Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(ne) Langsam nimmt auf dem Gelände der Hannover Messe die Zukunft von Mensch und Natur Gestalt an – eine Zukunft, deren Deutungsmonopol vor allem in den Händen großer Konzerne und Regierungen wirtschaftlich begünstigter Länder liegt. Die Verantwortlichen der Expo präsentieren „Lösungsansätze für die drängenden Probleme der Zukunft“, zu denen sie vor allem die Verknappung der Ressourcen, Umweltzerstörung und Bevölkerungswachstum zählen. Gentechnik spielt in zwei Bereichen der Ausstellung eine zentrale Rolle: Sie wird von den Verantwortlichen zur Beseitigung von Nahrungsmittelknappheit durch veränderte Pflanzen und zur „Verbesserung“ des menschlichen Erbguts vorgeschlagen.
Als vor zehn Jahren begonnen wurde, ein Konzept für die erste deutsche Weltausstellung zu erarbeiten, herrschte noch breite Akzeptanz für die Gentechnik bzw. hatte noch kaum einer eine Meinung zum Thema. Die neue Technologie bot sich, wie einst die Atomkraft auf der Brüsseler Weltausstellung 1958, als Wahrzeichen an. Mittlerweile ist das Loblied der grünen Gentechnik stiller geworden, die Kunden sind mißtrauisch, und die öffentliche Kritik zwingt Firmen wie Monsanto und Novartis zunehmend in die Defensive. Noch immer ist man auf der Suche nach einer PR-Strategie zur günstigen Präsentation der grünen Gentechnik, doch vorerst hält man sich zurück. So gerät der Ausstellungsteil „Ernährung“ auch eher schmal, wegen fehlender „Partner“ aus der Wirtschaft.
Kündigte man Anfang letzten Jahres noch eine „provokante Darstellung“ des Themas mit Hilfe von „leuchtenden Kartoffeln“ an (die Kartoffeln enthalten das Gen einer fluoreszierenden Quallenart), ist nach dem Ausstieg der Firma Monsanto jetzt nur noch ganz bescheiden die Rede von einer „neutralen Darstellung“. Neben Gemüsegarten, Kompostbehältern, Picknick-Plätzen und einem Riesen-Büfett soll eine genetisch veränderte Reissorte den Vitamin-A-mangel der „armen Bauern in Entwicklungsländern“ beheben. Doch auch der Wunderreis eignet sich nur schwer zur Akzeptanzbeschaffung für die Gentechnik, scheint der Mangel doch vor allem wegen einseitiger fett- und gemüsearmer Ernährung aufzutreten.
Ganz vergessen wird eine der zentralen Fragen der schönen neuen Welt: Das Problem der Patente auf Gensequenzen und manipulierte Organismen bleibt außen vor, es ist für eine Darstellung im Rahmen der Ernährungsschau angeblich zu komplex. Doch wer hat das moralische Recht, über jahrtausendealtes Wissen von Naturarzneien zu verfügen oder Saatugut in der zweiten Generation am Auskeimen zu hindern, um so die Bauern abhängig zu machen? – Die drängenden Probleme der Zukunft werden hier nur sehr begrenzt behandelt.
„Der Mensch“ wird dagegen in einer eigenen Ausstellung zum Objekt umfassender Eingriffe der Pharma- und Chemieindusrie. Allein der Verband der chemischen Industrie (VCI) ist mit einer 22 Millionen Mark teuren Gemeinschaftspräsentation „Life is Chemistry“ in der Ausstellung vertreten. Auf einem Schiff segelt das menschliche Erbgut verpackt in Plexiglaswürfeln in Richtung Zukunft. Hier wird ganz unverblümt über die Möglichkeiten der Keimbahntherapie fabuliert, um den Menschen „vom mutierten Genen zu befreien“, und Pärchen dürfen schon mal am Computer das Erbmaterial ihres zukünftigen Sprößlings aussuchen, während sie im Labor für künstliche Befruchtung an „Geräten für die Spermieninjektion“ vorbeischlendern und „Brutschränke für Embryonen“ begutachten. Ein wenig unangenehm sind auch Projektleiter Markus Diekow die Frankenstein-Fantasien: „Wir wollen nicht belehren, sondern Fragen aufwerfen und die Besucher anregen, ihre eigene Meinung zu bilden“, gibt er zu bedenken.
Aber auch in diesem Teil der Ausstellung scheinen die wesentlichen Fragen für das gemeine Publikum zu komplex zu sein. Zwar regt die plastische Darstellung der Themen durchaus zum Nachdenken an, die Ausstellung selbst drückt sich aber um jegliche Kritik. Welche Auswirkungen hat die Verfügbarkeit von Daten aus dem menschlichen Erbgut für diejenigen, die als nicht gesund gelten? Wird es Leute geben, die in einem solchen Fall Kriterien für ein vermeintlich gesundes Erbgut festlegen? Der menschliche Körper wird im Verständnis der Ausstellungsmacher zum Apparat, dessen Funktionen sich mit Hilfe der Gentechnik verbessern lassen. Wie wir sein können, bestimmen in erster Linie unsere Gene. Wie wir sein müssen, bestimmt der Markt. „Die Karte eines Embryos zeigt, daß es nicht den Wünschen seiner Eltern entspricht“, heißt es platt in der Beschreibung einer genetischen Telefonzelle, in der die Eltern schon mal die Eigenschaften ihres zukünftigen Kindes abfragen können. Suggeriert wird die Unverzichtbarkeit einer marktwichtigen „Gesundheit“, und eines „Wohlbefindens“, die sich nur mit Hilfe moderner Technik herstellen lassen.
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