Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
Wollt Ihr wissen, was so zauberhaft an Peking ist? Es ist das völlig wirre Leben. Gerade geht das Frühlingsfest zu Ende. Die Luft ist staubig und trocken, und auf den Strassen drängeln sich die Ausflügler, Spaziergänger und vielleicht auch Taschendie-be um die Stände der Tuschezeichner, Rohrzuckerverkäufer, Drachenbauer oder Holzschnitzer. Tee, bunte traditionelle Klei-dung, Musikinstrumente, geröstete Schmetterlingsraupen (oder so was), kandierte Erdbeeren am Spieß unter geschwungenden Dächern und Hochhäusern. Man kann in jeder Sekunde zwei Fotos machen und wird nicht ein Bruchteil des Lebens auf die Bilder bekommen. Die Händler sind eifrig, flink und natürlich auch ein bisschen listig. Kommt man an auch nur in ihre Nähe, wird man gleich gebeten, sich alle Waren anzusehen. „Ni kan, ni kan, Schauen Sie doch. Schauen Sie doch. Wie wär’s mit diesem hier?“ – „Zu teuer.“ – „Zu teuer, das ist gute Ware..., geb’s Ihnen ein bisschen billiger!“ Ist das ihre Armut, ihr Temperament oder ihre Lebenseinstellung? Sie loben des Käufers Ge-schmack, packen es vorsichtig ein und begleiten einen fast ein Stück des weiteren Weges. „Man zou, man zou. Gehen Sie lang-sam, gehen Sie langsam...“
So ähnlich geht wohl auf jedem südlichen Markt zu, werdet Ihr jetzt sagen. Aber was ist mit Resten eines pompösen Kaiserpalastes, in dem der Herrscher hauste, der der Reichste, Mächtigste und gleichzeitig Gottes Sohn in einem war. Während wir heute versuchen, mittels Demokratie wenigstens Geld und Macht zu trennen, war jener gleich Kaiser und Papst in einem. Sprachrohr des Him mels. Gleichzeitig ist die Gegenwart eine im Kampf zwischen kommunistischer Staatsstruktur und investierendem Kapital, das die Stadt in Wahnsinnsgeschwindig keit verändert. Man sagt, dass ein Drittel der großen Straßen aus den letzten 1,5 Jahren stammen. Bis zu den Olympischen Spielen soll es fünf statt bisher zwei Metrolinien geben, mehr als Verdoppelung also. Alte enge Gassen weichen Schnellstraßen, Hochhäusern und Fastfoodketten-Restaurants. Momentan gibt es beides. Neu wie alt. Viele Menschen sind noch in Danweis organisiert, so was wie Hausgemeinschaften oder Arbeitsbrigaden, in armen Gegenden stellt die Regierung Kleidung zur Verfügung, und die Kriminalität ist wohl noch immer die geringste aller Großstädte der Welt.
Wollt Ihr endlich mal was Schlechtes hören? Chinesische Mädchen sind kindisch, piepsen mit Absicht wie kleine Kinder, ziehen sich manchmal auch so an, und Unterhaltung mit ihnen führt manchmal noch tiefere Ahnunglosigkeit ans Licht. „Ich lerne Deutsch, damit ich in Deutschland BWL studieren kann, um dann in ‘ner Bank zu arbeiten und wenn’s gut geht, dort zu heiraten.“ Und was sagen Deine Eltern dazu? „Tamen hen gaoxing, die sind voll happy darüber!“ Und die Chinesen loben immer ihren familiären Zusammenhalt.
Außerdem gab’s seit 2 Monaten nichts Nasses vom Himmel, abgesehen von der Bodenverdichtung, wie ich sie schlimmer noch nicht gesehen habe – betonhart-getrampelt alles. Außerdem nervt es, immer als Ausländer erkannt und sonderbehandelt zu werden, ob im Guten oder Schlechten. Besonders, da Beziehungen hier immer noch eine verdammt große Rolle spielen, so dass man im Computerraum schon mal eine halbe Stunde länger warten kann, weil man eben niemanden der dort Sitzenden kennt.
Aber, wie gesagt, alles wandelt sich rasant, so dass ich mich schon gefragt habe, wie die das mental verkraften, bis mir auffiel, dass es den Menschen in Ostdeutschland ja nicht anders ging. So gesehen kommt wohl ein Teil der geistigen Verarbeitung des Wandels erst später. Die Teenager jetzt wollen Rock’n’Roll oder die davon abgewandelte chinesche „Ich heul mal im Videoclip und pieps dazu“-Schnulzvariante und wollen wenig von traditionellen Klängen wissen, genauso wie sie zu besonderen Anlässen gern zu MacDoof gehen und Witze über alte Leute machen. (Lao bu si ren – alt und doch noch nicht gestorbene Leute.) Dabei geben sie gleichzeitig deren ganzes Geld aus, weil die Einkindpolitik dazu verführt, die rare Nachkommenschaft zu verwöhnen, so dass die Älteren mit sparsamem Budget leben, während die Jungen in teure Karaokebars rennen oder Unsummen für ihr Studium ausgeben wird.
In China liegen also Verwöhnung und Druck dicht beieinander, obwohl ich aber sagen würde, dass sie sich dem Druck bald entledigen und der „Ich leb mein Leben“-Philosophie der westlichen Jugend bald anschließen oder es schon getan haben.
Wie also soll ich das alles zusammenfassen? China ist wild, beweglich und unberechenbar. Und ich glaube, ich habe mich darin verliebt.
Juckreiz-Redakteurin Hanna Pötter (23) studiert eigentlich in Cottbus Umwelt und Ressourcenmanagement, tat dies aber im letzten halben Jahr erst mal in Peking.
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