Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(co) Den Meisten von uns ist nicht bewusst, dass so gut wie jeder Begriff einer bestimmten Ideologie entspringt. Am Beispiel der Begriffe Fortschritt und Entwicklung lässt sich dies bestens zeigen. Entwicklung diene dem Fortschritt der Menschheit, so machen es uns die Eliten der Welt weis. Und da sind wir schon beim Thema: Was heißt eigentlich Fortschritt?
Was oder wer schreitet voran und wohin? Wer legt fest, was fortschrittlich ist? Und was heißt überhaupt Entwicklung? Wer soll sich wohin entwickeln und warum? Können Fortschritt und Entwicklung gut sein, wenn sie bisher nur zu Abhängigkeit, Unterdr ückung, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Menschenrechtsverletzungen und Naturzerstörung geführt haben? Wem dient also der Fortschritt? Für welche Ideologie werden die Begriffe Fortschritt und Entwicklung missbraucht?
Der bekannte ostdeutsche Aktionskünstler und Umweltschützer Ben Wargin (Parlament der Bäume, Ausstellung im Straßenbahntunnel unter den Linden) hat den Satz geprägt: Die Wüste ist in uns. Damit möchte er ausdrücken, dass die meisten von uns ein schiefe s Bild von Natur im Kopf haben: Es ist geprägt von der vom Menschen gestalteten und durch Landwirtschaft, Straßen, Städte und Industrie übernutzten Landschaft, die eigentlich mehr eine Wüste ist als heile Natur. Der moderne, also fortschrittliche, Me nsch strebt danach, die ungenutzte Natur diesem entrückten Bild von reiner Natur anzupassen. Er sieht es also als fortschrittlich an, den Wald zu roden, Sümpfe trocken zu legen, Tiere abzuknallen, um sich seine eigene schöne Natur zu schaffen. So giedert sich ein Kernkraftwerk an einem Fluss ebenso harmonisch in die Landschaft ein wie die Skylines von Manhattan und Mainhattan. Mein Nachbar, der Geographielehrer, hat einmal gesagt: Wieso soll der Rhein-Main-Donau-Kanal schlecht für die Natur sein? Da is t doch nur Wasser und grünes Gras das kann ja doch nicht schlecht sein. Und so denken die Meisten. Wilde Natur bedeutet für sie Unreinheit und Chaos.
Ein weiteres Problem ist unser Schubladendenken, von dem niemand frei ist: Für jedes Ding oder Wesen, für jeden Sachverhalt, für jeden Zustand, für jede Situation haben wir eine (ideologische) Schublade. Sich stets zu überlegen, welche Ideologie hinter der gerade aufgemachten Schublade steckt, wäre ein erster wichtiger Schritt, um zu verstehen, warum es das Entwicklungsdilemma auf der Erde gibt. Wer ist in Wahrheit unterentwickelt? Das Waldvolk der Yanomami in Südamerika, das jeden Tag nur vier Stunden Arbe it benötigt, um sich Nahrung zu beschaffen und alle lebensnotwendigen Tätigkeiten zu verrichten und somit den Rest des Tages frei hat ein Volk, das ein unermessliches Wissen über die Schätze und den Nutzen der Natur besitzt, von dem im Leben eines/r Ya nomami nur 20% zum Einsatz kommen? Ist dieses Volk unterentwickelt und rückständig? Hat es keine Kultur? Ist es nicht zivilisiert? Oder sind wir selbst hier bei uns auf der reichen Nordhalbkugel unterentwickelt und barbarisch, die wir über Generationen ber eits die Natur zerstört haben und die wir auf Kosten der Armen in der Dritten Welt leben und die Zukunft der Erde aufs Spiel setzen?
Kluge Köpfe mögen erwidern: Unterentwickelt sind zum Beispiel die armen Menschen am Rande der Gesellschaft in den Slums der Großstädte der Dritten Welt, denen niemand eine Chance für Entwicklung gibt. Aber auch bei diesen (zu Recht im Mittelpunkt vieler Solidaritätsgruppen stehenden) Menschen müssen wir uns die Frage stellen: Wohin sollen sie sich denn entwickeln? Sollen sie sich einen Platz im kapitalistischen Weltmarktspiel sichern, in dem ohnehin niemals alle Platz haben werden, weil es auf das Prinzip von Siegern und Verlierern angelegt ist? Oder sollen sie Zugang zu den alten Traditionen ihrer Eltern und Großeltern erhalten, auf dass sie sich in angepasster ökologischer Landwirtschaft selbst versorgen können? Auf das Naheliegendste kommt zunächst niem and: Die Menschen zu fragen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Womit wir wieder am Anfang wären: Wir schieben diese Menschen automatisch in unsere ideologische Schublade, sie seien unselbständig, asozial, unsicher, ungebildet, ja gar unintelligent eb en unterentwickelt. Warum sie nicht das Entwicklungspotential aus ihnen selbst schöpfen lassen?
