Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(hp) „Hi Schatzi, bin jetzt am Ostbahnhof. Gegen halb fünf zu Hause. Bis denne. Tschüüüß!“ Mobile Kommunikation, bunt und Trend. Rund 25 Millionen Menschen gönnen sich diesen Luxus. Immer erreichbar, nette SMS, fröhliche Melodien, nie langweilig. Und doch hat jeder schon mal gehört, daß es irgendwie schädlich ist, wie mit dem Rauchen. Aber deshalb aufhören?
Die drahtlose Kommunikation funktioniert über künstliche elektromagnetische Wellen. Natürlich entstehen elektromagnetische Wellen z.B. durch das Erdmagnetfeld, was Zugvögel oder Tauben zur Orientierung nutzen. Wale und Delphine kommunizieren mit Hilfe dieser unsichtbaren Strahlung. Selbst das menschliche Gehirn funktioniert durch elektrische Energie. Logisch also, daß die künstlichen Felder Einfluß auf unsern Organismus haben. Welchen – das ist die große Frage.
Kopfschmerzen, Depressionen, Schwindel, Ohrensausen, Konzentrationsschwäche, Schlafstörung oder Ohrgeräusche, das klingt erst mal noch ganz harmlos und von ungeklärter Ursache. Aber immer wieder tauchen genau diese Beschwerden in unzähligen Befragungen auf, die die Wirkung von Handies oder entsprechenden Masten untersuchen. Wie es dazu kommt, ist erst zur Hälfte geklärt.
Man unterscheidet zwischen wärmebedingter (thermischer) und wärmeunabhängiger (athermischer) Wirkung von Mikrowellen. Heißt: Durch hochfrequente Bestrahlung erwärmt sich Gewebe. So funktioniert die Mikrowelle. Handies dürfen nach sechsminütiger Bestrahlung das Gewebe um maximal 0,5°C erwärmen, um zugelassen zu werden.
Egal, was nach mehr als 6 Minuten Bestrahlung passiert. Egal, daß die Wärmeverteilung nicht gleichmäßig ist und so Hitzestellen im Gehirn entstehen können (hot spots). Egal, daß unter der Haut kaum Wärmerezeptoren sind und es somit ca. 30 Minuten dauert, bis der Körper regulieren kann. Was für den Gesetzgeber egal ist, heißt für uns langsame Wärmeabfuhr in schlecht durchbluteten Organen (z.B. Augenlinse) und führt zu Proteinverklumpungen. Das heißt fürs Auge: Linsentrübung bis grauer Star. Fürs Gehirn heißt das im Extremfall Hitzschlag und im Normalfall Kopfschmerz bis Müdigkeit. Das heißt auch: höherer Blutdruck, höheres Herzinfarktrisiko. Soviel dazu. Diese thermischen Wirkungen bestreitet niemand. Sie sind relativ gut erforscht.
Mit den athermischen Effekten ist das eine andere Sache. Man weiß, daß weit unter den Grenzwerten (teilweise tausendfach darunter) Zellen auf Mikrowellen reagieren und Menschen krank werden können. Was man nicht genau weiß, ist, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Man weiß von einem erhöhten Leukämierisiko, Fruchbarkeits- und Potenzeinschränkungen, von erhöhtem Krebsrisiko und Tumorbildung, von Mißgeburten und Gendefekten. Aber warum, wann, bei wem, wie und wo passieren diese Veränderungen? Ganz genau kann das keiner sagen. Noch liegen die Puzzleteile fast einzeln vor uns. Und so sehen sie aus:
Bevor das Blut ins Gehirn gelangt, wird es durch eine Zellschicht „gefiltert“. Nur ganz bestimmte Stoffe dürfen passieren, um unsere Denksubstanz vor Schadstoffen (z.B. Medikamenten) zu schützen. Die Forscher der Uni Lund in Schweden untersuchten 1999 die Gehirne von Ratten. Nach 16 Stunden Handybestrahlung waren bei 35% der Tiere dunkle Flecken zu sehen. Diese stammten vom dem Eiweiß Albumin. Dieses Transportprotein zirkuliert im Blut, gehört aber nicht ins Gehirn. Denn dort können bereits sehr kleine Mengen die Nervenzellen zerstören, was man durch bewußtes Spritzen der Substanz nachwies. Offensichtlich wurde die Blut-Hirn-Schranke durch die Handy-Wellen durchlässiger (z.B. für Albumin).
