Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(go) Von klein auf lernt man, dass es nichts umsonst gibt. Neulich fiel mir aber ein Flyer in die Hand, auf dem stand, dass der erste Umsonstladen in Berlin am 10. Dezember 2001 eröffnet wurde. –Was ist denn ein Umsonstladen? Ich wurde neugierig. Kann man da umsonst einkaufen? Heißt das dann überhaupt noch einkaufen? Ich ging in die Brunnenstraße 183 und betrat den Laden, um mich ein wenig umzusehen. Schön geräumig. Eingeteilt in Haushalts-waren, Elektrogeräte, Körperpflege, Schuhe und Kleidung, wie in einem Secondhand-Shop. Nur dass man die Waren einfach mit-nehmen darf. Mir gefiel eine Kerze, und einen Schreibblock kann ich auch immer gut brauchen. Soll ich vorher fragen, ob ich die Dinge mitnehmen darf, oder kann ich sie mir einfach einstecken?
Natürlich darf man auch Sachen vorbeibringen. Im Laufe der Zeit sammeln sich ja etliche Gegenstände in der Wohnung an, die Platz wegnehmen, die man nicht mehr nutzt und die nur abgestaubt werden wollen. Und vom Geben und Nehmen lebt der Umsonstladen ja schließlich. Aber das Geben und Nehmen ist nicht aneinandergekoppelt, sonst wäre es ja eine Tauschbörse oder ein ganz normaler Laden. Dabei ist eines der Hauptziele des Umsonstladens gerade, dieses herrschende Tauschwertdenken („Ich gebe nichts ohne Gegenleistung“) aufzubrechen, eine Alternative zum Kapitalismus auszuprobieren und die Leute zum Nachdenken anzuregen, wie sie mit Geld, Besitz, Dingen, Wegwerfmentalität umgehen. Bisher gibt es ja schon andere kleine Projekte, die eine alternative Ökonomie leben – z.B. Tauschringe bzw. Tauschbörsen. Diese Projekte behalten logischerweise den Tauschwert bei, auch wenn es statt Geld eine andere Währung gibt, d.h. jemand, der wenig besitzt oder nichts anzubieten hat, steht weiterhin schlechter da, als jemand, der viel anzubieten hat. Und da geht der Umsonstladen eben einen Schritt weiter. Hier gibt jedeR nach ihren/seinen Fähigkeiten und jedeR nimmt nach ihren/seinen Bedürfnissen. Der Gebrauchswert steht somit im Vordergrund. Um noch ein bisschen mehr Hintergründe zu erfahren, sprach ich mit einer Mitgründerin des Umsonstladens, Stephanie Kostnicks.
Juckreiz: Den Umsonstladen gibt es jetzt schon ein paar Monate. Wie viele Leute seid Ihr in dem Projekt, und wie seid Ihr überhaupt auf die Idee gekommen?
Stephanie Kostnicks: Wir waren fünf Leute zu Anfang, und das sind wir im Prinzip immer noch. Die Idee kommt aus Hamburg. Da gibt’s schon zwei Umsonst-läden. Einer von uns ist in Hamburg gewesen und hat sich das dort angeguckt und hat gedacht, dass es gut wäre, das hier auch zu machen.
Wie finanziert Ihr Euch denn? Man lebt ja schließlich nicht auf einer Insel jenseits des Geldsystems.
Alle anfallenden Kosten werden über Spenden gedeckt. Und die HelferInnen sind Leute, die Interesse an diesem Projekt haben und in der Zeit, die sie zur Verfügung haben, den Umsonstladen machen. Die Leute machen das, weil sie einen Sinn dahinter sehen und nicht, weil sie etwas dafür kriegen. Es ist ein selbstorganisiertes Projekt. Die Bezeichnung „Ehrenamt“ klingt für mich aber zu organisiert und amtlich.
Was steht für Euch oder für Dich im Vordergrund bei dem „Projekt Umsonstladen“: das Ökologische – gegen Wegwerfgesellschaft – oder das Soziale – alle sollen vom Überfluss gut leben können – oder gar das Revolutionäre – kapitalistisches Tauschwertdenken in Frage stellen?