Genau das versuchen bereits viele Bürgerbewegungen in der Dritten Welt. Zu ihnen gehören beispielsweise die vielen Jugendclubs, Samba-, Salsa- und Capoeira-Schulen in Brasilien. Eine Hochburg für das neugewonnene Selbstbewusstsein armer Jugendlicher in B rasilien ist die Stadt Salvador im Brasilianischen Bundesstaat Bahìa. Die Jugendlichen wollen in erster Linie ein selbstbestimmtens Leben führen und dazu gehört auch, sich von der reichen Gesellschaft abzusetzen. Reich sein heißt für sie: Geistig und z wischenmenschlich reich sein und genug zu essen haben, nicht mehr und nicht weniger. Doch halt! Reisen können, das wollen sie auch aber nicht zum Urlaub machen; sie möchten andere Kulturen, andere Lebenswelten, andere Überzeugungen kennenlernen. Sie möch ten sich mit Andersdenkenden austauschen.
Gerade in Berlin gibt es einige Projekte, in denen Kontakte zu Jugendlichen in der Dritten Welt vermittelt werden. Man kann sich dafür an das Brasilianische Kulturinstitut, an das Afrika-Forum, an die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt, an Medico Inte rnational, an die Mexikogruppe des FDCL im Mehringhof, an Terre des Hommes oder viele andere Organisationen wenden. Kontakte vermitteln auch die Dritte-Welt-Läden oder die Umweltvereine wie die Grüne Liga oder die BUNDjugend, deren Arbeitskreis Eine Welt sich regelmäßig trifft.
Der interkulturelle Austausch bietet jungen Menschen die beste Basis für ein Engagement im Ausland; und die heißt vor allem Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu entwickeln. Wer Andere und ihre Wünsche versteht, ihre Kultur und Religion achtet, wird ihren wahren Reichtum entdecken. Und dies ist die beste Voraussetzung für die Erhaltung traditionellen Lebens und Überlebens im ungerechten Weltsystem.
Aber wir müssen noch viel mehr als nur tolerant sein. Dies zeigt sich schon am berühmten Beispiel einer Cola-Dose: Für die Bauxit- und Eisenerzgewinnung wird tropischer Regenwald vernichtet. Die giftigen Auswaschungen verseuchen Mensch und Umwelt in einem weiten Umkreis. Zur Energiegewinnung aus Holz und Holzkohle sowie aus den Wasserkraftwerken der Stauseen für die Aluminium- und Stahlherstellung werden weitere riesige Flächen an Wald-Ökosystemen mitsamt ihrer Tier- und Pflanzenwelt (und häufig auch der M enschen) geopfert. Bei der Aluminium- und Stahlveredelung sowie bei der Herstellung der benötigten Lacke gelangen hochgiftige Substanzen in die Luft und ins Grundwasser. Und bis die Dose in unseren Händen ist, in wenigen Minuten ausgetrunken ist und wegg eschmissen wird, hat sie eine richtige Weltreise hinter sich. Beim Transport werden weitere wertvolle Rohstoffe verprasst. Und warum nicht Recycling als Alternative? Das Dosen-Recycling lohnt sich bislang nur, weil der Aluminium-Industrie aufgrund ihres im mens hohen Stromverbrauchs Sonderkonditionen für Billigstrom eingeräumt werden, die letzten Endes der Steuerzahler bzw. jeder Einzelne über seine Stromrechnung bezahlt. Würden die sogenannten externen Kosten, also die Umweltschädigungen für die Dosenprod uktion und den Transport, in den Kaufpreis der Dosen mit einbezogen, würden diese ein Vielfaches ihres momentanen Preises kosten.
Anhand dieses einfachen Beispiels wird ersichtlich, dass jedeR Einzelne von uns eine viel größere Macht besitzt, die negativen Auswirkungen unseres verschwenderischen Lebens auf die Länder der Dritte Welt gering zu halten, als die Meisten annehmen. Die G ründung von oder die Teilnahme an Food-Coops für ökologische, regionale Produkte ohne Verpackung und lange Transportwege, die energiesparend produziert wurden, wäre ein erster möglicher Schritt. Viele weitere Möglichkeiten wie die Rückkehr zu mehr Lebens qualität durch Radfahren oder das Arbeiten, Leben und Einkaufen an ein und demselben Ort sind denkbar. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit der Teilnahme an Aktions- oder Arbeitsgruppen zum Thema Eine Welt. Mit diesen lassen sich öffentlichkeitswirksam e Aktionen planen, die der Aufklärung einer breiten Masse dienen angefangen von Ständen in Baumärkten gegen Tropenholz oder in Papierabteilungen von Supermärkten gegen die Waldvernichtung durch die Zellstoffgewinnung über Menschenrechtsdemonstrationen bi s hin zur Veranstaltung von Konferenzen sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Und es ist sehr leicht, Gleichgesinnte zu finden.
Aber bevor man aktiv wird, sollte man sich über die Hintergründe informieren. Einen ersten Einstieg bieten die weiteren Artikel dieses Schwerpunkts auf den nächsten Seiten. Viel Spass beim Leben und Streiten für die Eine Welt wir treffen uns!
Für den Kontakt zu Eine-Welt-Gruppen in Eurer Nähe könnt Ihr Euch entweder an Clemens von der BUNDjugend (Telefon 030/39 28 280) oder an Christian (Telefon 030/411 04 39) wenden oder einfach mal ins Internet unter http://www.jugendumwelt.de schauen.
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