Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sd) Nach fünf Jahren zeichnen sich in diesem Sommer wieder erste klimatische Unregelmäßigkeiten im Pazifikraum ab. Wo der Boden von Trockenheit geprägt ist, zerstören nun Regenmassen die südamerikanische Westküste. Etwa 15.000 Kilometer weiter westlich in Australien und auf den indonesischen Inseln fehlt dieser Regen ganz offensichtlich. Hier vernichten Dürren die Ernten der Bauern und damit ihre Lebensgrundlage. Für diese Gebiete bricht ein schweres Jahr an: In diesem Jahr wird das „Christkind“ Weihnachten wieder vor der Tür stehen.
In den südamerikanischen Ländern machen sich schon erste Auswirkungen des diesjährigen El Niño bemerkbar. Angefangen bei ungewohnt heftigen Regenschauern in Mexiko, alarmiert das Wetterphänomen die Bevölkerung. Denn mit der spanischen Bezeichnung „El Niño“, was übersetzt soviel heißt wie „Knabe“, bezogen auf das „Christkind“, soll dabei in keinen Fall auf eine Charaktereigenschaft angespielt werden.
Zu erklären ist diese vermeintliche Verbindung aber damit, dass diese Erscheinung in den betroffenen Gebieten um die Weihnachtszeit herum auftritt, also dann, wenn die Temperaturen ihren Höchstpunkt erreichen. Zu dieser Zeit ist in Europa und auf den Breitengraden nördlich des Äquators Winter. Alles, was südlich des Äquators liegt, befindet sich im Südsommer. Die Abstände, in denen das Phänomen El Niño auftritt, sind unregelmäßig und daher schwer vorherzusagen. Sie liegen erfahrungsgemäß zwischen 3 und 11 Jahren. „In den letzten Jahren sind El Niños häufiger aufgetreten“, sagt Udo Schrenker, unterrichtender Pädagoge für Erdkunde am Georg-Forster-Gymnasium in Lichtenberg.
Erstmals aufgefallen sind diese veränderten Wetterbedingungen vor 350 Jahren. „Von Fischern wurde ein Absterben der Fische berichtet. Die Wassertemperatur stieg an, was dazu führt, dass weniger Sauerstoff im Wasser vorhanden ist“, erklärt Horst Malberg, Professor für Meteorologie und Klimatologie an der Freien Universität, Berlin. Existent ist, da sind sich die Forscher einig, dieses Phänomen schon seit jeher. „Es handelt sich hierbei um ein natürliches Phänomen das schon seit vielen tausend Jahren auf der Erde existiert hat“, erklärt Prof. Wilfried Endlicher von der Humboldt-Universität in Berlin. Und doch befasst sich die Forschung erst seit wenigen Jahrzehnten intensiv mit diesem Thema. Der Diplom-Meteorologe Volker Vent-Schmidt ist Leiter der Abteilung Klima und Umwelt des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach am Main. „Die richtigen Forschungsarbeiten haben erst mit der Weltklimakonferenz 1979 begonnen“, erinnert er sich. Für Prof. Malberg dagegen war der relativ stark ausgefallene El Niño von 1982/83 der Auftakt zu genaueren Untersuchungen. Welches dieser beiden Daten auch immer nun der tatsächliche Auslöser war, fest steht, dass längst noch nicht alle Aspekte geklärt sind.
Der Normalfall
Um dieses System näher erläutern zu können, müssen Grundkenntnisse über die Normalsituation im äquatorialen Pazifikraum vorhanden sein. Man stelle sich dazu den pazifischen Ozean und die an ihn grenzenden Kontinente vor. Dort liegt dann zur Rechten, geographisch im Osten, die Westküste Südamerikas mit dem auf dem Äquator liegenden Staat Ecuador und den sich südlich davon befindlichen Küstenstaaten Peru und Chile. Dann, auf der linken Seite, im Westen, die Inselgebiete zwischen Australien und Indochina.
An der Westküste Amerikas herrscht ein Hochdruckgebiet, welches durch den Humboldt- (oder Peru-)strom stabilisiert wird. Es gilt somit als das stabilste überhaupt. Der Humboldtstrom bringt eine kalte Meeresströmung mit sich und verhindert so ein Aufsteigen warmer Luft in die Atmosphäre, was die Voraussetzung für ein Tiefdruckgebiet wäre. Dieses Tiefdruckgebiet existiert zum Ausgleich aber tatsächlich über dem Pazifik – allerdings vor der Küste Australiens. Hier liegen die Wassertemperaturen bei etwa 30°C und bewirken so ein beständiges Aufsteigen der Luft. Dieser Druckunterschied über dem Ozean versuchen Luftbewegungen auszugleichen: Von Australien wehen Antipassatwinde in höheren Schichten der Atmosphäre Richtung Südamerika, über den Pazifik hinweg. Dort sinken diese Luftmassen wieder in niedere Höhenlagen, beeinflußt durch geringere Temperaturen. Auf gleicher Höhe befindet sich in der Region um Australien herum aber immer noch das Tiefdruckgebiet, so dass Passatwinde nun in Richtung indonesisches Festland strömen. „Walkerzirkulation“ ist der wissenschaftliche Begriff für diesen Kreislauf.