Dr. Lebrecht von Klitzing von der medizinischen Uni zu Lübeck bestrahlte Freiwillige 15 bis 20 Minuten mit heute üblichen Handies (217 Puls, 900 MHz). Das Resultat war eine Veränderung des EEG (Elektroenzephalogramm) mit Spitzen und Kurven, die zuvor kein Neurologe gesehen hat (im 10 Hz-Bereich). Die Veränderung trat erst nach einigen Minuten auf, blieb aber bis zu 24 Stunden nach Einwirkung.
An der Universitätsklinik in Lübeck stellten Forscher eine um 90% reduzierte Immunreaktion von Zellen durch gepulste Felder fest. Ähnliches fand auch Prof. Ross Adey von der Loma-Linda Universität in Californien. 1998 wies der Forscher Coghill nun eine reduzierte Lymphozytenaktivität nach von 32,1% nach dreistündiger Bestrahlung bzw. 52,2 % nach 27stündiger Bestrahlung mit heutigen GSM-Handies im Standby-Betrieb. Andere Experimente zeigen eine hormonelle Stimulation des Immunsystems nach kurzer Bestrahlung und Unterdrückung der Abwehr nach mehrmonatiger Belastung. Schon 1983 fand Lyle eine 20%ige Hemmung von T-Lymphozyten bei einer Bestrahlung von 450 MHz, 60Hz Modulation und 15 W/m². Konsequenzen: Möglich Tumorausbruch, Krebs, häufige Infektionskrankheiten.
Diese unterschiedlichen Angaben und Zahlen zeigen, daß die Wirkung der Handywellen von vielen Faktoren abhängen: Von der Trägerfrequenz, der Informationsfrequenz, der Pulsung, der Leistungsflußdichte, der Stromstärke, teilweise von ganz bestimmten Kombinationen dieser Faktoren. Nur dann treten ganz bestimmte Symptome auf.
Diese ungeliebten Erscheinungen hängen vermutlich mit der Beeinträchtigung des Immunsystems zusammen. Der australische Forscher Repacholi untersuchte im Auftrag der WHO und der australischen Telekom (Telstra) den Zusammenhang zwischen Krebs und Handies bei Mäusen. Nach 18 Monaten mit zweimal täglich halbstündiger Bestrahlung erkrankten die beobachteten Tiere mehr als doppelt so häufig an Krebs wie die unbestrahlten Vergleichstiere. Zwar handelte es sich bei beiden Gruppen um transgene Krebsmäuse (Krebsgen eingebaut), doch das Ergebnis war niederschmetternd genug, um den Forscher zu entlassen.
Dabei kamen Forschungen in den USA und der ehemaligen Sowjetunion schon in den 80er Jahren zu ähnlichen Ergebnissen. Sie fanden Veränderungen der Chromosomen, Leukämie und Fehlgeburten bei Versuchstieren. Ein weiteres Indiz auf die Erhöhung der Krebswahrscheinlichkeit sind die Beobachtungen in Vollersode (1996). Dort stehen im Umkreis von 3 km ein Funkturm der Telekom und eine radarausgestattete Raketenstellung der Bundeswehr. Seit 1981 sind dort zwölf Gehirntumore aufgetreten. Zehn Menschen starben. Damit ergibt sich für die knapp 3000 Einwohner eine Tumorrate von 0,41%, während diese völlig außerhalb des Bestrahlungsgebietes bei 0,041% liegt.
Hochfrequente Wellen können Potentiale an den Zellmembranen aufbauen, die das normale Ruhepotential überlagen. Also: Sie wirken als Reiz. Da dieser Reiz aber für die Zelle keinen Sinn macht, reagiert sie völlig unangebracht. Dadurch nehmen Herz und zentrales Nervensystem Schaden. Praktisch nachgewiesen hat dies ein Forscher der Telekom. Prof. Dr. Peter Semm untersuchte 1995 das Gehirn von Zebrafinken nach halbstündiger Handybestrahlung. Rund 60% der Nervenzellen waren dadurch im Austausch ihrer elektrischen Signale gehemmt, haben also falsch reagiert. Prof. Semm wurde entlassen.