Das ist unterschiedlich bei den Leuten, die hier im Projekt mitmachen. Da ich aus der Umweltbewegung komme, ist für mich der ökologische Aspekt schon sehr wichtig. Aber ein Grund, warum ich ein bisschen weg bin von der Umweltbewegung, ist auch, dass es mir zu wenig war, das Ökologische isoliert für sich zu betrachten. Es hat keinen Sinn, die Ausbeutung der Natur durch den Menschen zu kritisieren und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht. Das Soziale und das Ökologische hängen zusammen. Ich denke, dass der Umsonstladen vor allem ein politisches Projekt ist, weil es eben diesen Anspruch hat, ohne Geld Bedürf-nisse zu befriedigen, und dass es auch eine gelebte Alternative zum Kapitalismus ist oder sein soll. Aber es ist gleichzeitig klar, dass die Dinge, die es hier gibt, na-türlich trotzdem innerhalb einer Geldwirtschaft und unter ganz „normalen“ Bedingungen pro-duziert wurden. Es ist schwie-rig, so von einer richtigen Alternative zu sprechen. Es ist klar, wir können uns auch nicht von diesem System loslösen.
Wie reagiert Ihr aber auf den Einwand, dass auch Umsonstläden ihre Funktion im Kapita-lismus haben, z.B. Armutsverwaltung?
Was sicherlich sein kann, ist, dass Leute hier Sachen herbringen und dann sozusagen zu Hause Platz haben, um sich neue Sachen zu kaufen. Das könnte man dann als Ankurbelung für den Warenumschlag bezeichnen. Aber dass es einen Laden gibt, wo es Sachen ohne Geld gibt, ist doch irgendwie schon ziemlich ungewöhnlich, und ich glaube, dass der Umsonstladen auch die Funktion hat, Leute zum Nachdenken anzuregen – über ihren Umgang mit Dingen, mit Geld, mit Müll. Dass sie sich fragen, ob sie bestimmte Sachen wirklich kaufen müssen, immer kaufen müssen. Oder ob sie es nicht lieber von jemandem, der so was nicht mehr braucht, bekommen können. Es ist klar, dass die Leute, die hier reinkommen, ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben, ganz unterschiedliche Herangehensweisen, auch an Dinge oder an Geld. Und jedeR nimmt das hier anders auf.
Aus welchen Kreisen kommen denn die BesucherInnen so?
Da ist echt alles dabei: Es kommen Rentner, die Wohnungen auflösen und viele Sachen übrig haben. Es kommen Kinder, die Spielzeug bringen, das sie nicht mehr mögen, und dafür anderes mitnehmen. Es kommen die verschiedensten Leute, also auch welche, bei denen Du siehst, dass es ihnen auf jeden Fall viel besser geht. Es gibt eben Leute, wie z.B. die Rentner, die bringen vor allem, und nehmen eigentlich kaum was mit, denn die haben schon alles. Die wollen sich nicht noch mehr belasten mit irgendwas. Und dann gibt es auch solche Leute, die nehmen immer nur. Aber was ich eben auch schön finde, sind solche Situationen, in denen Leute was bringen, aber dann auch fast genauso viel wieder mitnehmen, also sinnvolle und brauchbare Sachen hier finden. Also dass es keinen Niveauunterschied gibt in dem Sinn, dass bestimmte Leute bestimmte Sachen nur bringen und bestimmte Leute nur Sachen nehmen.
Merkst Du bei den Leuten manchmal Hemmungen, wenn sie sich einfach was mitnehmen dürfen?
Na, es gibt Leute, die verwundert darüber sind und fragen: „Ist das jetzt wirklich umsonst?“ oder auch fragen: „Und was kost’ das?“ Sie können sich das gar nicht richtig vorstellen. Oder auch jemand, der zur Tür reinkommt und sagt: „Soll ich das jetzt wirklich glauben?“ Das passiert schon immer wieder. Aber die Leute fassen dann auch Vertrauen, und viele Spenden auch was. Also gerade die Leute, die so ungläubig fragen „Ist das jetzt wirklich umsonst?“, die haben dann irgendwie doch das Gefühl, sie müssen irgendwas geben.
Ihr unterscheidet Euch von Tauschbörsen in dem Sinn, dass das Tauschwertdenken außer Kraft gesetzt wird. Aber wäre eine Schenkökonomie, wie sie der Umsonstladen praktiziert, nicht auch mit Hierarchien bzw. einem Machtgefälle verbunden? Man ist ja quasi auf die Gunst des Schenkenden angewiesen...