Durch diese Luftströmungen wird auch eine Meeresbewegung angeregt. Zum einen betrifft das den Humboldtstrom, durch den kaltes Wasser aus der Antarktis an die südamerikanische Küste strömt. Das Oberflächenwasser bewegt sich Richtung Australien, wo sich das Wasser staut, aber auch weiter erwärmt wird. Hier ist der Meeresspiegel durch den Südost-Passat etwa einen halben Meter höher als vor der Küste Südamerikas und auch um etwa 5°C wärmer.
Nutzung durch den Menschen
Auf diese Abfolge haben sich die Küstengebiete seit Generationen eingestellt. Das Wasser des Humboldtstromes ist reich an Plankton und wurde auf seinem Weg mit Sauerstoff geradezu „aufgeladen“. Für Fische sind das ideale Lebensbedingungen. Und darüber ist sich auch die Bevölkerung im klaren. Wohl wichtigster Wirtschaftszweig ist hier die Fischerei, die oft auch die Lebensgrundlage für kleine Betriebe darstellt. Aufgrund der zu geringen Niederschläge kann sich keine Landwirtschaft entwickeln. So ist auch die Atakama-Wüste zu erklären, eine „Wüste, ganz nah am Wassser“ (Malberg). Ganz anders in Australien. In diesen Gebieten hat die Landwirtschaft aufgrund der anderen klimatischen Verhältnisse eine sehr dominante Stellung, denn hier regnet es wesentlich häufiger. Die Bewohner haben ihre Wirtschaft den Raumbedingungen angepasst. Bis zum Eintritt des El Niño.
Veränderte Grundlagen
Während eines El Niños kehrt sich im Extremfall das gesamte System um. In der Regel vermindert sich allerdings nur der Druckunterschied zwischen den beiden gegenüberliegenden Küstengebieten. Das schwächt die Walkerzirkulation und bringt somit den Rhythmus aus dem Gleichgewicht. Wegen den stark nachlassenden Passatwinden wird dem Humboldtstrom jegliche Antriebskraft fast vollständig genommen. Vor der Küste Südamerikas hat das ein Fischsterben zur Folge und verursacht dort Hungersnöte. „Es kommt zu heftigen Regenfällen, die die Menschen nicht gewohnt sind“, erklärt Schrenker. „Die Menschen sind darauf überhaupt nicht eingestellt. Das führt zu Todesfällen, wenn Häuser an Hängen abrutschen.“ Neben den Regengüssen erwärmt sich hier auch das Wasser merklich, dessen Temperatur üblicherweise bei 22°C liegt. „Gibt es einen Temperaturunterschied von ungefähr 5°C, handelt es sich um ein schwaches El-Niño-Jahr. Bei einem Unterschied von 10°C ist der El Niño in dem Jahr schon stärker“, erklärt Prof. Malberg. Und weiter: „Daher bezeichnen wir ein El-Niño-Jahr, da es mit hohen Wassertemperaturen verbunden ist, als Warmphase. Sonst ist es eine Kaltphase.“
Bei diesem Vorgang verschieben sich jedoch auch die Druckgebiete, zumindest schwächen sie deutlich ab. In Indonesien dagegen, fehlt der Regen. Ernten verdorren, Buschfeuer breiten sich aus. Bauern fehlt mit dem Regen jede Lebensgrundlage. „Sie sind auf die Landwirtschaft angewiesen“, beschreibt Schrenker die Misslage. „Das hat auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft“, meint Vent-Schmidt.
In Australien und den betroffenen Dürregebieten versucht man sich derweil an die klimatischen Veränderungen anzupassen. „In Australien werden schon andere Anbaumethoden angewandt“, sagt Vent-Schmidt. Auch Schrenker äußert sich gegenüber dieser Art der Wirtschaftsanpassung positiv. „Man muss versuchen, die indonesische Landwirtschaft den trockenen Bedingungen anzupassen, z.B. durch Bewässerungsanlagen.“ Er plädiert außerdem für eine andere Bebauung in den südamerikanischen Staaten, indem man z.B. Hänge befestigt und Häuser nicht an erosionsgefährdete Hänge baut.
