Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(az) Während 1991 – 1992 noch 4.800 Touristen die Antarktis besichtigten, waren es 2000 – 2001 schon 12.248, also mehr als doppelt so viele. Mehr als 100 neue Orte wurden dem Tourismus zugänglich gemacht; größere Mehrzweck-Boote anstatt der tradi-tionellen kleinen Boote, Flugzeuge für den Transport zwischen den Kontinenten, sogar „Hotel“-Anlagen auf dem Festland werden dis-kutiert. Der Tourismus in die Antarktis ist ein lukratives Geschäft geworden und wird zunehmend von großen Unternehmen anstatt kleinen Reiseveranstaltern beherrscht. Für die Saison 2005 – 2006 werden bereits mehr als 29.000 Touristen vorhergesagt.
Auf der ganzen Welt stellt Tourismus eine unglaublich große Wirtschaftsmacht dar. Regierungen, vom Tourismus abhängige Industriezweige und Regionen sehen im Tourismus ihre Chance zu wirtschaftlichem Wohlstand und sind häufig starke Befürworterinnen einer Weiterentwicklung des Tourismus. Häufig wird auch argumentiert, daß Tourismus zum Entstehen eines Zusammengehörigkeitsgefühls der Menschen als Weltbevölkerung beitrage, da der Tourismus die nationalen Grenzen aufbreche. Tourismus wird auch bezeichnet als ein globales Menschenrecht, denn jedeR mit den entsprechenden finanziellen Mitteln habe das Recht, zu jedem Zeitpunkt mit so wenigen Einschränkung wie möglich wohin auch immer zu fahren. Natürlich hat der Tourismus auch negative Folgen wie häufig die Zerstörung von traditionel len sozialen und ökonomischen Systemen, Verschiebungen der Machtverhältnisse und Umweltschäden. Im allgemeinen gibt es jedoch immer Mechanismen, zwischen den negativen und positiven Effekten auszugleichen oder wenigstens die Möglichkeit, solche Mechanismen z.B. durch Gesetze, wirtschaftliche Maßnahmen etc. zu schaffen.
Auf der Antarktis herrscht eine vollkommen andere Situation. Herkömmliche Kontrollmethoden funktionieren hier nicht. Aufgrund der Forderungen des Marktes und der größeren Wettbewerbs hat sich der Tourismus in die Antarktis stark verändert. Einerseits gibt es einen Massentourismus , bei dem viele Menschen einen relativ oberflächlichen Eindruck von der Antarktis bekommen. Andererseits gibt es einen Nischenmarkt für betuchtere Kunden: Abenteuertourismus, Special-Interest-Events, geführte Risikotouren etc. Diese Entwicklung scheint dem klassischen Muster überall in der Welt zu folgen. In der Antarktis existiert jedoch nichts, um diese Entwicklung zu regulieren – außer vielleicht ein Unfall mit vielen Toten. Die Antarctic and Southern Ocean Coalition (ASOC), ein Zusammenschluß aus über 200 dem Schutz der Antarktis verpflichteten Organisationen von mehr als 47 Ländern, warnt, daß Flora und Fauna unwiederbringlich geschädigt würden durch den steigenden Tourismus in die Region. Die Sorge gilt sowohl Ölkatastrophen und sonstigen „Mißgeschicken“, als auch schlichtweg den ökologischen der Anwesen heit von vielen Menschen an einem Ort in der Antarktis über längere Zeit. Mensch könne der einzigartigen Natur der Antarktis einfach nicht dieselbe Expansion des Tourismus zumuten wie anderen Teilen der Welt. Aufgrund der ungeklärten Frage der Souveränität über die Antarktis und der folglich sehr komplexen ju ristischen Situation stellt die immer größere und mächtigere Tourismusindustrie eine große Gefahr dar. Mit Blick auf die zwei Hauptwirtschaftszweige der Antarktis könnten die Staaten ihre Anrechte an der Antarktis stärken wollen. Das abstrakte Konzept der Souveränität könnte so zu handfesten wirtschaftlichen und finanziellen Interessen werden. Je mehr kommerzieller Eigennutz für die beteiligten Staaten zum Organi-sationsprizip wird, desto größer wird das Risiko, daß die Antarktis zum Streitobjekt wird.
Häufig wird behauptet, daß Ant-arktistouristen zu „Botschaftern für die Antarktis“ würden, sich also nach ihrer Reise für den Schutz der Antarktis engagieren würden. Das mag manchmal so sein; es hat sich jedoch gezeigt, daß gerade beim Massentourismus das Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit für den Umweltschutz nach der Rückkehr schnell wieder verschwindet. Es ist sicherlich wünschenswert, eine größere Öffentlichkeit für die Verletzlichkeit der Antarktis zu sensibilisieren; aber Tourismus ist nicht der beste Weg dazu.
Die vom Tourismus verursachten Umweltschäden unterscheiden sich im großen und ganzen nur wenig von den durch Forschungsprogramme verursachten. Der wesentliche Unterschied liegt wohl darin, wofür diese Schäden in Kauf genom men werden – das Sammeln von Information über z.B. UVB-Levels auf der Antarktis oder vergangene Klimata auf der einen Seite, private Interessen auf der anderen Seite. Sofern die Umweltschäden minimiert werden, mag auch Tourismus gerechtfertigt werden – nicht aber, wenn kommerzielle Interessen und Abenteuerlust im Vordergrund stehen.
Das Antarkis-Abkommensystem (AAS) hat das Tourismusmana gement bisher der International Association of Antarctic Tour Operators (IAATO) überlassen, also quasi dem Wirtschaftszweig selbst. Die IAATO hat sich in der Realität ein Veto-Recht vorbehalten gegen alles, was die Tourismusindustrie schwächen könnte. Daher scheint die Antarktis frei von jeglichen Kontrol len und Regulationen bis auf jene, die die Tourismusindustrie sich selbst auferlegt hat. Je mehr der Antarktistourismus expandiert, desto weniger gerechtfertigt scheint das Vertrauen der AVS darauf, daß die IAATO die nötigen Umweltstandards berücksichtigt. Würde nämlich die IAATO den Umweltschutz im nötigem Maße berücksichtigen, wäre sie bald nicht mehr konkurrenzfähig. Dieses Vertrauen war jedoch Voraussetzung für die bisherige Rollenverteilung. Langfristig kann eine umweltfreundliche Tourismuspolitik nicht der Tourismusindustrie selbst überlassen werden.
ASOC fordert die Staaten des ATS auf, den Antarktistourismus zu regulieren. Die Anzahl der Touristen solle begrenzt, auf Flugzeuge verzichtet werden. Infrastruktur auf dem Land dürfe nicht für Touristen benutzt werden, die Anzahl der besuchten Orte und die durchgeführten Aktivitäten müsse überwacht werden. Nur unter in dieser Art veränderten Bedingungen wäre ein Tourismus in die Antarktis noch vertretbar. Wir alle müssen erkennen, daß es sich um eine ganz besondere Region handelt, die ganz besonderen Schutz benötigt.
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