Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sp) Wer diesen Sommer mit der Bahn nach Hannover will, ohne das dortige Großereignis zu besuchen, muß deutlich tiefer in die Tasche greifen als bisher: Die Bahn verlangt zusätzlich zum normalen ICE-Fahrpreis (andere Züge fahren praktisch nicht mehr) bis zu 24,- DM Zuschlag. Wer aufs Wochenendticket ausweichen will – Pustekuchen, gilt in fast ganz Niedersachsen nicht. Doch nicht nur die Fahrt nach Hannover wird teurer, auch diejenige in Hannover. Begründung: der verbesserte Service- und Sicherheitsdienst.
Über den können sich Obdachlose, Punks und anderes „Gesindel“ nun gar nicht freuen, steht doch zu vermuten, daß der ohnehin schon seit Jahren geführte Kampf gegen die Armen, nicht gegen die Armut, nun noch verschärft wird. In einer modernen Stadt wie Hannover ist eben kein Platz für Bettler und Andersdenkende: Daher wurde die „Passerellenordnung“ erlassen. Die Passerelle ist die Einkaufspassage und FußgängerInnenzone am Hauptbahnhof, die auch den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln darstellt. Die Passerellenordnung verbietet Alkoholkonsum, Betteln, Übernachten, Lagern, Skateboardfahren, Flugblattverteilen und „Verunreinigen“. Sie wurde durch ein Gerichtsurteil gekippt – weil die Passerelle nicht „befriedet“ war. Durch den Einbau von Toren ist sie das jetzt. Sicherheitsdienste und Polizei, für die extra eine neue Wache angelegt wurde, gehen aller Erfahrung nach trotzdem nicht gegen durstige und müde Reisende vor...
Für Sicherheit und Ordnung sorgen sollen während der Expo neben diversen „Schwarzen Sheriffs“ und 170 PolizistInnen aus verschiedenen anderen Ländern bis zu 7.500 BeamtInnen von Polizei und Bundesgrenzschutz, weit mehr als doppelt so viele wie normalerweise in Hannover sind. Für den erwarteten Kriminalitätsanstieg wurde gar ein neues Gefängnis gebaut – angesichts der vielen ausländischen BesucherInnen gleich als Abschiebeknast ausgelegt.
Wer Big Brother toll findet, kann in Hannover auch schon mal das erleben, was bei der BVG in Berlin bisher nur testweise läuft – die totale Überwachung. Allein auf dem Expo-Gelände gibt es etwa 250 Videokameras, dazu kommen die gleiche Zahl beim Verkehrsunternehmen Üstra und weitere bei der Bahn AG.
Ebenfalls „freuen“ über die Expo dürfen sich die MitarbeiterInnen des Einzelhandels: Die Ladenöffnungszeiten in Hannover wurden bis 21 Uhr ausgedehnt, Proteste der kleineren Einzelhändler und ein Streik haben nur die Ausdehnung bis 22 Uhr verhindern können.
Nicht viel Gutes über die Expo gab es von den Umweltverbänden zu hören. Neben der grundsätzlichen Kritik am Konzept – weshalb auch nur diejenigen in Hannover sind, die sich öfter mal den Vorwurf der Käuflichkeit anhören müssen – wurden auch immer wieder Einzelpunkte herausgegriffen, wo die Ausstellung ihren eigenen Vorgaben massiv widerspricht: Dämmplatten wurden mit dem Ozonkiller FCKW aufgeschäumt, Rohre und Kabel aus PVC verwendet, das Müllkonzept steht sogar hinter durchschnittlichen Volksfesten zurück, letztendlich läuft alles auf einen Dauerstau in Hannover hinaus.
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