Das ist das, was ich vorhin auch meinte: Es soll jetzt nicht so sein, dass bestimmte Bevölke-rungsschichten nur bringen und andere nur nehmen. Es soll nicht so von oben herab sein, also dass das, was die Reicheren nicht mehr brauchen, für die Ärmeren ist, damit die Reichen sich wieder neue Sachen kaufen können. So ist das nicht gedacht, und ich glaube, dass es hier auch nicht in diese Richtung läuft. Aber ganz wichtig ist auf jeden Fall, dass die Leute, die Sachen herbringen, wirklich überlegen, ob das Leute noch brauchen können. Dass sie sich klar sind, warum sie das nicht brauchen, aber ob es denn jemand anderes wirklich noch brauchen kann. Das ist nämlich die Kehrseite davon. Hier geht es ja darum, den Gebrauchswert der Dinge in den Vordergrund zu stellen, und wenn die Sachen aber nicht mehr zu gebrauchen sind, dann sind sie eben wirklich Müll. Die Sachen sind nicht Müll, weil sie nicht mehr gegen Geld getauscht werden können, das ist Quatsch, die Sachen sind solange kein Müll, wie sie noch jemand gebrauchen kann.
Habt Ihr schon „Müll“ ausmisten müssen, seit es den Umsonstladen gibt?
Ja, leider. Wir haben am Anfang nicht so viel Erfahrung gehabt und haben mehr Sachen angenommen. Gerade was Kleidungsstücke betrifft. Da sind wir jetzt auch vorsichtiger geworden, so dass wir wirklich immer gucken, ob die Sachen ohne Löcher und Flecken sind. Es geht ja darum, dass die Dinge noch eine sinnvolle Verwendung finden. Aber wenn Sachen kaputt sind, tut man damit niemandem einen Gefallen, uns sowieso nicht... Es geht aber auch überhaupt nicht darum, uns einen Gefallen zu tun. Denn wir geben sozusagen nur diese Austauschmöglichkeit, dass wir diesen Ort hier offen halten. Aber wie die Leute das nutzen und diesen Ort ausfüllen, das liegt zum großen Teil auch an ihnen.
Könnt Ihr für den Umsonstladen noch MitstreiterInnen brauchen?
Ja, auf jeden Fall. Wir sind fünf Leute, aber nicht alle von uns sind immer in Berlin. Also: Leu-te, die Lust haben hier mitzuhel-fen, die sich bereit erklären, den Laden ab und zu mal offen zu halten, sind sehr willkommen.
In dem Laden gibt es außerdem noch einen Umsonst-Internet-platz, an dem auch CDs gebrannt werden können und der über eine MP3-Tauschbörse verfügt. In den Räumen ist auch eine Food-Coop. Die gibt es aber schon länger als den Umsonst-laden. Als Mitglied kann man dort biologisch angebautes Ge-müse, Milch und Brot zwar nicht umsonst, aber auf jeden Fall erheblich günstiger als im profitorientierten Bioladen be-kommen. Freitags, wenn auch der Umsonstladen geöffnet hat, ist Food-Coop-Tag. Dann beliefert der Biobauer aus der Region die Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft mit frischen Lebensmitteln. Außerdem kann sich, wer Mitglied werden möchte, an diesem Tag über die Food-Coop informieren.
UMSONST-Laden, Brunnenstr. 183, Berlin-Mit-te, U-Bahnhof Rosenthaler Platz. Öffnungszei-ten: Montag 16 – 20 Uhr (ab 21 Uhr Video-kino), Donnerstag 16 – 20 Uhr, Freitag 14 –18 Uhr (mit Food-Coop-Infos). Kontakt: Tele-fon 030/27 59 42 33, e-mail post@kommunecafe.de. Weitere Infos: www.kommunecafe.de oder einfach mal vorbeischauen.
Es gibt in der Bundesre-publik schon mehrere Umsonstläden: Zwei be-finden sich davon in Hamburg, einer in Bre-men, Hannover, Dresden (Abfallgut e.V.) und in Detmold. www.umsonstladen.de Umsonstladen im Netz Wer keinen Umsonstladen um die Ecke hat, der kann auch den virtuellen besuchen. Diese Internetseite, auf der man Sachen verschenken und geschenkt bekommen kann, wurde von zwei Berlinern im Sommer 2000 gegründet, die u.a. ein Zeichen setzen wollten gegen die Wegwerfgesellschaft.
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