Juckreiz-Logo Juckreiz – Die Jugendumweltzeitung aus Berlin

Kleines Expo-Pleitenlexikon

Christus

950.000 Mark kostet ein von Preussen Elektra gesponsertes, 27 Meter großes Kreuz aus Glas und Stahl, das am Christus-Pavillon der evangelischen Kirche steht. „Es ist das weithin sichtbare Zeichen dafür, dass der Christus-Pavillon die Seele der Expo ist“, so der Leiter des evangelischen Expo-Büros.

Energie

Die Niedersächsische Energieagentur, die maßgeblich für die Präsentation regenerativer Energietechnologien verantwortlich zeichnete, stieg aus der Expoarbeit aus, nachdem sie keine Chance mehr sah, den von ihr betreuten Energiefirmen eine angemessene Präsentationsform zu ermöglichen. Kernfusion, herkömmliche Atomkraft, Kohlekraftwerke und Riesen-Staudämme werden nun als ökologisch und sozial verträgliche Energieproduzenten der Zukunft vorgestellt.

Insgesamt wird für die Expo 2000 ein Gesamtbedarf an Strom von rund 200.000 Mega-Watt-Stunden erwartet. Mit dieser Energiemenge kann eine Großstadt mit 100.000 Haushalten ein Jahr lang mit Elektrizität versorgt werden. Der Gasbedarf von 20.000 Mega-Watt-Stunden entspricht dem Jahresverbrauch von rund 1000 Einfamilienhäusern.

Mensch

Der Themenparkbereich „Mensch“ wird vom Verband der Chemischen Industrie mit 22 Millionen Mark finanziert. Unter dem Motto „Leben ist Chemie“ werden auf einer Zugfahrt durch eine 280 m lange Röhre die Leistungen der Chemieindustrie für die Menschheit präsentiert. amnesty international versucht in dieser Halle das Thema Menschenrechte zu gestalten – man darf sich wohl fragen, wie das zu den menschen- und naturfeindlichen Errungenschaften der chemischen Industrie und ihrer Kollaboration mit den Nationalsozialisten im Dritten Reich passt.

One World

Polizeistaat: In Hannover-Langenhagen wird derzeit ein extra Gefängnis gebaut, um die erwarteten zusätzlichen Straftaten schnell ahnden zu können. Nach der Expo soll es ein Gefängnis für Abschiebehaft von Ausländern werden.

Soziales

Eine 1991 mit breitem politischen Konsens beschlossene „Sozialverträglichkeitsstudie“ zu den negativen sozialen Folgen der Expo wurde nie durchgeführt. Kurt Fischer, Sprecher der CDU im Sozialausschuss, forderte 1996, das Geld dafür einzusparen, denn durch den Auftrag einer solchen Untersuchung könne man ohnehin keinen Einfluss auf die Sozialverträglichkeit nehmen.

USA

Nachdem US-Präsident Clinton 1997 die Teilnahme der USA feierlich verkündet hatte und die Chancen pries, die sich durch die Teilnahme für sein Land ergeben hätten, und nachdem die Expo GmbH in ihren Informationsbroschüren die Teilnahme der USA und die geplante Ausgestaltung ihres Pavillons als Aushängeschild permanent für ihre Werbung benutzt und hochgehalten hat, sagten die USA im April ihre Teilnahme ab. Für die nach US-amerikanischem Gesetz nur privat finanzierbare Teilnahmegestaltung hätten sich im eigenen Land nicht genügend Sponsoren gefunden.

Verkehr

Feierlich wurde angekündigt, zum Beginn der Expo werde Hannovers neue S-Bahn zum Ausstellungsgelände verkehren. Die Züge wiesen jedoch einen Fehler auf: Sie stellten die Signale auf rot. Ersatzzüge wurden notwendig. Doch diese erhielten keine Zulassung beim Eisenbahnbundesamt: Die Türschlussautomatik funktionierte nicht, und die Wagen waren nicht behindertengerecht.

Verkehr 2

Mitten in einem dem Expogelände benachbarten Naturschutzgebiet ließ die Expo GmbH einen Parkplatz mit mehreren tausend Stellplätzen bauen, obwohl versprochen worden war, nicht einmal die vorhandenen Stellplätze ganz auszunutzen, weil man den PKW-Verkehr stark beschränken wollte. In letzter Minute wurde sodann auch noch die Parkplatzbeschränkung aufgehoben, die nur Besuchern das Parken erlaubte, wenn sie pro PKW mindestens drei Eintrittskarten im Vorverkauf erstanden hatten.

Wald

Der Holzabsatzfonds der deutschen Holzwirtschaft koordiniert das Thema Wald auf der Expo. Auf Internet-Lehrblättern für die Schulen zum Thema Wald wird der Schwerpunkt auf die Vorteile der Verwendung von Holz als Baustoff im Sinne des Klimaschutzes und der ökologischen Nachhaltigkeit gelegt und kein Wort über die weltweite Waldvernichtung und die diesbezügliche Verantwortung der Holz importierenden und verarbeitenden Industrie verloren.

Die Funktion der Wald-Ökosysteme der Welt – allen voran diejenigen der tropischen Regenwälder – werden geschildert, ohne auch nur ein Wort über ihre Vernichtung und die große Verantwortung, die wir Menschen in den Industrienationen für diese Vernichtung tragen, zu verlieren.

Das Expodach für die Freilichtveranstaltungen überspannt 16.000 Quadratmeter und ist komplett aus Holz mit einem Gesamtgewicht von 2.500 Tonnen gebaut. Für die Pfähle wurden im südlichen Schwarzwald dutzende über 250 Jahre alte Weißtannen gefällt, obwohl niemand weiß, ob es jemals wieder so alte Bäume auf der Welt geben wird, und obwohl die hohe ökologische Funktion alter Baumreisen bekannt ist, die nicht durch Jungwuchs ersetzt werden kann. Nach der Expo wird das Dach wieder abgerissen.


Juckreiz Zurück zum Inhalt von Juckreiz 26


Juckreiz Inhalte Juckreiz Service Juckreiz Wir Juckreiz Abo

Impressum