Juckreiz Die Jugendumweltzeitung aus Berlin
(sb) Nie hätte ich gedacht, dass mir das passieren könnte. Ausgerechnet mir. Wo ich doch immer vorsichtig gewesen war, bestimmte Straßen mied, mir dreimal überlegte, wo ich nachts noch hinfuhr. Und dann das. Ich wollte es zunächst nicht wahr haben, verdrängen, konnte mich nicht damit abfinden, so unachtsam gewesen zu ein. Stundenlang wälzte ich mein Problem hin und her. Ich musste doch was tun!
Zunächst versuchte ich alleine damit fertig zu werden. Ich tat alles, was in meiner Macht stand. Mit vorsichtiger Zuversicht begann ich, hatte ich doch schon früher einer Freundin in derselben Situation erfolgreich helfen können. Doch im Nachhinein glaube ich, ich machte alles nur noch schlimmer. Irgendwann war ich dann am Ende.
„Geh zu einem Fachmann“, riet mir eine Freundin, als ich ihr die Situation schilderte. „Professionelle Unterstützung wird dir sicher helfen.“ Natürlich, auf die Idee war ich auch schon gekommen, hatte sie aber wieder verworfen. Bei so einer Lappalie, hatte ich mir gedacht. Das passiert schließlich Tausenden von Menschen täglich. Andere kommen ja wohl auch alleine damit klar, wieso sollte ich es nicht schaffen?
Doch nun nahm ich ihren Rat an. Ich wusste gleich, an wen ich mich wenden würde. Er hatte mir schon des Öfteren in weitaus schwierigeren Situationen geholfen. Umgehend nahm er sich Zeit für mich. Fast war es mir etwas peinlich, mit so einer Kleinigkeit zu ihm zu kommen. Doch aus seiner Reaktion entnahm ich, dass ich mich durchaus nicht ungewöhnlich verhielt. „Das kriegen wir wieder hin.“, beruhigte er mich zuversichtlich. „Sie werden sehen, ein Wochenende, länger dauert es nicht.“ Ich versuchte, ihm zu glauben. Das Wochenende war die Hölle. Mitten im Hochsommer regnete es, einen Tag, zwei Tage...Es schien kein Ende nehmen zu wollen und nirgendwo war auch nur ein Fetzen blauer Himmel zu sehen. „Sintflut“ titelte die BZ sogar. Ich wollte kaum noch aus dem Haus gehen, verkroch mich in meinem Zimmer und hörte Nachrichten, die von der Flutkatastrophe in Sachsen berichteten. So konnte ich mich wenigstens ablenken.
Meine Freundin rief mich an, um mir Mut zu machen. „Kopf hoch, das wird schon wieder.“ Ich glaubte ihr kein Wort. Irgendwann ließ der Regen nach. Es wurde wieder gut. Dennoch war ich anfangs vorsichtig. Mied wieder gefährliche Straßen, schaute dreimal um die Ecke, bevor ich abbog. Es war nicht einfach, doch das war es mir wert. Nie wieder sollte mir so etwas passieren, sagte ich mir, und sei es noch so normal. Später wurde ich unvorsichtiger. Schließlich war mir klar, dass es überall passieren kann. Ob in Berlin oder Bangkok, in Hintertüpfelheim oder in Oberburgdorf, es spielt keine Rolle. Nur der nette Mann aus der Fahrradwerkstatt verstand mich nicht. Ich solle mich nicht so haben, meinte er, ein Loch im Reifen sei schließlich kein Weltuntergang.
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