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Kindersoldaten

Kindheit im Kampf

(sb) „Was sie uns angetan haben, ist ein Verbrechen. Sie haben das schlimmste Verbrechen verübt, das es auf der Welt gibt. Indem sie uns zu jungen Soldaten machten, haben sie uns unsere Kindheit genommen. Und sie können sie uns nicht zurückgeben.“

Es ist still im Saal. Eine halbe Stunde nur hat China Keitetsi aus ihrer Vergangenheit erzählt und doch alle Anwesenden damit in ihren Bann geschlagen. Die Grausamkeiten, die sie im Bürgerkrieg von Uganda erlebt hat, waren kaum vorstellbar.

Im Alter von neun Jahren haben die Rebellenkämpfer die heute 26-Jährige aufgegriffen. „Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr“, sagt sie heute darüber. Das ist auch der Titel des Buches, das sie jetzt veröffentlicht hat. Es ist das erste Mal, dass eine ehemalige Kindersoldatin ihre Situation schriftlich festhält. Entstanden ist die Autobiographie in den Nächten, in denen sie, von den Geschehnissen ihrer Vergangenheit überwältigt, nicht schlafen konnte.

Zehn Jahre lang kämpfte China an der Grenze Ugandas. Den Namen hat ihr ein Ausbilder gegeben – ihre Augen waren angeblich chinesisch. Sie hat noch Glück gehabt damit, andere hießen Rambo, Commander oder Suicide. Anfangs war das Leben bei den Rebellen für sie aufregend, doch schnell holte sie der harte Alltag ein. Als sie eines morgens ohne ihre Waffe aufwachte, schlugen die Lagerführer sie zusammen, sie müsse ständig darauf Acht geben. Sie lernte, ihr Gewehr immer bei sich zu tragen. „Die Waffe war meine Mutter, mein Freund, die Waffe war alles.“ erzählt sie. „Die Waffe war ich.“ Sexueller Missbrauch durch die Ausbilder war an der Tagesordnung. Wurden die Mädchen schwanger, haben die Rebellen sie ausgesetzt. Ohne Ausbildung, ohne schulische Laufbahn, ohne Mann, ohne Existenz. „Alles, was wir konnten, war schießen“, sagt China.

Auch jetzt, sieben Jahre nach den Geschehnissen, kann sie die Tränen nicht zurückhalten, wenn sie über die Ereignisse spricht. Wie sie dazu gezwungen wurde, Freunde zu foltern. Wie sie eben noch mit einem Freund sprach, kurz darauf einen Schuss hörte und wusste, es war Selbstmord. Die Gewissensbisse, die sie nicht los wurde, die quälende Frage: Habe ich etwas Falsches gesagt? Wiederholt versuchte sie zu entkommen, doch erst mit 19 Jahren gelang ihr die Flucht über Südafrika. Durch die Unterstützung der Vereinten Nationen konnte sie nach Dänemark ausreisen. Hier erfuhr sie zum ersten Mal, was Menschenwürde heißt – ja, dass alle Menschen, insbesondere Kinder, Rechte haben. Auch, dass sexueller Missbrauch und der Einsatz von Kindersoldaten diesen Rechten widersprechen.

Trotz alledem würde sie gerne noch einmal in ihre Heimat zurückreisen. Vor allem, um ihre Kinder zu sehen und ihren Sohn, der nun selbst Soldat ist, mit nach Dänemark zu nehmen. Doch an eine gefahrlose Rückkehr ist nicht zu denken. Gerade jetzt, wo die Medien in Europa über sie berichten, stellt das Regime in Uganda eine Bedrohung dar.

Über 300.000 Kinder weltweit teilen derzeit dieses Schicksal. 120.000 sind es allein in Afrika. Für viele ist das Leben in der Truppe ein Schutz in der zerrütteten Situation eines Landes im Bürgerkrieg, für alle eine Ersatzfamilie, wenn die Eltern erschossen und die Geschwister selbst bei den Rebellen sind. Kinder sind für die Truppenführer leichter zu manipulieren als Erwachsene, und die vielen Leichtgewehre sind wie geschaffen für kleine Kinderhände. Das Trauma, das der kindlichen Psyche zugefügt wird, verfolgt sie alle ein Leben lang.

Nicht viele haben so viel Glück wie China. Von den 10.000 Kindern, die innerhalb der letzten zehn Jahre entführt wurden, werden über 5.000 bis heute vermisst. Viele sterben noch auf den Märschen an Erschöpfung oder Krankheiten. Andere begehen Selbstmord oder werden bei dem Versuch zu fliehen erschossen. Oft dienen die jungen Soldaten bei Straßensperren als menschliches Schutzschild, eine Deckung für die erwachsenen Kämpfer. Alkohol und Drogen sollen das Leben erträglich machen und die Kinder ihre Taten vergessen lassen.

China möchte mit ihrer Geschichte aufrütteln, den Menschen verdeutlichen, in welcher Art Kinder missbraucht werden. Zwar stehen die Kinderrechte der UN auf dem Papier, nur ist es ein weiter Weg bis zu deren Umsetzung. Auch in Deutschland ist die Vereinbarung, die den Dienst an der Waffe erst im Alter von 18 Jahren erlaubt, immer noch nicht ratifiziert. China will dazu animieren, das Leben ernsthafter zu leben. „Die Menschen hier,“ sagt sie, „nicht nur Erwachsene, auch die Jugendlichen sollten glücklich sein über die Rechte, die sie hier haben, über das Leben, das sie in Europa führen dürfen.“

Juckreiz-Redakteurin Svenja Bergt hat mit diesem Text den 1. Preis beim Wettbewerb des entwicklungspolitischen Kinderhilfswerks terre des hommes für junge JournalistInnenen zum Thema „Kinderrechte“ gewonnen. Die Redaktion gratuliert!


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