Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(az) Der britische Umweltschützer Chris Lang war schockiert, als er 1993 an einer Forschungsreise nach Vietnam teilnahm. Diese Expedition war Teil des Programms Frontier und wurde von der gemeinnützigen Organisation Society for Environmental Exploration (Gemeinschaft für Umwelterforschung – SEE) veranstaltet. Während der zehnwöchigen Expedition sammelten die Teilneh-merInnen ohne Erlaubnis der Parkverwaltung die verschieden-sten Pflanzenund Insektenarten in den Wäldern des Tam Dao Natur Reservats und des Ba Be Nationalparks und führten sie anschließend in ihre Heimatländer aus.
Die Regierungen vieler asiatischer Länder erhoffen sich vom Tourismus eine Stärkung ihrer kränkelnden Wirtschaft. ÖkoTourismus, Wellness-Tourismus, Agro-Tourismus (Besuch örtlicher Bauernhöfe etc.) sehen sie als lukrative Nischenmärkte. Ihrer Meinung nach werden diese neuen Tourismusformen Arbeitsplätze und Einkommen für die Landbevölkerung schaffen und außerdem helfen, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Umweltschutz zu schaffen. Doch gleichzeitig machen solche neuen Formen des Tourismus den Weg frei für andere Aktivitäten, die höchst wahrscheinlich zu wirtschaftlichen Verlusten führen, die die Tourismusgewinne bei weitem übersteigen.
Aufgrund des Tourismusbooms der letzten Jahrzehnte hat sich das Schmuggeln von wertvoller Flora und Fauna zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Biopiraten stehlen lokale Pflanzen und Tiere während ihrer Reisen in fremde Länder; beim Zoll können sie als scheinbar harmlose Touristen ungestört die Grenzen passieren, um ihre Raubschätze mit nach Hause zu nehmen oder im Ausland zu verkaufen. Das Geschäft mit gestohlener und geschmuggelter Flora und Fauna erfordert im allgemeinen wenig Investment und bringt enorme Profite, während das Risiko einer Entdeckung und Bestrafung sehr niedrig ist. Auf der anderen Seite trägt es sehr zum Aussterben vieler Arten bei.
Chris Lang forderte nach dieser traumatischen Expedition die SEE zu einer Stellungnahme auf. Daraufhin erklärte der ehemalige Frontier-Verantwortliche, daß die Gemeinden beim Tam Dao Reservat davon profitieren würden, daß SEE Informationen sammelt über den Nutzen der Pflanzen und die Möglichkeit, Medizinpflanzen zu kultivieren. Lang fand jedoch, daß all dies weder mit dem Wissen und Einverständnis der lokalen Bevölkerung erfolgte noch daß die Gemeinden ausreichend entschädigt würden für die Ausbeutung ihrer biologischen Ressourcen und ihres Wissens. Während der Expedition „hat kein Teilnehmer vietnamisisch gesprochen, für den Großteil der Expedition war kein Übersetzer anwesend, kein Teilnehmer oder Expeditionleiter hatte irgendein Training in tropischer Botanik, und niemand versuchte herauszufinden, wie die örtliche Bevölkerung die gesammelten Pflanzen nutzte.“
Frontier-Publikationen zeigen, daß während der Vietnamexpeditionen gesammelte Pflanzenarten an mehr als 40 Institutionen in aller Welt zur Klassifikation gesendet wurden. Viele der Pflanzenbeispiele waren analysiert worden in Bezug auf die Behandlung von Krebs und anderen Krankheiten. Die Pharmazeutikindustrie sei interessiert an der Arbeit von Frontier, und Frontier erhielte Spenden von verschiedenen Pharmaunternehmen.
Währenddessen breitet sich die Bedrohung der Biopiraterei weiter aus, denn die biotechnologische Industrie schickt Scouts in die ganze Welt, um Gene mit kommerziellem Wert für die Pharmaund die Lebensmittelindustrie zu entdecken. Haben transnationale Gentechnik-Unternehmen solche für sie interessanten Pflanzen und Samen oder sogar ungewöhnliche Genund Zelllinien von indigenen Völkern einmal gefunden, so machen sie Eigentumsrechte für diese geltend.
Sollten die betreffenden Unternehmen innerhalb des Systems der World Trade Organization (WTO) die internationalen Regulationen, Patente und Urheberrechte in ihrem Sinne reformieren, würden asiatische Länder noch weiter benachteiligt, so asiatische Wissenschaftler und Politiker.
Auf jeden Fall sollten die betroffenen Regierungen äußerste Vorsicht walten lassen. Es ist kaum sinnvoll, Tourismusformen zu fördern, die das Stehlen und Schmuggeln von biologischen Ressourcen und traditionellem Wissen erleichtern, solange noch kein legaler Rahmen und keine entsprechenden Verwaltungsmechanismen existieren, um Mißbrauch und Ausbeutung zu verhindern.
Zurück
zum Inhalt von Juckreiz 30