Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sd/kr) „Legalize it!“ – Diese Forderung hallte am 31. August 2002 auf der 6. Hanfparade durch die Straßen Berlins. 40.000 Teilnehmer demonstrierten unter dem Motto „Für Hanfgebrauch! Gegen Hanfmi§§brauch! Aufklärung statt Verbote!“ für die Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten.
Um 13:00 Uhr starteten die 23 Wagen mit deutlich mehr Demonstranten als im Vorjahr am Potsdamer Platz. Die Strecke verlief über das Reichpietschufer und endete am Breitscheidplatz gegen 16:00 Uhr. Nach der offiziellen Eröffnungsrede von Steffen Geyer (Bündnis Hanfparade e.V.) begann das Bühnenprogramm u.a. mit politischen Reden von Christian Ströbele (B90/ Die Grünen), Freke Over (PDS), Jo Biermanski (Grüne Hilfe) etc. und musikalischen Beiträgen von den Bands Mutabor und Letzte Instanz, dem Liedermacher Götz Widmann und anderen.
Als Vorbereitung für die Hanfparade forderte das „Hanf Journal“ zu folgenden Demosprüchen auf: „Free the weed!“, „Legalize it!“, „Wir sind nicht kriminell, wir kiffen!“, „Peace für Piece!“, „Mutti hat ihre Pillen, Vater sein Bier - ich will mein Gras!“, „180.000 Tote durch Alkohol und Nikotin jährlich – kein einziger durch Hanf!“ In der „Speaker’s Corner“ konnten die Demonstranten mit Politikern diskutieren oder auch einfach nur ihren eigenen Worten Nachdruck verleihen.
Wem dieses Engagement nicht genügte, der konnte sich am „Zeig- Dich“ – Stand selbstbezichtigen. Mehr als 100.000 Menschen (Stand 13.8.2002) haben sich bereits der Aktion angeschlossen und die Selbstbezichtigung an das Anwaltsbüro geschickt. Im Falle einer Strafverfolgung werden alle Angaben zur Person vernichtet. Ihr Motto: „Wir demonstrieren, dass wir unvorstellbar viele sind!“ Unter www.zeig-dich.de finden Interessierte nähere Informationen zur Aktion.
Martin Müncheberg, vom Vorstand Bündnis Hanfparade e.V. äußerte sich zur Hanfparade, dass diese sich innerhalb der letzten 6 Jahre fast zur größten politischen Demonstration etabliert und damit einen Status „wie noch nie“ erreicht hätte. Das sei u.a. darauf zurückzuführen, dass die Medien in diesem Jahr ein größeres Interesse zeigen würden. Die Philosophie der Hanfparade bestehe darin, das Image der Cannabispflanze in der Öffentlichkeit zu korrigieren.
„Wir wollen der Politik zeigen, dass wir keine Verbote oder Strafverfolgung brauchen, sondern eine ehrliche Aufklärung und einen verantwortungsvollen Umgang mit Cannabis benötigen!“ Er schätzt, dass die Legalisierung von Cannabis in 3 bis 4 Jahren erreicht wird. Der nächste Schritt wäre jedoch erst einmal die Entkriminalisierung.
Hanf ist eine vielseitig nutzbare Pflanze. Einsetzbar als Medizin für viele Krankheiten, zu robusten Textilien verarbeitbar, beitragend einer ausgewogenen Ernährung, ist Hanf mit ca. 3 Millionen KonsumentInnen in Deutschland auch als Droge beliebt.
