärmere Organisationen, Projekte und Länder zur Verfügung gestellt hat. Allerdings muss man deutlich herausstreichen, dass unter den 370 weltweiten Projekten aus „Reform-“ und „Entwicklungs“-Ländern nur wenige „freie Bewerber“ sind – die weitaus größte Zahl wurde von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) vorgeschlagen, 119 werden bereits im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gefördert. Für Nichtregierungsorganisationen in der „Dritten Welt“ ließ das BMZ nur 3 Millionen Mark springen. Viele der weltweiten Projekte sind auf der Expo zudem nur über das Internet präsent: Es werden Monitore aufgestellt, auf denen die Besucher die Informationen abrufen können. Zumindest ist das deutlich umweltfreundlicher, als Ressourcen und Energie für Flüge und Gestaltung auszugeben.

„Die eigentliche Weltausstellung ist grundsätzlich anders zu betrachten als die dezentralen Rahmenprojekte“, so das Forum für Umwelt und Entwicklung in Bonn. Man stelle sich eine Expo vor, die von Anfang an aus dem Agendaprozess heraus initiiert worden wäre und nur dezentrale Projekte gehabt hätte. Viele kleine und noch überschaubare Lernorte wären entstanden, in denen Nachhaltigkeit wirkliche Reflexion gefunden hätte. „Milliarden, die jetzt allein in die Bewältigungsstruktur einer Massenveranstaltung fließen, wären anhaltende Zukunftsinvestitionen gewesen“, so Jürgen Wolters von der Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz, Mitglied des Leitungskreises des Forums und Chefredakteur des „ökozidjournals – Zeitschrift für Ökologie und Dritte Welt“.

Meinungen zur Expo

Mesfin Birru Dehnanev lebt in Äthiopien. Er ist leitender Redakteur der unabhängigen englisch-sprachigen Zeitung

„Was den eigentlichen Sinn und Zweck der EXPO angeht, bin ich sehr skeptisch. Die teilnehmenden Länder präsentieren sich vor allem für die Deutschen: 80 Prozent der erwarteten Besucher werden ja aus Deutschland kommen.

Die großen Probleme meines Landes sind Krieg, Armut – Äthiopien gehört zu den ärmsten Ländern der Welt – und Aids. Ich befürchte, dass diese ernsten Themen auf der Weltausstellung untergehen werden. Die bunten Effekte werden die wirklich wichtigen Themen überdecken. Ich denke, dass die Global Dialogues und die weltweiten Projekte wichtige Anliegen berücksichtigen. Aber es wäre viel sinnvoller, die Projekte auch in anderen Ländern des Südens publik zu machen, um so Erfahrungen auszutauschen.

Was die kritische Diskussion über die EXPO 2000 in Deutschland angeht, habe ich den Eindruck, dass sie sehr lokal geführt wird. Es geht ums Geld, um Umweltprobleme für Hannover, aber die internationalen Aspekte fehlen.“

Soma Basu arbeitet als Korrespondentin für die englischsprachige indische Tageszeitung

„Ich glaube, dass die EXPO eine riesige Messe werden wird, die allein schon wegen ihrer Größe sehr einschüchternd wirkt. Auffällige Präsentationen werden im Themenpark wohl wichtiger sein als die eigentlichen Inhalte. Ich befürchte, dass die Länder des Südens mal wieder die Gelegenheit bekommen, ihre Armut und Rückständigkeit auszustellen. Und der Norden wird den Reichtum präsentieren, den wir nie erreichen werden.

Was die weltweiten Projekte angeht: Mir kommt die Auswahl nicht ganz gerecht vor. All die wichtigen indischen Projekte, die ich im Bereich Bildung und soziale Sicherheit kenne, sind bei der EXPO nicht vertreten. Es scheint fast so, als ob Leute, die mit der deutschen Regierung befreundet sind, die Chance hatten, ihre Projekte unterzubringen. Aber unabhängig davon befürchte ich, dass die weltweiten Projekte nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten werden. Kleine NGOs können sich einfach nicht so gut promoten wie große Konzerne.

Auf jeden Fall kehre ich nach Indien zurück mit einem starken Gefühl von Fremdheit. Ich befürchte, dass die EXPO den großen Riss zwischen dem Süden und dem Norden noch weiter verstärken wird.“

Najma Sadeque arbeitet seit 24 Jahren als Journalistin in Pakistan

„Wenn man das Motto der Weltausstellung wirklich ernst nehmen würde, müßte man das ganze Konzept radikal ändern. Meiner Meinung nach haben die EXPO-Organisatoren den Begriff Nachhaltigkeit nicht ausreichend definiert. Man kann dieses Thema nicht verstehen, ohne sich mit den Auswirkungen der Kolonialisierung zu beschäftigen. Für die Länder des Südens war das damals der Beginn einer nicht-nachhaltigen Entwicklung! Aber selbst, wenn einige kleine Nichtregierungsorganisationen diese Aspekte benennen, wie sollen sie konkurrieren mit all den anderen blinkenden, riesigen Präsentationen?“


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