Nicht nur die ökologischen Verhältnisse ändern sich mit einem El Niño. Die veränderte Wetterlage begünstigt häufig auch ein verstärktes Auftreten von Seuchen, vor allem im südamerikanischen Raum. Vent-Schmidt nennt den Transport von Krankheiten z.B. die Malaria.
Und doch hat der El Niño zumindest eine positive Seite: Wie die Berliner Zeitung berichtete, brachten die starken Regenfälle im Norden Chiles viele bislang unbekannte oder ausgestorben geglaubte Pflanzen zum Erblühen. Was durch den El Niño auf der einen Seite des Ozeans lebt, wird auf der anderen Seite von ihm zerstört.
„Man kann sagen, dass sich der El Niño vor allem im pazifischen Raum an den Küsten auswirkt“, meint Malberg. Das bestätigt auch der Hamburger Meteorologe und El-Niño-Experte Mojib Latif vom Max-Planck-Institut: „Der El Niño konzentriert sich vor allem auf die Tropen-Region.“ In Europa scheint daher nicht das Zielgebiet dieser Wetterfront zu liegen. Das zumindest behauptet Malberg: „Die Temperaturschwankungen in Europa sind überwiegend durch den Atlantik beeinflusst. Der El Niño bestimmt hier nicht mehr als 15% des Wettergeschehens.“
...und alle Jahre wieder
Welche Ursachen diese Abschwächung oder sogar Umkehrung der Walkerzirkulation auslösen, bleibt nach wie vor ungeklärt. Doch die Wissenschaft steht auch erst am Anfang. Für die Klimaforschung sind ausführlichere Messreihen erforderlich, denn El Niño-Ereignisse treten nur sehr unregelmäßig und in langen Zeitabständen auf.
„Seit 20 Jahren haben wir Satelliten, mit denen wir beobachten, dass sich die Wassertemperatur verändert“, berichtet Vent-Schmidt. Für die Wissenschaftler trägt dieser Fortschritt erheblich zu den Ergebnissen bei. Zur Zeit untersuchen Forscher auch einen Zusammenhang mit der globalen Klimaerwärmung. Malberg bezweifelt diese Theorie: „Es gibt überhaupt keine Beweise in keiner Richtung für einen Zusammenhang mit der globalen Klimaänderung. Das ist ein sehr kompliziertes System. Den El Niño hat es schon immer gegeben.“ Für Lehrer Schrenker dagegen ist klar: „Die Entstehung hängt mit der globalen Erwärmung zusammen“, wenn auch der „Zusammenhang noch nicht ganz geklärt“ sei. Und auch Vent-Schmidt meint: „Wir können uns nicht mehr aus dem globalen Verantwortungsbewußtsein raushalten. Es ist unbestritten, dass sich die Lufttemperatur erhöht und wir allmählich ein mediterranes Klima bekommen.“
Der Mensch als Ursache? Nicht für Malberg. „Der Einfluss vom El Niño lässt deutlich nach. Des weiteren wird die Erwärmung in Mitteleuropa durch eine verstärkte Sonneneinstrahlung verursacht.“ Auch Latif äußert sich ähnlich, denn „die globale Erwärmung ist nicht überall gleich“.
Und doch bleibt die Frage nach den Ursachen. „Der Wind braucht sich nur abzuschwächen, dann kann er die Wellen schon nicht mehr halten. Da ist ein ganz natürliches Phänomen“, beschreibt Malberg seine Stellungnahme zu diesem Diskussionsthema. Ganz offensichtlich gibt es bei diesem Thema noch viele Uneinigkeiten zwischen den Gelehrten. „Es laufen Forschungen über einen möglichen anthropogenen“ – also menschengemachten – „Einfluss“, bemerkt Endlicher vorsichtig und betont dabei besonders das Wort „mögliche“. „Es könnte sein, dass der menschliche Einfluss dabei eine Rolle spielt, es könnte nicht sein. Näheres kann man dazu noch nicht sagen.“
Die Prognosen
In diesem Jahr, so erwartet es Latif, wird der El Niño wohl nicht besonders stark werden. Er denkt, dass der El Niño nicht mal halb so stark werden wird wie vor fünf Jahren. Für die weitere Zukunft will er sich da nicht so festlegen. Solche Prognosen sind für ihn „relativ spekulativ“. Er rechne aber damit, dass der Effekt häufiger und stärker auftritt. Und auch Schrenker könne sich vorstellen, „dass El Niños in kürzeren Abständen auftreten“. Nur der Deutsche Wetterdienst bleibt bei seinen Prognosen schüchtern. „Wir lehnen Voraussagen von Klimavorhersagen grundsätzlich ab. Da kann man auch genausogut würfeln“, sagt Vent-Schmidt.
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