„Keine Pflanze kann dem Hanf Konkurrenz machen“, sagt Jürgen Stein, Mitarbeiter des Hanfmuseums. Ein Artikel von Mirko Heinemann in der „Zitty“ sorgte unter den Hanfliebhabern für Furore. Schon der Titel: „Macht Kiffen blöd?“ erregte Aufsehen. Sehr einseitig berichtet er hierin über die Legalisierungsproblematik von Cannabis. Heinemann zählt in seinem Artikel lediglich die negativen Seiten des Kiffens auf: „Antriebsschwäche, Paranoia, Verblödung, [...], Artikulationsprobleme, Gedächtnislücken, Konzentrationsschwächen, [...], Kontaktschwierigkeiten, [...]“ Eine Leserin der „Zitty“, die auch auf der Hanfparade anwesend war, verleiht ihrer Wut Ausdruck: „Durch solche Artikel entstehen Missverständnisse und Vorurteile sind vorprogrammiert.“ Zur Aufklärung trägt das Hanfmuseum in Berlin-Mitte bei. Jürgen Stein vom Team der Museumsleitung meint: „Die Hanfpflanze hat eine diskriminierte Stellung in der Gesellschaft.“
Bereits 100.000 Menschen informierten sich im Hanfmuseum über Anbau, die vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten, die kulturellen Aspekte, die Justizlage, die historische Seite bis hin zur aktuellen Lage der Hanfnutzung regional und weltweit. Auf der Homepage www.hanfmuseum.de gibt es weitere Informationen.
Auch Hans Cousto, Mathematiker und Musikwissenschaftler steht im Kampf gegen Drogenlügen. Im Gespräch mit dem „Hanf Journal“ sagt er: „Es geht um mehr, um eine Drogengenusskultur, Selbstbestimmung, freies Denken und Handeln. Verbote haben keine positive Wirkung. Überhaupt Pflanzen zu verbieten ist Gotteslästerung. Wenn es einen Gott gibt, ist Pflanzenverbot Blasphemie, denn sie wurden von Gott geschaffen.“
Übrigens gibt es in Deutschland deutliche Unterschiede, was die Bestrafung wegen Hanfkonsum betrifft. Während in Bayern und Baden-Württemberg ein einziges Gramm zur Anklageerhebung ausreicht, sind es in Berlin etwa 6 und in Schleswig-Holstein etwa 30 Gramm (zum Eigenverbrauch).
Die offizielle Anschlussparty fand in der Kulturbrauerei mit musikalischer Unterstützung durch Merlons & Letzte Instanz statt. Aber auch an anderen Orten konnte man sich nach der Hanfparade noch amüsieren. So summten beispielsweise die Gäste im Tacheles zu Melodien des Liedermachers Götz Widmann. Im Polar- TV dagegen konnte man zu Ragga und Dancehall abtanzen.
Schon 10.000 v. Chr. wurde Hanf in China zur Papierherstellung verwendet. Auch Karl der Große wusste den Nutzen von Hanf zu schätzen und ordnete im Jahre 800 den Anbau mit einem Gesetz an. 1765 baute George Washington, erster Präsident der USA, Hanf an: „[...] Trennen der weiblichen Pflanzen von den männlichen[...]“ In Amsterdam öffneten 1972 die ersten Coffeeshops, Cafés, in denen man legal Cannabis konsumieren durfte. Am 23. August 1997 fand die erste Hanfparade in der deutschen Geschichte statt. Der Hanf hat auch seinen Status in den verschiedenen Religionen. Beispielsweise im Buddhismus heißt es nach einer Legende, dass sich Buddha 6 Jahre lang auf seinem Weg zur Erleuchtung von nichts anderem als einem einzigen Hanfsamen am Tag ernährte. Auch im Hinduismus spielt der Hanf eine Rolle. Eine nepalesische Legende besagt, dass Shiva Hanfblüten aus den Dreadlocks fielen. Affen aßen diese und wurden zu Menschen. Im Islam gibt es klare Differenzen im Umgang mit Alkohol und mit Hanf. Letzterer wird im Koran nicht erwähnt und gilt somit als erlaubt. In der äthiopisch- koptischen Kirche, dem Christentum angehörig, gilt das Hanfrauchen als Sakrament.
