Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(ti) Seit 1851 finden in unregelmäßigen Abständen und an verschiedenen Orten Weltausstellungen statt. Für die Zeit von Juni bis Oktober diesen Jahres wird nun erstmals die universelle Expo auf deutschem Boden abgehalten.
Die hinter den Expos stehende Idee, eine breite Öffentlichkeit über die Errungenschaften, die großen Anliegen, aber auch über die Probleme der Menschheit und Nationen zu informieren, ist bis heute im Grundsatz gleichgeblieben.
Verändert hat sich dagegen der Charakter der Ausstellungen, der ursprünglich vom technischen Geist und einem ungetrübten Fortschrittsglauben geprägt war. Erst in jüngster Zeit wurde eine Hinwendung zum Umweltschutz und zur kritischen Auseinandersetzung mit der Technik, allerdings nur scheinbar, vollzogen. Zu allgemeinen Weltausstellungen gesellten sich Weltfachausstellungen zu Spezialthemen.
Die erste Weltausstellung wurde 1851 von der britischen Queen Victoria in dem aus Glas und Eisen errichteten Chrystal Palace in London eröffnet. Die jährlichen Pariser Industrieausstellungen inspirierten die britische Royal Society zur Handelsförderung der seit den 1840er Jahren ähnlichen Unternehmungen. Eine Kommission präsentierte 1849 den Vorschlag, diese Industrieausstellungen zu internationalisieren.
Es wurden diverse Komitees zur Finanzierung, zur Gewinnung ausländischer Teilnehmer oder auch zur Schaffung von Auszeichnungen gegründet. Für das Ausstellungsgebäude wurde erst 1850 ein zu aufwendiger Entwurf mit gewaltiger Kuppel, die aus Backsteinen, Stahl und Glas errichtet werden sollte, vorgelegt, der sowohl vom Parlament als auch von der Presse stark angegriffen wurde. Der Gartenbauarchitekt Joseph Paxton schließlich ermöglichte durch seinen Plan die Erbauung des Chrystal Palace innerhalb kürzester Zeit, so daß die erste Weltausstellung 1851 in London eröffnet werden konnte.
Um bereits kursierenden Gerüchten, Kaiser Wilhelm plane eine internationale Ausstellung für das Jahr 1900 in Berlin, zuvorzukommen, kündigte die französische Republik im Juli 1892 die Ausrichtung einer Weltausstellung an, die auf allen Gebieten eine Bilanz des 19. Jahrhunderts bieten sollte. Um eine Synthese der Fortschritte in Kunst, Wissenschaft und Technik des vergangenen Jahrhunderts zu präsentieren, mußten alle bisher in Ausstellungen erreichten Dimensionen überschritten werden, was nicht leicht war, denn schon seit der Weltausstellung 1889, ebenfalls in Paris, stand der mittlerweile weltbekannte Eiffelturm.
So wurde geplant, daß diesmal erstmals auch Herstellungsprozesse auf der Ausstellung sichtbar gemacht werden sollten, als Symbol des internationalen Fortschritts, was neben der Errichtung der üblichen Ausstellungsgebäude auch die Erbauung von Maschinenhallen erforderte, die wie Modellfabriken für die Dauer der Ausstellung in Betrieb genommen werden sollten.
Die New Yorker Weltausstellung von 1939 – 1940, die im New Yorker Stadtteil Queens stattfand, war eine der bis dahin größten Weltausstellungen. Das offizielle Motto der Ausstellung lautete „Gestaltung der Welt von morgen“ und bezog sich auf die neuen wissenschaftlichen und technologischen Wunder der Zeit und vermittelte einen optimistischen Blick auf die wundervollen Dinge der Zukunft (Wahrzeichen waren das Trylon and Perisphere und die Hall of 100 Wonders).
Am erwähnenswertesten war die Funktion der Ausstellung als Plattform für die Einführung vieler neuartiger Materialien und Produkte wie etwa Plexiglas, Glasfasern, Nylon, Kodak-Color-Filme und 3D-Filme, die man sich durch Polaroidbrillen ansah – Produkte, die die Zukunft definitiv mitgestaltet haben. Das denkwürdigste Ereignis dieser Weltausstellung jedoch war die erste Fernsehübertragung der Welt.
Im zweiten Jahr der Ausstellung spiegelte sie den Zweiten Weltkrieg wider, da im Zuge des Desasters, das sich in Europa ausbreitete, ein ausländischer Pavillon nach dem anderen schließen mußte. Es war pure Ironie, daß diese Ausstellung, die den Menschen die Technologie als Lösung für alle Probleme präsentieren wollte, so schnell ad absurdum geführt wurde, als genau diese Technologie bei todbringenden Kampfmaschinen des Krieges eingesetzt wurde.
Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg war die Idee der vergangenen Weltausstellungen, den technischen Fortschritt bedingungslos zu feiern, fragwürdig geworden. Die Motivation für die Ausrichtung dieser Großprojekte im Zeitalter der Massenmedien mußte neu überdacht werden. In diesem Sinne versuchte man in Brüssel, wo 1958 die erste Weltausstellung nach dem Krieg stattfand, zumindest rhetorisch den Menschen in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken, was allerdings nicht richtig gelang. Denn die meisten Aussteller hüteten sich davor, negative Folgen technischer Entwicklungen zu diskutieren oder die gesamte Bandbreite der Motive für den Fortschritt der Wissenschaft zu dokumentieren. Statt dessen inszenierte man in der Ausstellung die „friedliche Nutzung der Atomkraft“, während Naturwissenschaftler vor dem militärischen Einsatz atomarer Waffen gewarnt und damit heftige politische Debatten ausgelöst hatten.
Demnach wurden solche kritischen Ansätze in Brüssel eher vernachlässigt, und die architektonischen Beiträge, wie das Atomium, das Symbol des Atomzeitalters, rückten in den Mittelpunkt des Interesses.
Schon im Jahr 1976 äußerte der spanische König Juan Carlos erstmals die Idee, eine internationale lateinamerikanische Ausstellung in seinem Land auszurichten. Durch eine Weltausstellung als Symbol für technischen Fortschritt sollte zum einen der Welt ein modernes Spanien präsentiert und des weiteren der Süden Spaniens wirtschaftlich aufgewertet und an den Norden angebunden werden. So konnte sich Sevilla 1992 als moderne Metropole darstellen.
Weltausstellungen sind eng mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts verknüpft, sie werden sogar als dessen „offizielle Visitenkarten“ bezeichnet. Ihr ursprüngliches Ziel war, in „friedlichem Wettkampf“ die neuesten Produkte und Erfindungen auf dem sich konstituierenden Weltmarkt zu präsentieren. Im Verlauf des Jahrhunderts trat jedoch die kulturelle Selbstdarstellung der Nationen und die einseitige Zelebrierung des technischen Fortschritts zu stark in den Vordergrund. Die damit verbundenen aufgetretenen und auftretenden Probleme werden immer mehr nur am Rande oder gar nicht mehr berücksichtigt, ebenso auch auf der Expo 2000 in Hannover.
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