Lange bekannt ist, daß Mikrowellen die Calciumkonzentration an den Membranen verändern. Was wiederum den Potentialaufbau (siehe oben) erklärt. Neu aber ist, daß die Ionen an den Membranen gepulst abgegeben werden. (Nicht gleichmäßig, sondern schubweise.) 1991 erhielten Sakman und Neher für diese Erkenntnis den Nobelopreis der Medizin. Heute arbeiten die digitalen Mobiltelefone ebenfalls gepulst. Damit mischen sie sich noch leichter in die Kommunikation der Zellen ein.
Melatonin ist ein Hormon, was eine Reihe von anderen Hormonen steuert. Fehlt es, stört es die Anordnung der Östrogenrezeptoren in der weiblichen Brust. Das kann zu Brustkrebs führen. Melatonin schützt Zellen vor molekularen Veränderungen, die zu Alzheimer oder Herzleiden führen.
Melatonin ist das Hormon, das unseren Schlaf-Wach-Rhythmus koordiniert. Man vermutet, daß dessen Bildung durch das elektromagnetische Feld der Sonnenwinde beeinflußt wird. Es bildet sich, sowie die Sonne untergeht und die Strahlung schwächer wird. Die Handies nun produzieren künstliche Strahlung, dadurch kommt das Melatonin nicht zum Zug, und wir können schlechter schlafen. Und tatsächlich, bei Bestrahlung mit D-Netz-Handies verkürzte sich der Anteil des aktiven Träumens (REM) von 82,5 Minuten pro Nacht auf 67,77 Minuten. Da die Traumphase für die Verarbeitung von Informationen von großer Bedeutung ist, könnte auch hierin die Erklärung für Konzentrationsschwäche und Gedächtnisstörungen liegen.
Doch das Melatonin kann noch mehr. Es steuert die Produktion der Streßhormone Adrenalin und Noradrenalin. Weniger Melatonin heißt weniger Streßhormone. Das bestrahlte „Opfer“ kann somit schwieriger auf den alltäglichen Streß reagieren. Erschöpfung, Reizbarkeit und Depressionen können die Folge sein.
Und noch eine Macht wird dem Hormon zugesprochen: Die abnehmende Immunabwehr steht auch im Zusammenhang mit verminderter Melatonin-Produktion.
Zusammenlegen darf die Teile nun jeder selber. Es bleibt abzuwarten, ob die Mobilfunkbetreiber ihre Vision verwirklichen und bis 2007 das Festnetz abschaffen. Bis dahin sollen Verkehrsnavigation, Internet- und Telekommunikation nur noch über Funk laufen. Ein Sender für jedes Haus und jede Ampel. Bis dahin allerdings werden hoffentlich die fehlenden Puzzleteile gefunden und die Verbraucher über die Wirkung der Wellen aufgeklärt.
Seit 1991 gibt es den digitalen Mobilfunk. Das sind die Handies der D- und E-Netze. Die hochfrequente Strahlung wird 217 mal pro Sekunde unterbrochen (gepulst). Dadurch können mehrere Nutzer auf der gleichen Frequenz telefonieren, die Gespräche sind schwieriger abzuhören und die Signale rauschärmer. Vorgänger waren analoge Netze (A, B, C-Netz). Das erste wurde 1958 in Betrieb genommen.
Wenn elektrische und magnetische Wellen sich ganz schnell abwechseln, entsteht ein elektromagnetisches Feld. Somit hat es Eigenschaften von beiden. Es lassen sich Leistungsflußdichte (in W/m²) und elektrische Feldstärke (in V/m) als Grenzwerte angeben. Zusätzlich entscheidend ist noch die Frequenz: D-Netze nutzen 890 – 960 MHz, E-Netze nutzen 1710 – 1880 MHz.
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