Im Hanfhaus Kreuzberg können sich Freunde der Kultpflanze aus einer vielfältigen Produktpalette mit den unterschiedlichsten Hanf-Erzeugnissen eindecken. Angefangen beim Hanf Müsli zum Preis von 3,10 Euro sind auch Raritäten wie Hanf-Tee für 3,80 Euro oder auch Hanf Flüssigseife für 9,90 Euro erhältlich. Wem der Geldbeutel dann immer noch zu voll ist, kann auch einen neuen für 8,70 Euro erwerben und bei der Gelegenheit auch gleich für den Winter vorsorgen, mit dem Kauf einer Mütze, ebenfalls aus Hanf hergestellt, für 16,00 Euro. Seit ca. 7 1/2 Jahren besteht das Hanfhaus am Mariannenplatz im Bezirk Kreuzberg nun schon. Dennoch musste das Geschäft mit der Zeit einige Einschränkungen beim Handel mit Hanfprodukten in Kauf nehmen. Winfried Bönsch, Inhaber des Hanfhaus Kreuzberg, stand uns zu einem kleinen Gespräch zur Verfügung.
Juckreiz: Inwiefern wirkt sich die Hanfparade auf den Besucherstrom in Ihrem Geschäft aus?
Winfried Bönsch, Hanfhaus: Die Besucher in unserem Laden werden nicht gezählt. Allerdings hält sich die Zahl der Kunden seit 8 Jahren konstant.
Wie wirkungsvoll wird sich die Hanfparade in den politischen Werdegang mit einbringen können?
Ich glaube, dass sich durch die Hanfparade nichts tut. Wenn doch, dann in einer heute nicht absehbaren Zeit.
Werden Sie die Hanfparade sponsoren?
Das Hanfhaus hat die Hanfparade in den ersten 3 Jahren finanziell unterstützt. Mittlerweile tun wir das nicht mehr.
Wie oft gibt es im Hanfhaus Kontrollen durch das Staatsorgan?
Ab und an finden Kontrollmaßnahmen durch die Zivilpolizei statt. Wir halten uns jedoch strikt an die vorgegebenen Richtlinien. Können wir uns auch gar nicht anders leisten.
Trotzdem scheinen die Beamten recht sensibel auf Vogelfutter zu reagieren...
Der Verkauf von Vogelfutter ist in den Hanfhäusern mittlerweile tatsächlich verboten. Wegen Hanfsamen im Futter soll das Vogelfutter zu angeblichen Missbrauch genutzt werden. Seit 1. 6. 2002 ist außerdem auch noch der Verkauf von Duftsäckchen verboten.
Sinn macht das aber keinen.
Nun ja, Gesetzgebung hat eben mit Politik und nicht mit Logik zu tun.
Welchen Bereich des Verkaufs schließt das Verbot aus?Dazu zählen der Verkauf von Betäubungsmitteln, die durch das Betäubungsmittelgesetz festgelegt sind, aber auch der Verkauf jugendgefährdender Bücher. Bücher über den Anbau von Cannabis können höchstens an Erwachsene verkauft werden. An Jugendliche ist es illegal.
Was verbindet Sie dennoch mit der Hanfparade?
Mit unserem Stand vom Hanfhaus auf der Hanfparade machen wir auch Umsatz. Außerdem liegen in unserem Geschäft Flyer und Poster zur Hanfparade aus.
Wem verdankt das Hanfhaus seine Entstehung?
Matthias Bröckers war der Begründer des Hanfhauses, es war seine Idee. Er eröffnete das erste Hanfhaus in Berlin in der Eisenacher Straße. Dieses existiert heute aber nicht mehr. Zur Zeit gibt es in Berlin zwei Hanfhäuser: Dieses hier in Kreuzberg, dann noch eins in Mitte.
Interessierte können das Buch „HANF“ von Matthias Bröckers für 15,00 Euro beispielsweise im Hanfhaus kaufen, um weitere Informationen über die durchaus beliebte Pflanze zu erhalten.
Hanfhaus Kreuzberg, Oranienstr. 192, 10999 Berlin, Tel./Fax.: 030- 614 81 02, Mo.-Fr. 11-19 Uhr, Sa. 11-16 Uhr
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